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Rockabilly auf der Rheinkirmes
An der Raupe ist die Zeit stehengeblieben

Rockabilly auf der Rheinkirmes: An der Raupe ist die Zeit stehengeblieben
Mit Lederweste und toller Tolle: Organisator Uwe Ihde mit Tina Boos. Sie war zum ersten Mal dabei. FOTO: Laura Ihme
Düsseldorf. Kirmes wie 1950: Am Samstag trafen sich Fans von Nostalgie und Rockabilly auf dem Platz und feierten die alten Zeiten. Von Laura Ihme

Die Jungs bleiben lässig stehen, als sich das Karussell schon in Höchstgeschwindigkeit dreht. Profis eben. Die Mädels kreischen. Und wenn sich das Verdeck schließt, wird geknutscht - zumindest in der Fantasie all derer, die vor der Raupe stehengeblieben sind und die Fahrt beobachten. Dazu ertönt Wanda Jackson mit "Let's Have a Party" aus den Lautsprechern.

Georg Brauweiler und Susanne Hesselfeld tanzten sogar in der Raupe weiter zu ihren liebsten Rock'n'Roll-Stücken. FOTO: Hans-Jürgen Bauer, Ihme (3)

Diese Szene könnte sich in einem 50er-Jahre-Film abspielen. Tatsächlich findet sie im Jahr 2017 statt, am Samstagabend auf der Rheinkirmes, zwischen überdrehten Schausteller-Ansagen, Anfeuerungsrufen am Schießstand und dem Surren der riesigen Überschlagsschaukeln. An der Raupe, so scheint es, ist die Zeit stehengeblieben: Die Männer tragen Lederjacken und akkurat geschnittene Bärte, die Frauen weite, bunte Röcke und haben ihre Haare zu riesigen Locken aufgedreht. Gut 40 von ihnen stehen an der Raupe, tanzen guten alten Rock'n'Roll oder wagen eben eine Fahrt mit dem Karussell.

Einmal im Jahr treffen sie sich bei der Rheinkirmes an der Raupe, um der Musik zu lauschen, die sie so mögen und an Zeiten zurückzudenken, in denen alles besser war. "Wir kennen die Betreiber der Raupe aus der Szene, hier wird unsere Musik gespielt. Deshalb haben wir irgendwann damit begonnen, uns hier zu treffen", sagt Uwe Ihde. Der 49-jährige Düsseldorfer ist so etwas wie der Organisator des Treffens, betont dabei aber: "Das ist keine große offizielle Sache, bei der nur eingeladene Gäste mitmachen dürfen. Das ist eine lockere Zusammenkunft, jeder kann dazukommen."

In den 50ern lagen die Männer ihren Frauen noch zu Füßen. meinen Ralf Meyer und Christina Wollgarten. FOTO: Laura Ihme

Für Ihde sind die 50er Jahre mit der Rockabilly-Bewegung eine Lebensart: "Die Menschen hatten damals viel mehr Stil, nicht nur was Musik und Mode betrifft. Man hatte noch viel mehr Respekt voreinander, Männer haben Frauen noch die Tür aufgehalten, ihnen in die Jacke geholfen." So etwas gebe es heute nur noch selten.

...und die Männer haben die Frauen auf Händen getragen: Marcus Lücker mit Elvis-Fan Lissy. FOTO: Laura Ihme

An der Raupe haben Ihde und seine Begleiter vor allem musikalisch die Möglichkeit, eine Zeitreise in ihr Lieblingsjahrzehnt zu unternehmen: Tausende Vinylplatten aller Musikrichtungen finden sich im Fundus von Familie Buchholz, die die Raupe mit Baujahr 1926 betreibt. Auf Zuruf wird gespielt, was sich die Fahrgäste wünschen. Und das ist im Fall der Rockabilly-Gruppe eben guter alter Rock'n'Roll mit ganz viel Elvis. "Wir kennen diese Gruppe jetzt schon seit ein paar Jahren, sie kommt jedes Jahr bei der Rheinkirmes vorbei", sagt Schaustellerin Stefanie Buchholz. Ihr Karussell mit dem musikalischen Gesamtkonzept wecke Kindheitserinnerungen bei allen Generationen. Deshalb sei die Raupe trotz moderner, schneller, spektakulärer Konkurrenz noch so beliebt beim Publikum. "Ältere Leute fahren bei uns mit, aber auch junge Erwachsene, die als Kind mit der Raupe gefahren sind und sich daran erinnern." Die Schausteller-Familie unterhält noch andere Fahrgeschäfte und Buden, aber die Raupe ist das Herzstück des Betriebs. "Die geben wir niemals her", sagt Buchholz.

Vor der Raupe wird gerade wieder Rock'n'Roll getanzt. Mittendrin stehen Marcus Plenker und seine Begleiterin Alena Barnova. Sie sind aus Oberhausen zu dem Treffen der Nostalgiker gekommen. "Die Rockabilly-Szene ist ziemlich groß. Wir reisen durch ganz Europa für gemeinsame Treffen. Rock an der Raupe auf der Düsseldorfer Kirmes gehört jedes Jahr für mich dazu", sagt Plenker. Tina Boos dagegen ist zum ersten Mal dabei: "Für mich ist das alles noch ganz neu, mir gefällt die Mode aus den 50ern besonders: Da konnten Frauen noch richtig weiblich aussehen", sagt sie. Jenny Gaß lobt so wie Uwe Ihde die Umgangsformen von 1950: "Die Männer heutzutage haben ja alle keinen Stil mehr. Das war damals ganz anders." Gaß ist mit ihrer Mutter zum Treffen gekommen. "Wir leben die 50er Jahre", sagt sie.

Für die Raupe ist die Gruppe am Samstagabend eine gute Werbung: Immer wieder bleiben Besucher stehen, beobachten die Rockabilly-Freunde, schießen Fotos. Der ein oder andere scheint sich beim Anblick der bunten Truppe ebenfalls an seine Jugend zu erinnern und kauft einen Fahrchip, um eine Runde mit der Raupe zu drehen. Apropos Fahrchip: Auch was den Preis angeht, scheint die Raupe aus der Zeit gefallen zu sein, kann man dort doch schon für zwei Euro einmal mitfahren, während man andernorts auf dem Platz ein halbes Vermögen für die Runde mit dem Karussell seiner Wahl ausgeben muss.

Die Raupe wird niemals alt. Und sie ist nicht nur für Fans der 50er-Jahre eine Erinnerung an alte Zeiten. "Zwischendurch spielen sie auch die 80er oder 70er - es müssen ja alle Zielgruppen bedient werden", sagt Uwe Ihde. Ihm und seinen Freunden macht das nichts: Wenn gerade kein Rock ?n R Roll aus den Lautsprechern ertönt, unterhält sich die Gruppe einfach, wartet, bis wieder ihre Musik kommt. Dann wird getanzt. Als sei die Uhr niemals weitergelaufen.

Quelle: RP
 
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