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Wehrhahn-Attentat
17 Jahre Warten auf den Prozess

Video: Wehrhahn-Attentat – so lief der Einsatz vor 16 Jahren
Düsseldorf. Am kommenden Donnerstag beginnt die Verhandlung gegen den mutmaßlichen Wehrhahn-Bomber Ralf S. Der 51-Jährige muss sich wegen zwölffachen versuchten Mordes verantworten.  Von Stefani Geilhausen

Seine Internetseiten liegen seit einem Jahr still. Sein enormes Mitteilungsbedürfnis stillt er seit seiner Verhaftung per Brief. Er schreibt an Zeitungs- und Fernsehredaktionen, beteuert seine Unschuld, bietet exklusive Interviews an. Nächste Woche wird man ihm zuhören müssen. Dann steht er wegen zwölffachen versuchten Totschlags vor Gericht. Ralf S., 51 Jahre alt, soll der Attentäter vom S-Bahnhof Wehrhahn sein.

Für den Abend bevor Staatsanwalt Ralf Herrenbrück die Anklage verlesen wird, hat die Jüdische Gemeinde zu einer Informationsveranstaltung eingeladen. Warum hat es 17 Jahre gedauert, einen Mann anzuklagen, der schon kurz nach der Tat in Verdacht geriet, heißt eine der Fragen, die unter anderem mit Monika Düker diskutiert werden sollen.

So sieht der S-Bahnhof Wehrhahn in Düsseldorf heute aus FOTO: dpa, mku

Die Landtagsabgeordnete der Grünen war zuletzt Mitglied in dem parlamentarischen Untersuchungsausschuss, der sich im Zusammenhang mit den Verbrechen des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU) auch mit dem Anschlag am Wehrhahn befasst hatte. Der betrifft die Jüdische Gemeinde vor allem deshalb, weil unter den neun teils schwer verletzten Opfern überwiegend jüdische Einwanderer aus der ehemaligen Sowjetunion waren.

Eine Beziehung zwischen Ralf S. und dem Mördertrio des NSU haben die Ermittler 2012 ausgeschlossen. Dessen Waffenlieferant Carsten Sch., der in München als NSU-Komplize angeklagt ist, war drei Jahre nach dem Wehrhahn-Anschlag eher zufällig nach Düsseldorf gekommen, hatte sich zu dieser Zeit von der rechten Szene bereits losgesagt. Von dem Anschlag hatte er gehört, sich auch über die Neonazi-Aktivitäten in Düsseldorf informiert. Den Namen Ralf S. aber will er nie gehört haben.

Die Aussage von Sch., den die Staatsanwaltschaft Anfang des Jahres vernahm, ist für Kenner der Szene keine Überraschung. Ralf S. hatte zwar unbestreitbar Kontakte in die Düsseldorfer Neonazi-Szene der Jahrtausendwende. Aber ein großes Licht im braunen Sumpf war er nicht. Selbst tumben Skinheads galt der Mann, der in einem eher schlecht laufenden Militarialaden Armee-Devotionalien und Waffenattrappen verkaufte und nebenbei einen Sicherheitsdienst betrieb, als völlig durchgeknallt. Bei ihm kaufte man, was ein Neonazi so braucht, aber mehr wollte kaum einer mit ihm zu tun haben. Und als wenige Stunden nach dem Anschlag am Wehrhahn bekanntwurde, dass die Opfer ausländische Sprachschüler sind, gingen sofort auch aus dieser Szene etliche Hinweise auf Ralf S. bei der Polizei ein, die als "Spur 81" zusammengefasst wurden.

S. wohnte nicht nur in der Nähe des S-Bahnhofs. Er hatte dort auch seinen Laden an einem 27. Juli eröffnet - dem Datum, an dem im Sommer 2000 die Bombe explodierte - und seine Freundin lebte dort. Er sprach von seinem "Revier", wenn er im Camouflage-Anzug durch Flingern marschierte, Spike, den Rottweiler, immer scharf bei Fuß. Bedingungsloser Gehorsam, das mochte er. Spike etwa hörte auf das Kommando "Asylant". Sein Umfeld hatte er sich entsprechend ausgesucht. Im Kreis seiner Gefährten gab es keinen, der den Ermittlern der Kripokommission "EK Acker" damals weiterhalf. Niemand wies auf die Merkwürdigkeiten in S.' Verhalten hin, auf seine eiskalten Kommentare zu dem Anschlag und dessen Opfern. Niemand erwähnte seinen Hass gegen Ausländer, die er für alles verantwortlich machte, was in seinem Leben schief ging.

Wenn es in der Fülle des Materials, das die Ermittler zur "Spur 81" zusammentrugen, doch irgendetwas gab, das sie hätte weiterbringen können - etwa, dass S. Tage vor der Tat stundenlang den S-Bahnhof beobachtet hatte -, dann haben sie es damals nicht erkannt. Zwei Jahre behielten sie S. als Beschuldigten im Visier, dann gaben sie auf. S. war nichts nachzuweisen. Die rechte Szene, sagte einer ihrer damaligen Wortführer, habe das "mehr überrascht als seine Festnahme".

Als die Ermittlungen gegen ihn mangels Tatverdachts eingestellt wurden, hatte der "Sheriff von Flingern", als der er sich sah, sein Lädchen bereits aufgegeben und eine kurze Karriere als Privatdetektiv im Mittagsmagazin eines Privatsenders gemacht. Auch sein privates Glück war selten von Dauer. Mehrere Trennungen endeten mit Bannmeilen, die seine Verflossenen nach dem Gewaltschutzgesetz gerichtlich gegen ihn durchsetzten. Sie beschimpfte er seitdem im Internet. Die alljährlichen Berichte zum Jahrestag des Wehrhahn-Anschlags quittierte er meist prompt mit wirren Briefen an die Redaktion, bis er auch das irgendwann aufgab.

2009 wurde die "EK Acker" faktisch aufgelöst, als ihr letztes verbliebenes Mitglied, Chefermittler Dietmar Wixfort. Leiter des Kommissariats für Todesermittlungen in Neuss wurde. Die Akte Wehrhahn, die damals 50 Umzugskisten umfasste, wurde bei der Staatsanwaltschaft eingelagert.

Und dann kam der Anruf aus Castrop-Rauxel. Ralf S. hatte eine Anwältin beleidigt, war zu einer Geldstrafe verurteilt worden, die er nicht bezahlt hatte, und saß die im Juni 2014 in der dortigen Vollzugsanstalt ab. Im Kirchenkreis der Anstalt kam er mit einem Mitgefangenen ins Gespräch, dem er nicht nur geschildert haben soll, was er von Ausländern hält (die seiner Meinung nach überall bevorzugt würden). Auch soll er diesem Mann, Ex-Soldat wie er selbst, stolz erzählt haben, wie er einen Sprengsatz gebaut und es "den Kanaken gezeigt" habe. Der Mitgefangene erzählte das einer jungen Vollzugsbeamtin, er hielt S. für einen Spinner, der "gegen alles wütete, was ausländisch war", aber an ein Verbrechen glaubte er nicht. Weder er noch die Beamtin hatten je vom Wehrhahn-Anschlag gehört. Bis die Frau bei Google die Worte Anschlag, Düsseldorf und Ausländer eingab. Sie rief die Polizei.

Die nahm den Zeugen aus der Zelle durchaus ernst und zog aus dem Aktenberg der "EK Acker" nun die einst erkaltete Spur 81, um ihr als "EK Furche" neu nachzugehen. Und während die neue Kommission akribisch die Ermittlungen neu aufrollte, nutzte Staatsanwalt Ralf Herrenbrück ein Instrument, das im Sommer 2000 noch in den Kinderschuhen steckte: die Operative Fallanalyse beim LKA. Die Spezialisten, die aus amerikanischen Krimis auch hierzulande besser als Profiler bekannt sind, erhielten auch einen Teil der Akte - allerdings ausdrücklich keinen Hinweis auf die Spur Nummer 81, sondern nur die dürren Fakten der Tat. Und sie brachten Erstaunliches zu Tage. Sie erkannten, dass die Opfer gezielt ausgesucht worden waren, dass der Täter geschult ist im Umgang mit Sprengstoff, dass er ein nicht eben erfolgreicher Typ, aber ein hochaggressiver und ausländerfeindlicher Mann sein muss, mit einem gewissen Heimwerker-Talent und Zugang zu einem Raum, in dem er seine Bombe basteln konnte.

Als das Profil vom Landeskriminalamt bei den Ermittlern landete, waren die baff: Es war eine nahezu exakte Beschreibung der Persönlichkeit von Ralf S. Und die "EK Furche" hatte ihrerseits inzwischen weiteres zusammen getragen: Beispielsweise, dass S. im Telefonat mit einer Freundin über die Rechtsgrundlagen eines Schwangerschaftsabbruchs dozierte: "Deshalb war das, was ich gemacht hab', auch nur eine Abtreibung." Vor dem Hintergrund, dass eines der Wehrhahn-Opfer bei dem Anschlag ihr ungeborenes Baby verlor, fast ein Geständnis. Zeugen von damals änderten ihre Aussagen, berichteten nun freimütig davon, wie S. sich über die Deutschkurse für Ausländer im Haus gegenüber seinem Laden empört habe, wie er angekündigt habe, dafür zu sorgen, dass "die verschwinden".

Und schließlich fanden die Ermittler in der alten Akte eine Geschichte, von der sie glauben, sie sei der Auslöser für das Verbrechen gewesen: Zwei Skinheads aus S.' Bekanntenkreis sollen tagelang vor der Sprachschule bedrohlich Aufstellung genommen haben. Doch die Schüler ließen sich nicht einschüchtern, machten sich in einer gemeinschaftlichen Aktion über die Neonazis lustig. Bald darauf mietete S. sich eine zweite Wohnung, in die er niemanden hinein ließ. Dort soll er die Bombe gebastelt haben, die ein halbes Jahr später explodierte.

Im Januar 2017 reichten die Indizien für einen Haftbefehl, der bundesweit Schlagzeilen machte. Nicht zuletzt, weil der Anschlag auch Anlass für das erste NPD-Verbotsverfahren war. Das war unter anderem an der Verstrickung des Verfassungsschutzes gescheitert. Auch im Ermittlungsverfahren zum Wehrhahn-Anschlag hat der Verfassungsschutz eine Rolle gespielt: Bis kurz vor der Tat arbeitete ein V-Mann gelegentlich für Ralf S. Er war zwar als Zeuge schon damals von der Polizei befragt worden und hatte nichts Bedeutsames auszusagen. Dass sie es mit einem Informanten des Verfassungsschutzes zu tun hatten, erfuhren die Ermittler erst zwölf Jahre später bei der Überprüfung des Falles auf eine Verbindung zu den NSU-Morden.

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Für die Opfer, von denen sechs als Nebenkläger auftreten wollen, ist das kaum wichtig. Sie wollen Antworten. Sie warten seit 17 Jahren darauf.

Termin Der Prozess beginnt am 25. Januar um 10.30 Uhr im Landgericht, Werdener Straße 1.

Quelle: RP
 
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