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Selbst der Trainer spricht von Offenbarungseid

Lokalsport: Selbst der Trainer spricht von Offenbarungseid
Hiergeblieben: Auch Alexander Feld rannte sich immer wieder in der Nordhorner Deckung (hier Asbjörn Madsen und Jürgen Rooba, v.l.) fest. FOTO: H. J. zaunbrecher
Dormagen. Handball-Zweitligist TSV Bayer Dormagen lässt bei der 20:27-Schlappe gegen Nordhorn Einsatz, Leidenschaft und Disziplin vermissen. Von Volker Koch

Vielleicht war dieses Spiel schon nach 75 Sekunden entschieden. Da hatte nämlich Sven Bartmann gerade einen Wurf von Asbjörn Madsen pariert, es war bereits der zweite gescheiterte Angriff der HSG Nordhorn-Lingen, die sich zu diesem Zeitpunkt in Überzahl befand. Doch anstatt in Ruhe die eigene Offensivaktion einzuleiten, versuchte sich der Torhüter des TSV Bayer Dormagen an einem langen Pass auf Rechtsaußen - der prompt von der Deckung der Gäste abgefangen wurde.

Eine kleine Szene nur, aber irgendwie symbolisch für diesen Mittwochabend, an dem sich die Dormagener von all jenen guten Handballgeistern verlassen präsentierten, die sie die beiden voraufgegangenen Spiele ausgezeichnet hatten. Am Ende stand eine bittere 20:27-Schlappe (Halbzeit 9:13), die leicht doppelt so hoch hätte ausfallen können, wenn die nur zu elft angereisten Nordhorner nicht in der Schluss-Viertelstunde auf Freundschaftsspiel-Modus geschaltet hätten.

Und es stand eine bittere Erkenntnis, die Trainer Jörg Bohrmann in schonungsloser Offenheit aussprach: "So haben wir in dieser Liga nichts verloren." Wohl wahr. Nicht allein die zwei verpassten Punkte tun weh, die Bayer angesichts der Rostocker 26:29-Heimniederlage gegen Ferndorf vorerst auf einen Nicht-Abstiegsplatz katapultiert hätten. Sondern vor allem die Art und Weise, wie diese Pleite zustande kam.

"Die Leistung war inakzeptabel", sagt Bohrmann, der in der letzten Viertelstunde stumm und unbewegt auf seiner Bank saß und ebenso wie Co-Trainer Tobias Plaz überhaupt nicht mehr ins Spielgeschehen eingriff: "Sie haben sich ja eh nicht an die taktischen Absprachen gehalten." So seien zwei Drittel der Nordhorner Treffer vor der Pause genau so gefallen, wie er es seinen Schützlingen -zig Mal auf Video gezeigt habe: "Sie wussten genau, was zu tun war."

Doch sie taten es nicht. Stattdessen kamen sie in der Deckung - beim 22:21-Sieg über Bietigheim eine Woche zuvor und auch bei der 20:23-Niederlage in Wilhelmshaven drei Tage später noch das hoch gelobte Prunkstück - meist einen oder gar zwei Schritte zu spät. "Und im Angriff haben wir Standhandball gespielt", monierte Bohrmann. Genau damit spielten sie den Gästen, die 55 Minuten lang nur mit acht Feldspielern auskamen, in die Karten, denen mit höherem Tempo durchaus beizukommen gewesen wäre. Doch immer, wenn die Dormagener Ansätze dazu zeigten, ging das fürchterlich in die Hose, weil kaum ein Pass wirklich zielgenau beim Adressaten landete.

Trotz allem hätten sie die Partie für sich entscheiden können. Beim 8:7 (21.) gingen sie sogar in Führung, beim 13:14 (35.) hatten sie den Vier-Tore-Pausenrückstand fast wieder wettgemacht. Was folgte, war das schiere Grauen: Zehn Minuten später führten die Gäste mit 23:13! Ein 0:9-Lauf der Heimmannschaft, das dürfte rekordverdächtig sein. Bohrmann versuchte mit Auszeit und Deckungsumstellung - Lukas Stutzke nahm HSG-Regisseur Alexander Terwolbeck "kurz" oder versuchte es zumindest - das Unheil zu stoppen. Vergebens. "Da war kein Einsatz, keine Leidenschaft, keine Disziplin", schimpfte der Coach und fand dafür nur ein treffendes Wort: "Offenbarungseid."

Und dann widerfuhr den Dormagenern das Schlimmste, was einem Sportler passieren kann: Sie ernteten Mitleid. Vom Gegner - "wenn Nordhorn durchgezogen hätte, hätten die uns heute mit 15 Toren aus der Halle geschickt", meinte Bohrmann. Und von den eigenen Fans - Unmutsbekundungen gab es keine, was selbst den Trainer verwunderte: "Ich kann mich beim Publikum nur für die Geduld bedanken - heute hätten wir Pfiffe verdient gehabt."

Eine Erklärung für den kollektiven Blackout hatten weder Bohrmann noch Plaz noch die Spieler selbst. "Wir waren einfach nur schlecht", gestand Jo-Gerrit Genz, dem nach zwei starken Auftritten zuvor diesmal nur ein Treffer gelang, "das Gute ist, dass wir schon am Sonntag die Chance haben, es besser zu machen." Wenn nicht, droht beim Tabellendritten HSC Coburg ein fürchterliches Debakel. Es ist das vierte Spiel in elf Tagen. "Eigentlich", sagt Bohrmann, "müssten wir uns jetzt ausruhen. Aber das geht nach so einer Vorstellung gar nicht." Tobias Plaz zog mit dem Blick auf die inzwischen fast leere Halle ein wenig überraschendes Fazit: "So ein Spiel", sagte der Co-Trainer, "darf sich nicht wiederholen." Sonst hat der TSV nämlich wirklich nichts in der Zweiten Liga zu suchen.

Quelle: NGZ
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