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Düsseldorf
Agenturcamp - Tagung ohne Programm

Düsseldorf: Agenturcamp - Tagung ohne Programm
Teilnehmer des ersten Düsseldorfer Agenturcamps pinnen ihre Ideen an eine Wand. So entsteht irgendwann ein Spontan-Programm. FOTO: Hans-Jürgen Bauer
Düsseldorf. In Unterbilk tagten diese Woche knapp 90 Kreative aus Digital- und Werbeagenturen. Thema: Keines! Das Programm entsteht erst im Laufe des Agenturcamps. Ein Blick hinter die Kulissen der Düsseldorfer Kreativwirtschaft. Von Thorsten Breitkopf

Donnerstagmorgen in Unterbilk, Gladbacher Straße 72. Im Raum sitzen rund 90 Vertreter von Agenturen, meist selbstständige Kreative, Digital-Experten, Werbemenschen, aber auch Chefs der großen Spieler, mehr als die Hälfte aus Düsseldorf. Sie haben zwei aktive Tage vor sich. Das erste Agenturcamp steht an. Und was ist das Programm für die nächsten 48 Stunden? Industrie 4.0, Digitalisierung, Ideenfindung? "Wir haben kein Programm", sagt Hans-Gerhard Kühn, der hier nur Hans-Gerhard heißt. Der Nachname kommt erst gar nicht aufs Schild. Die Kreativen duzen dich, ob du willst oder nicht. "Wir haben auch keine Speaker und keine Themen", sagt Hans-Gerhard. Wozu dann überhaupt tagen und wie?

Es fügt sich auf wundersame Weise. Das liegt daran, dass jeder Mensch irgendwie einen Plan im Kopf hat. Und so stehen in der "Session-Planung" genannten Startrunde plötzlich 35 Menschen in einer Schlange. Sie halten Schildchen aus Papier in ihren Händen, auf die sie etwas geschrieben haben. "Die Leute bringen die Themen mit, das sind Ideen, Fragen, Lösungen, Vorträge", sagt Hans-Gerhard.

Anschließend kommen alle Ideen an eine Wand, dann wird demokratisch abgestimmt. Die besten Ideen brauchen große Räume, wegen vieler Teilnehmer. Manche Gruppen widmen sich aber auch nur zu viert oder fünf ihrem neuen Wahlthema. Und dann wird getagt, gefragt und diskutiert. Session eins bis sieben heißen die Runden nur, weil man ja vorher nicht wusste, worum es geht.

Und wer nun glaubt, er sei im Debattierclub gelandet, der hat nur teilweise recht. Natürlich sind unter den Werbern überdurchschnittlich viele extrovertierte Menschen. Aber es gleicht sich aus.

Und was ist mit der Angst vor dem Geheimnisverrat, schließlich sind die vielen selbstständigen Agenturchefs außerhalb des Camps Konkurrenten? Doch das hemmt die Teilnehmer nicht, schonungslos aus dem Nähkästchen zu plaudern, über Kunden, Kosten, Problemlösungen. "Es ist ein bisschen wie bei der Spieltheorie, beim wiederholten Spiel. Weil ja alle was lernen und was preisgeben, geht die Rechnung unter dem Strich auf", sagt Lars Terlinden von der Wirtschaftsförderung der Stadt.

Wirklich nach Arbeit sieht das Agenturcamp nicht aus. "Das ist gewollt, das ist sowas wie eine permanente Kaffeepause". Ehrlich ist Organisator Hans-Gerhard. Dabei lassen die tagenden Werber kaum ein Klischee aus. In den Kühlschränken steht Frizzcola in komischen Geschmacksrichtungen, kostenlos, nicht aber von der Stange aus dem Hause Coke. Es gibt Chai Tea Latte und vegetarische sowie vegane Speisen, ebenfalls drin im Preis von weniger als 300 Euro. Herkömmliche Tagungen kosten das Vielfache.

Jeder Tag beginnt mit einem gemeinsamen Frühstück. "Das ist wichtig für das Gruppenerlebnis", sagt Hans-Gerhard. Und am Ende des zweiten Tages ziehen alle Resümee. In Session sieben tauscht man sich zum Schluss des letzten Tages über ein wichtiges Thema aus: nicht Kreativität oder Spaß an der Arbeit. Es geht ums Geld. Wie viel ist eine Idee wert und wie sagt man das dem Kunden. Kein Debattierclub, echte Ratschläge, echtes Geld.

Die Stimmung zum Ausklang ist brillant, die Menschen wirken nicht so, als seien sie platt und wollten ins Wochenende. Sie wirken eher so, als sprudelten sie voller Tatendrang und Ideen. Der Chai Tea weicht dem Flaschenbier. Was hat es gebracht? Für Christian Boesser von der Werbeagentur "Morgengestaltung" ganz klar: "Ich werde meine Arbeitsprozesse so umgestalten, dass ich den Kunden in jeden Schritt mit einbinde, statt ihm die Lösung am Ende zu liefern." Christian ist zufrieden. Das Agenturcamp wird nächstes Jahr wiederholt.

Quelle: RP
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