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Wort Zum Sonntag
Von deutscher Schuld und Verantwortung

Dormagen. Er ist wieder da. Das verstört mich. In diesen Tagen sehe ich Adolf Hitler auf Buchtiteln, in Rezensionen, Diskussionen und Kinoanzeigen. Die Inhalte der Trailer lassen mich zögern, mir den Film anzuschauen oder das Buch zu lesen: Die Unterscheidung zwischen der Intention, Hitler als teils sympathische, teils kuriose Witzfigur darzustellen oder aber die Verführbarkeit der Massen anzuzeigen, fällt schwer. Noch mehr verstören mich die Dokumentarszenen, in denen sich Menschen ohne Scheu zu Inhalten der NS-Propaganda bekennen und sich bereiterklären, Hitler in seinen Propaganda-Plänen zu unterstützen. Ich war unlängst in Belgien in einer Anne-Frank-Ausstellung, die die Propaganda des NS-Regimes, ihre Folgen und Gräueltaten auf andere Art einfängt. Durch diese Ausstellung werden viele Menschen geführt, u.a. belgische Schüler. Was für ein Bild von Deutschland und deutscher Geschichte wird ihnen durch dieses Buch und diesen Film vermittelt?

Morgen jährt sich die Stuttgarter Schulderklärung zum 71. Mal. Am 18./19. Oktober 1945 traf sich in Stuttgart der Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland mit Vertretern des Ökumenischen Rates der Kirchen. Es wurde ein Papier verfasst, in dem sich die Vertreter der Ev. Kirche mit ihrer Schuld und Verantwortung für die Zukunft auseinandersetzen. Zum Schluss heißt es: "Wir hoffen zu Gott, dass durch den gemeinsamen Dienst der Kirchen dem Geist der Gewalt und der Vergeltung, der heute von neuem mächtig werden will, in aller Welt gegengesteuert werde und der Geist des Friedens und der Liebe zur Herrschaft komme, in dem allein die gequälte Menschheit Genesung finden kann." Mit dieser Schulderklärung sollte ein Signal gesetzt werden, das Vergebung und Versöhnung möglich macht - und ökumenische Zusammenarbeit, die sich allein dem Frieden Jesu Christi verpflichtet fühlt. Damals löste das Papier mit dem ungeschönten Schuldeingeständnis eine Welle der Empörung aus. Heute ist es weitgehend vergessen. Aber er: Er ist wieder da.

Pfarrerin Daniela Meyer-Claus, Kreuzkirche Nievenheim

Quelle: NGZ
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