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Analyse
Sprach- und ratlos nach dem Dolchstoß

Dormagen. Wie geht es mit der CDU-Fraktion und ihrem Vorsitzenden André Heryschek weiter? Der Dormagener Landtagskandidat steht nach dem abrupten Ende des bürgerlichen Bündnisses und der krachenden Niederlage im Stadtrat vor einem Scherbenhaufen. Von Klaus D. Schumilas

"Wo ist Behle?" fragte Sportreporter Bruno Moravetz in der Übertragung des 15-Kilometer-Langlaufes bei den Olympischen Winterspielen 1980 in Lake Placid verzweifelt. An diese legendäre Frage wird sich der ein oder andere Politiker der Dormagener CDU in dieser Woche erinnern, weil sie kein Lebenszeichen von André Heryschek vernehmen. Der Fraktionsvorsitzende und Dormagener Landtagskandidat ist seit der Ratssitzung am Dienstag abgetaucht, offenbar erkrankt. Weder für Presse, noch für politische Mitstreiter zu sprechen.

In dieser Ratssitzung zerbrach das bürgerliche Bündnis mit Zentrum und FDP, weil die Liberalen mittendrin aus Frust über einen Alleingang der CDU-Spitze ihren Austritt erklärten. In der selben Ratssitzung kassierte das Dreier-Bündnis eine spektakuläre, dramatische Abstimmungsniederlage, die in Wahrheit eine des 30 Jahre alten CDU-Fraktionschefs ist. Mitglieder seiner Fraktion verabredeten kurz vor der Abstimmung vor dem Ratssaal im Beisein der SPD den Putsch, die wenig später eine (erfolgreiche) geheime Abstimmung beantragte. Dort stimmten wohl sieben CDUler (von 15) gegen ihn. Bitter! Seitdem ist die stärkste Ratsfraktion sprachlos. Weder Heryschek, noch Vertreter Jo Deußen äußern sich öffentlich zu den folgenschweren Vorgängen.

Heryschek dürfte um Entscheidungen ringen. In einer Analyse wird er nüchtern konstatieren müssen, dass ihn weite Teile der Fraktion, meist noch unerfahrene Politikneulinge, wie eine heiße Kartoffel haben fallen lassen. Ausgerechnet in einer Phase, in der er nach der sehr glanzlosen Aufstellung zum Dormagener Landtagskandidaten (69,9 Prozent) umso mehr Unterstützung nötig hätte. Aber er macht sich auch selbst angreifbar. Nur ein Beispiel: Warum bleibt in unschöner Regelmäßigkeit ein Ratsstuhl der CDU leer? Der beruflich nach Viersen gewechselte Norbert Dahmen fehlte in fünf der letzten sieben Ratssitzungen, ohne dass Heryschek ein Machtwort spricht!

Der Dolchstoß von Dormagen ist noch viel weitreichender. Am 23. Juni sollen die Delegierten aus Dormagen, Rommerskirchen und Grevenbroich den CDU-Landtagskandidaten für den Wahlkreis 45 und damit Herausforderer für Mandatsinhaber Rainer Thiel wählen. Wie realistisch ist dort ein Sieg von Heryschek? Schon heute soll sicher sein, so heißt es aus Kreisen der Christdemokraten, dass eine Handvoll Delegierte ihrem Kandidaten das Votum verweigern werden. Das lässt nicht viel Gutes erahnen. Was kann ein angeschlagener Heryschek tun, abgesehen von der Notwendigkeit, in der Fraktion die Vertrauensfrage zu stellen?

Der 30-Jährige ist gewillt, den Weg zum Berufspolitiker einzuschlagen. Intelligenz und Fachwissen sind ihm nicht abzusprechen. Jetzt kann er zeigen, dass er auch klug ist. Über seine persönlichen Ambitionen hinaus geht es nämlich um die Zukunft der CDU in Dormagen und im Wahlkreis. Und dort müssen sich die Christdemokraten und zuvorderst Heryschek selbst fragen, ob er noch der richtige Kandidat für das große Ziel - an Muttertag im kommenden Jahr das 2012 an die SPD verloren gegangene Landtagsmandat zurückzuholen - ist? Das betrifft auch die Rommerskirchener CDU nach dem "Fall Heyner", der Kandidat Michael Willmann belastet.

Eine Option wäre, Heryschek verzichtet auf seine Kandidatur und schlägt stattdessen Tanja Engwicht vor. Sie genießt in der Partei viel Sympathie und zog ihre Kandidatur unerwartet nur zurück, weil die Parteispitze ihr unverblümt ankündigte, jegliche Rückendeckung zu verweigern. Es wäre ein Schritt, der dem 30-Jährigen Respekt einbrächte und die wohl einzig Chance, seine politische Karriere zu retten.

Quelle: NGZ
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