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Anschlag am S-Bahnhof Wehrhahn in Düsseldorf
Ein fast vergessenes Verbrechen

Bomben-Anschlag am S-Bahnhof Wehrhahn am 27. Juli 2000
Bomben-Anschlag am S-Bahnhof Wehrhahn am 27. Juli 2000 FOTO: rpo (Stefan Felten)
Düsseldorf. Keine Blumen, kein Gedenken - auch der 15. Jahrestag des Wehrhahn-Anschlags ging gestern offiziell unbeachtet vorüber. Dabei hat die Explosion bis heute Spuren in der Stadt hinterlassen. Von Stefani Geilhausen

Das Kind von Tatjana und Michail hätte dieses Jahr seinen 15. Geburtstag feiern sollen. Aber es ist nie geboren worden. Im fünften Monat schwanger, trifft ein Splitter eines Sprengsatzes Tatjana im Bauch und tötet ihr Baby.

Der 27. Juli 2000 ist ein schwül-heißer Donnerstag. Das jüdische Paar aus der Ukraine verlässt am frühen Nachmittag zusammen mit acht weiteren Zuwanderern aus der ehemaligen Sowjet-Union das ASG-Gebäude an der Ackerstraße. Die vier Russlanddeutschen und die sechs sogenannten Kontingentflüchtlinge, die der jüdischen Gemeinde angehören, haben ihren Deutschkurs besucht, wollen nach Hause. Nach Hilden, Solingen, Duisburg und Erkrath, einer wohnt im Düsseldorfer Süden. Einige sind erst vor kurzem angekommen, andere seit ein paar Monaten im Land. Sie alle träumen von einem neuen, besseren Leben. Um 15.03 Uhr erreichen sie den Eingang zum S-Bahnhof an der Ackerstraße. Als sie den gekachelten Durchgang passieren, detoniert der Sprengsatz.

Etwa 20 Minuten später, Polizei und Feuerwehr sind längst mit einem Großaufgebot vor Ort, wird aus Flingern eine weitere Explosion gemeldet. Sekunden danach entlädt sich ein heftiges Gewitter über der Stadt, und es wird klar: Die zweite Explosion war nur ein Blitzschlag. Das Gewitter hat schwerwiegende Folgen: Es bringt starken Regen mit sich, der den Tatort von vielen Spuren freispült. Was die Spurensicherung der Kripo am Ende einsammelt, ist nicht viel. Münzen sind dabei, die die Schwerverletzten im Portemonnaie hatten. Sie sind durch die Detonation völlig verformt.

Die Überreste einer Plastiktüte werden die Kriminalisten erst sechs Wochen später zuordnen und deuten können. Da redet ein Polizist vor einer Schulklasse über den Anschlag und einem Mädchen fällt dabei ein, dass es an jenem Donnerstag eine weiße Plastiktüte am Geländer hängen sah, bevor es in die Bahn stieg. Die aufwendige Tatortrekonstruktion der Ermittlungskommission Acker ergibt: Die Tüte muss gegen 15 Uhr befestigt worden sein - als die Sprachschüler bereits auf dem Weg waren. Inzwischen weiß die Polizei, dass die Tüte den Sprengsatz enthielt, der in ein Anzeigenblatt eingewickelt war, und kennt auch die anderen Gegenstände, die in der Tüte steckten. Sogar, wo sie gekauft wurden, haben die Fahnder recherchiert. Nur von wem, das wissen sie nicht.

Als die Schülerin sich an die Plastiktüte erinnert, hat sich die Öffentlichkeit nicht nur in Düsseldorf längst festgelegt: Aus dem Urlaub hatte der damalige Innenminister Otty Schily den Verdacht einer fremdenfeindlichen Tat geäußert, Außenminister Joschka Fischer Ausländerhass zum wahrscheinlichsten Motiv erklärt und NRW-Innenminister Fritz Behrens eine "Wehrübung aufrechter Demokraten" gefordert. Die Antifa hatte bereits eine Demonstration gegen Rechtsextremisten organisiert, neue Bündnisse hatten sich gegründet.

Nur die Fahnder waren zurückhaltend geblieben. Sie hatten kurz nach Tat wohl einen Mann mit engen Verbindungen zur Neonazi-Szene als Beschuldigten verhört. Einen Militaria-Händler, der in Tatortnähe wohnte. Aber mehr als nur ein Verdacht hatte sich nicht ergeben. Und Rechtsextremismus war für die Ermittler nur eines von vielen hypothetischen Motiven. Sie fahnden mit Phantombildern zweier Männer, die von vielen anderen Zeugen am Tatort gesehen worden waren, sich aber nie gemeldet hatten, sogar in der Moskauer U-Bahn. Russenmafia, Drogendealer aus dem Bahnhofsmilieu, ein verrückter Bombenbastler - nichts ist auszuschließen.

Im Oktober 2000 bekommt die Neonazi-These neue Nahrung: Ein Brandsatz wird gegen die Synagoge an der Zietenstraße geschleudert. Der Sachschaden ist gering, die Angst, die der Anschlag verursacht, ist immens. Nun fordert auch Paul Spiegel, damals in Düsseldorf lebender Vorsitzender des Zentralrats der Juden, den "Aufstand der Anständigen". Als eine "Freie Kameradschaft" einen Naziaufmarsch am Rhein anmeldet, kommen Tausende zur Gegendemo. Ein Jahr später gestehen zwei junge Palästinenser den Angriff auf die Synagoge.

Im Judenhass aus Palästina vermuten auch die Betroffenen selbst das Motiv. Sie sind sicher, nicht zufällig Opfer geworden zu sein. Aber auch, dass nicht deutsche Neonazis dahintersteckten. Einige der Sprachschüler kamen aus der Ukraine, aus einer Gegend, in der schon in den 1980er Jahren PLO-Terroristen bei den Sowjets das Bombenbauen trainierten. Der Anschlag, heißt es aus dem Kreis der Opfer, habe nicht ihnen persönlich gegolten. Sondern dem Judentum.

Auch für diese These gibt es bis heute keinen Beweis.

Quelle: RP
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