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Lokalsport
Traditionsklubs kämpfen ums Überleben

Lokalsport: Traditionsklubs kämpfen ums Überleben
Als Petre Ivanescu, der heute 80 Jahre alt wird (mit Peter Nowak, r.), Dieter Bartke und Hade Schmitz (kleine Bilder von oben) mit TSV Bayer Dormagen und TuSEM Essen Handballgeschichte schrieben, waren Patrick Hüter und Jonas Ellwanger (großes Bild v.r.) noch gar nicht geboren. FOTO: Zaunbrecher/Archivfotos: Jazyk (2)/Eisenhuth
Dormagen. Einst gehörten TuSEM Essen und Bayer Dormagen zur Handball-Spitzenklasse, morgen duellieren sie sich im Zweitliga-Abstiegskampf . Von Volker Koch

So ändern sich die Zeiten. In der "ewigen Tabelle" der Handball-Bundesliga nehmen TuSEM Essen und der TSV Bayer Dormagen immer noch Spitzenplätze ein - TuSEM ist Siebter mit 29 Jahren Zugehörigkeit zum Oberhaus, Dormagen 17. mit immerhin 16 Spielzeiten in der "stärksten Liga der Welt". Von den aktuellen Erstligisten sind nur fünf besser platziert als Essen, weitere fünf stehen vor Dormagen - und es wird noch einige Zeit dauern, bis die Chemiestädter vom nächsten, der MT Melsungen, eingeholt werden.

Doch wenn sich die Traditionsklubs morgen Abend - Anpfiff durch die Schiedsrichter Van Hoang Chung und Jannik Otto ist um 19 Uhr - im TSV-Bayer-Sportcenter gegenüberstehen, geht es für beide ums sportliche Überleben in der Zweiten Liga. Die Gastgeber sind mit 19:44 Punkten Vorletzter und müssten am Saisonende den Gang in die Dritte Liga antreten, wenn sie nicht noch die fünf Zähler Rückstand zum rettenden Ufer wettmachen können in den verbleibenden acht Begegnungen.

Die Essener stoppten zuletzt ihren freien Fall in die akut gefährdete Zone nach fünf Niederlagen in Folge durch einen 35:32-Heimsieg über den TV Emsdetten - an Schmitz' Backes vorbei sind sie mit 28:36 Punkten indes noch nicht. Ein Sieg in Dormagen könnte schon die halbe Miete bedeuten, auch wenn inzwischen kaum noch einer davon ausgeht, dass die "magische Grenze" von 30 Punkten wirklich zum Ligaverbleib ausreicht.

Die "kleinen Brötchen", die die früheren Spitzenklubs - TuSEM war drei Mal Deutscher Meister, zuletzt 1989, gewann drei Mal den DHB-Pokal und war drei Mal Europapokalsieger, zuletzt 2005 im EHF-Cup, der TSV Bayer stand 1993 im Finale des EHF-Europapokals und des DHB-Pokals - sind naturgemäß finanziell bedingt. Beide haben gleich mehrere Insolvenzen und Zwangsabstiege hinter sich, beide können von Etats früherer Zeiten nur träumen - und beide setzen deshalb verstärkt auf die (eigene) Jugend. Essen hat sieben Spieler im Kader, die Jahrgang 1994 und jünger sind, bei Dormagen sind es mindestens genau so viele - abhängig davon, auf wie viele A-Jugendliche das Interims-Trainergespann Tobias Plaz und Erik Wudtke zurück greift.

Mit anderen Worten: Als sich TuSEM und TSV die heißen Handballschlachten lieferten, war ein Großteil der heutigen Spieler noch gar nicht geboren. Eines dieser Spiele hat seinen besonderen Platz in der Dormagener Handball-Geschichte: Am 10. Oktober 1987 feierte der TSV Bayer Dormagen seinen ersten Erstliga-Sieg - der Gegner hieß ausgerechnet TuSEM Essen, der als aktueller Deutscher Meister in die damalige "Schweinehalle" an der Konrad-Adenauer-Straße gereist war. Die bei den Duellen beider Klubs regelmäßig aus allen Nähten platzte - auch der "Rekord" mit mehr als 1700 Zuschauern in der offiziell nur 1470 Besuchern Platz bietenden Halle datiert aus einem Spiel gegen den TuSEM.

34 Mal haben die beiden die Klingen gekreuzt - gegen keinen anderen Gegner haben die Dormagener so viele Pflichtspiele bestritten (31 Punktspiele in Erster und Zweiter Liga plus drei Begegnungen im Play-off-Viertelfinale 1991) wie gegen den TuSEM. Der meist das bessere Ende für sich hatte: Von den 34 Spielen gewannen die Dormagener nur zehn, zuletzt am Gründonnerstag (2. April) des vergangenen Jahres mit 30:25. Das Hinspiel Ende Oktober entschieden die Essener mit 27:22 für sich.

Die gemeinsame Geschichte wird indes nicht nur durch heiße und mitunter im Kampf um Titel, Auf- oder Abstieg entscheidende Duelle geprägt. Sondern auch durch Trainer und Spieler, die von der Margarethenhöhe zum Höhenberg wechselten und umgekehrt. Die Liste ist lang: Heinz Baldus, Dieter Bartke, Kalle Töpfer, Jörn-Uwe Lommel, Karsten Kohlhaas, Maik Handschke, Matthias Reckzeh und Mirko Bernau gingen diesen Weg ebenso wie Trainer Hade Schmitz, der TuSEM als Deutscher Meister verließ und von 1990 bis 1994 die erfolgreichste Zeit des Dormagener Handballs maßgeblich prägte (mit Michael Biegler, dem neuen Bundestrainer der Frauen-Nationalmannschaftl als Assistenten).

Der erste freilich war Trainerlegende Petre Ivanescu, der heute seinen 80. Geburtstag feiert. Mit TuSEM wurde er 1986 erstmals Meister, wechselte dann zum TSV Bayer und führte den ohne Niederlage zur Zweitliga-Meisterschaft und zum Bundesliga-Aufstieg. Auch wenn ihm am 10. Oktober 1987 mit dem 18:16 gegen seinen ehemaligen Arbeitgeber erst der erste Saisonsieg gelang, führte er die Bayer-Handballer noch bis auf Platz fünf - was den Dormagenern das Jahrzehnte-lang gültige Prädikat "bester Aufsteiger aller Zeiten" eintrug. Das morgige Duell steht da unter ganz anderen Vorzeichen.

Quelle: NGZ
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