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Serie Düsseldorfer Geschichte
Als Hitler 1938 nach Düsseldorf kam

Das Pogrom 1938 in Düsseldorf
Das Pogrom 1938 in Düsseldorf FOTO: Stadtarchiv Düsseldorf
Düsseldorf. Ernst vom Raths Tod lieferte den Vorwand für die Pogromnacht. Auch sein Staatsbegräbnis auf dem Nordfriedhof diente politischen Zwecken. Von Arne Lieb

Am 16. und 17. November 1938 herrscht Ausnahmezustand in Düsseldorf. Die Fabriken stehen still, die Glocken läuten. Die Wände des Hauptbahnhofs und die Geschäfte sind mit schwarzen Tüchern verhängt. Sonderzüge bringen Besucher aus dem ganzen Reich. Am 16. November um 9.51 Uhr erreicht der Zug aus Paris mit dem Leichnam die Stadt und wird mit einem Gedenkmarsch zur Rheinhalle (heute Tonhalle) gebracht. Tausende jubeln dem Umzug durch die Innenstadt zu.

Der pompöse Aufmarsch, für den ein Bildhauer eigens den Trauerschmuck für die ganze Stadt entworfen hat, gilt dem Legationsrat Ernst Eduard vom Rath. Er war neun Tage zuvor von dem 17-jährigen Juden Herschel Grynszpan in Paris angeschossen worden und am 9. November an seinen Verletzungen gestorben. Den Nationalsozialisten hatte diese Tat den Vorwand für das Pogrom am selben Abend verschafft, in dem in ganz Deutschland jüdische Wohnungen, Geschäfte und Gotteshäuser zerstört wurden und mehr als 400 Menschen ermordet worden sind.

Historische Bilder vom Zweiten Weltkrieg in Düsseldorf FOTO: Stadtarchiv Düsseldorf

Das Begräbnis ist für die Nationalsozialisten nun eine Gelegenheit, weiter an der Lüge zu stricken, die Untaten dieser sogenannten "Reichskristallnacht" seien ein Racheakt des aufgebrachten Volks für den ermordeten Gesandten gewesen. In Wahrheit wurden die Ausschreitungen von oberster Stelle befohlen.

Dass die pompöse Zeremonie in Düsseldorf stattfindet, hat mit dem Toten nur scheinbar etwas zu tun: Ernst Eduard vom Rath hatte – anders als der Nachname vermuten lässt – nie in der Stadt gelebt, er war in Frankfurt am Main geboren worden und in Breslau zur Schule gegangen. Dass er nun in Düsseldorf bestattet wird, ist dem Engagement des NSDAP-Gauleiters Friedrich Karl Florian (1894-1975) geschuldet. Der sieht das Novemberpogrom als dankbare Chance, seine Position in der Partei zu festigen und sich einen glanzvollen Auftritt an der Seite des Führers zu verschaffen. Florian steht zu diesem Zeitpunkt wegen einer verwaltungsinternen Korruptionsaffäre unter enormem Druck.

Also behaupten die Düsseldorfer NS-Größen, von Rath stamme aus ihrer Stadt. Sie verbreiten, er werde mit dem Begräbnis "heimgeführt in die Stadt seiner Väter", angeblich sogar in eine "Familiengruft" auf dem Nordfriedhof. In Wahrheit stammt die Familie vom Rath zwar aus dem Rheinland, aber wohl aus dem Umland von Düsseldorf, möglicherweise Duisburg, Köln oder aus dem Bergischen.

Florians Coup gelingt: In der Nacht wird der Sarg in der Rheinhalle aufgebahrt. Zur Trauerfeier am folgenden Tag kommen Adolf Hitler und weitere Nazi-Größen in der Stadt. Vom Rath wird auf dem Nordfriedhof bestattet. Gauleiter Florian schwebt sogar dessen Ausbau zu einem bombastischen Pilgerort, der aber nicht verwirklicht wird.

Die Spuren der Gewaltnacht am 9. November 1938 passen freilich nicht zu der Zeremonie: Die abgebrannte Synagoge an der Kasernenstraße und die zerstörten jüdischen Geschäfte sind für das Staatsbegräbnis mit schwarz bemalten Holzbrettern vernagelt. Niemand soll an diesem Tag sehen, zu welchen Gewaltexzessen es auch in Düsseldorf gekommen ist.

Schon früh am Abend hatten SA- und SS-Leute mit organisierten Gewaltakten gegen Juden begonnen. SA-Männer, Parteifunktionäre, HJ-Mitglieder und Passanten versammelten sich gegen 22 Uhr mit Messern, Äxten, Steinen, Stangen und Fackeln. Sie überfielen Hunderte Geschäfte und Privatwohnungen. Sie prügelten auf Menschen ein, warfen Möbel aus den Fenstern, schlugen ganze Einrichtungen kurz und klein. Vermutlich 15 Menschen starben noch in der Nacht oder in der Folge an den Taten. Rund 70 weitere Opfer mussten im Krankenhaus behandelt werden. Auch die Synagoge an der Kasernenstraße wurde in Brand gesteckt. Die Feuerwehr löschte sie nicht, sondern achtete nur darauf, dass die umliegenden Gebäude kein Feuer fingen. Zwei Tage später wurde den Juden die Beseitigung sämtlicher Schäden in Rechnung gestellt, Versicherungen zahlten nicht.

Heute wird dieses Novemberpogroms mit vielen Veranstaltungen in der Stadt gedacht. Dieses Datum ist nicht nur wegen der Geschehnisse während der Pogrome ein wichtiger Gedenktag, sondern auch, weil es eine Verschärfung im Terror gegen die Juden markiert: Mit den Pogromen ging die seit 1933 um sich greifende Diskriminierung in die systematische Verfolgung über, die knapp drei Jahre später in den Holocaust mündete.

Auch von Düsseldorf aus starteten im Herbst 1938 die ersten Deportationen. In der "Novemberaktion" etwa wurden vom Hauptbahnhof aus 97 jüdische Männer in das Konzentrationslager Dachau deportiert – am selben Tag, als der Sarg des toten Gesandten dort eintraf und feierlich durch die Stadt geleitet wurde.

Quelle: RP
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