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Dormagen
"Schule als zweites Zuhause"

Dormagen: "Schule als zweites Zuhause"
Johannes Gillrath leitet seit 1. August das Norbert-Gymnasium in Knechtsteden. FOTO: H. jazyk
Dormagen. Johannes Gillrath, seit dem 1. August Schulleiter am Norbert-Gymnasium Knechtsteden, sprach mit der NGZ über seinen Start, seine Ziele und aktuelle Meinungsverschiedenheiten mit Schülern.

Herr Gillrath, haben sie den Überblick im "Kosmos Knechtsteden"?

Johannes Gillrath Ja, einen Überblick schon, sonst könnte ich das hier nicht machen. Aber es ist schon sehr vielschichtig – anders als an jeder anderen Schule. Es ist eine andere Welt, nicht nur Schulleiter, sondern auch Geschäftsführer zu sein.

Was macht Knechtsteden aus?

Gillrath Knechtsteden weist weit über das normale Maß eines Gymnasiums hinaus, mit Internat, Sport und vielen Veranstaltungen – das ist nicht immer täglich Brot des normalen Schulleiters. Entscheidend ist, dass hier der Träger nicht im Hintergrund bleibt, was nicht immer unproblematisch ist.

Hat Sie die Gemengelage überrascht?

Gillrath Gewisse Dinge kann man nicht erwarten. Event Management etwa ist völlig neu für mich. Angenehm überrascht bin ich von den Schülern, insbesondere der zahlenmäßig starken Jungenschaft. Trotz aktueller Auseinandersetzungen ...

Wie man hört, ging es um Müll in der Mensa.

Gillrath Seit ich da bin, habe ich festgestellt, dass einige Jahrgangsstufen zu sorglos mit den Räumen umgehen. Mir fehlt die Wertschätzung des Reinigungspersonals. Jeder von uns macht Dreck, aber ich habe ein Problem, wenn ältere Menschen den Müll der Schüler aufheben müssen.

Deshalb haben sie die Mensa als Aufenthaltsort dicht gemacht?

Gillrath Ich habe mehrere freundliche Durchsagen gemacht und einen Brief geschrieben. Als keine Reaktion kam, habe ich die Mensa, die seit letzten Freitag wieder offen ist, vorübergehend geschlossen, um ein Zeichen zu setzen.

Hat Sie der heftige Protest überrascht?

Gillrath Ich fand das nicht dramatisch, ich kannte eine so luxuriöse Situation wie hier gar nicht. Leider hat die Schülerschaft nicht das Gespräch mit mir oder jemand anderem aus der Schulleitung gesucht. Das aber erwarte ich von jedem, der unzufrieden ist.

Was sollte Ihr Zeichen bewirken?

Gillrath Wir alle tragen Verantwortung für unsere Umwelt. Das ist letztlich banal, aber Teil des Menschwerdens. In einem halben Jahr ist das bei allen drin.

Die Reaktionen der Schüler haben sicher auch damit zu tun, dass Ihr Vorgänger extrem beliebt und nahbar war. Empfinden Sie das als Bürde?

Gillrath Nein, seine Person beeinträchtigt mein Tun gar nicht. Was er hier aufgebaut hat, ist aber sicher eine Herausforderung.

Holen Sie sich Rat bei ihm?

Gillrath Das war ab und an der Fall. Aber zum Glück habe ich mit meinem Stellvertreter, Herrn Hahnen, ein weiteres Urgestein im Haus. Er unterstützt mich absolut loyal und ist eine immense Hilfe.

Sind Sie strenger als Ihr Vorgänger Zanders?

Gillrath Schwer zu sagen, weil ich das nicht vergleichen kann. Ich lege Wert auf gute Pädagogik und gutes Miteinander, bleibe aber auch auf Distanz zu Lehrern und Schülern. Zanders hatte eine andere, über viele Jahre gewachsene Rolle. Mir war klar, dass ich eine andere Rolle annehmen muss – es gibt kein "Du" mehr zu Lehrern, wie ich das an meiner Schule vorher gewohnt war. Das hat Nachteile, birgt aber auch Chancen.

Sie werden vom Trägerverein als "streitbarer" Geist geschätzt. Worüber wird gestritten?

Gillrath Etwa über die Ausstattung eines meiner Lieblingskinder: das Internat, für das wir Einiges tun müssen, auch personell. Die Kinder müssen sich wohlfühlen. Sie müssen Ihren Neigungen nachgehen können, und das vor kirchlichem Hintergrund.

Kommt Ihnen der hier zu kurz?

Gillrath Insgesamt nicht. Anfangs war ich skeptisch. Aber jetzt ich bin froh darüber, wie gut und engagiert zum Beispiel die Gottesdienste gestaltet werden.

Welche Akzente setzen Sie sonst?

Gillrath Ich will die Chancen nutzen, die das Gebäude und die Lage bieten. Ich will ein zweites Zuhause schaffen. Dazu gehört, das Leben der Kinder zu entschleunigen.

G8 ist aber das Gegenteil...

Gillrath Das ist das Problem, wie ich als Vater von vier Kindern weiß. Die Schüler haben eine hohe Stundenzahl, schreiben eine Arbeit nach der anderen und haben zu wenig Luft, um sich zu entwickeln.

Sind die Kinder überfordert?

Gillrath Ja, deutlich. Auch wir haben Schüler mit Magersucht, Abhängigkeit von Medien und Verwahrlosung. Das gibt's überall, ganz massiv. Deshalb brauchen wir einen Therapeuten und Sozialarbeiter für schwere Fälle. Wir Lehrer sehen vieles nicht, müssen den Spagat zwischen fachlicher Ausbildung und Betreuung schaffen. Das Modell Ganztagsschule sehe ich daher auch nicht mehr rein negativ.

Heiko Schmitz führte das Gespräch

(NGZ/jco)
 
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