| 21.31 Uhr

Anschlag in Düsseldorf geplant
Angeklagter schildert seinen Weg zum IS

Anschlag in Düsseldorf geplant: Angeklagter schildert seinen Weg zum IS
Der Angeklagte Saleh A. am Mittwoch vor Gericht hinter einer Glasscheibe. FOTO: dpa, mku axs
Düsseldorf. Ein Terrorkommando sollte im Auftrag des "Islamischen Staats" ein gewaltiges Blutbad in der Düsseldorfer Altstadt anrichten. Der Hauptangeklagte Saleh A., der einige Zeit in Kaarst lebte, berichtete umfassend über seine Zeit beim IS. Von Christian Schwerdtfeger

Bevor der Hauptangeklagte Saleh A. seine Aussage machen kann, wird er von der Vorsitzenden Richterin Barbara Havliza belehrt, sich zu benehmen. Sie habe einiges über ihn in den Akten gelesen. Wenn er sich nicht an die Regeln halte, werde es ungemütlich für ihn. "Sie bekommen dann Fesseln angelegt."

Der 30-Jährige ist der mutmaßliche Anführer einer Terrorzelle des sogenannten Islamischen Staates (IS). Ihm wird seit gestern gemeinsam mit Mahood B. (26), einem Jordanier, und Hamza C. (29), einem Algerier, im Hochsicherheitsgebäude des Düsseldorfer Oberlandesgerichts (OLG) der Prozess gemacht. Die Bundesanwaltschaft klagt die drei Männer an, weil sie geplant haben sollen, in der Düsseldorfer Altstadt einen Anschlag zu verüben. Der Anklageschrift zufolge sollten sich zwei Selbstmordattentäter in die Luft sprengen, und weitere Terroristen sollten flüchtende Menschen erschießen. Für den Anschlag sei von der IS-Führung ein zehnköpfiges Terrorkommando vorgesehen gewesen. Den drei Angeklagten wird die IS-Mitgliedschaft und die Verabredung zu einem Verbrechen vorgeworfen. Der Plan war aufgeflogen, weil Saleh A. sich im Februar 2016 den Behörden in Paris gestellt und ein Geständnis abgelegt hatte. Als Grund für seinen Sinneswandel gab er an, er habe nicht gewollt, dass seine Tochter einen Terroristen zum Vater habe.

Saleh A. will auspacken

"Die Pläne waren so konkret, dass das Anschlagsziel ausgewählt war, die Vorgehensweise ausgewählt war", betont Tobias Engelstätter von der Generalbundesanwaltschaft in Karlsruhe. Demnach sollten zwei Gruppen à fünf Personen agieren, mit jeweils einem Selbstmordattentäter und vier weiteren Begleitern. Die Selbstmordattentäter sollten sich in der Düsseldorfer Altstadt sofort in die Luft sprengen. "Dann sollten die weiteren Terroristen ihre Waffen abfeuern und sich dann ebenfalls in die Luft sprengen", sagt Engelstätter. Während der Ermittlungen hatte es in ranghohen NRW-Sicherheitskreisen Zweifel an der Planung gegeben. Zwischenzeitlich hatte es geheißen, an den Plänen sei nichts Konkretes dran. Dem widersprach die Bundesanwaltschaft aber mit ihrer Anklageschrift.

Video: Prozess um IS-Anhänger in Düsseldorf – das wird den Angeklagten vorgeworfen

Saleh A. ist der Einzige, der bereit ist, umfassend auszupacken. Obwohl er angeblich bedroht wird. Sein Verteidiger gibt zu Protokoll, dass Mithäftlinge der Untersuchungshaft in der Justizvollzugsanstalt (JVA) Wuppertal seine Aussage zu verhindern versucht hätten. Ihm sei gedroht worden: Man werde seiner Tochter etwas antun, wenn er aussage. Die Richterin will der Sache nachgehen.

Zudem will sie von A. wissen, wie er auf die schiefe Bahn geraten und zum Terroristen geworden ist. A. wird 1987 im Sudan geboren. Er stammt aus gutem Hause. Der syrische Vater ist Radiologe; die Mutter, eine Palästinenserin, ist Apothekerin. Er hat zwei Brüder und zwei Schwestern. Die Familie zieht oft um. Vom Sudan in den Jemen. Dann nach Gaza. Und schließlich nach Syrien. Das ist 2004. Damals sei Syrien das sicherste Fleckchen Erde gewesen, sagt A. "Für junge Leute wie mich ist das Leben damals sehr bequem gewesen", sagt er. Er studiert Informatik und Technologie. Schmeißt aber nach vier Semestern hin. Seine Familie gerät in Streit mit einem anderen Clan. Bei der Fehde stirbt ein Mensch. A. und 36 weitere Familienangehörige müssen für zwei Jahre ins Gefängnis.

"Umerziehungslager" des IS

Ein Terrorverdächtiger auf dem Weg zum Haftrichter im Juni 2016 FOTO: dpa, ude fdt

Als er 2011 freikommt, ist alles anders. Die Auswirkungen des arabischen Frühlings sind in Syrien spürbar, es gibt Demonstrationen gegen das Regime. Saleh A. macht sofort mit. Er weiß aber: Wer festgenommen wird, wird geschlagen. Oder gefoltert. Oder ermordet. Er schließt sich der Syrischen Freiheitsarmee an und tötet Menschen mit Kalaschnikow und Panzerabwehrraketen. Wie viele er umgebracht hat, weiß er nicht mehr. Nur, dass es viele gewesen sind. Irgendwann um 2013 herum wechselt er zur Al-Nusra-Front, einer Miliz, die den IS unterstützt. Dem IS direkt, sagt er, habe er sich zunächst nicht anschließen wollen. Weil er sich weigert, schießt man ihm in die Schulter. Er wird in ein "Umerziehungslager" gesteckt und indoktriniert.

Dort lernt er Mahood B. kennen, seinen späteren Anschlagshelfer. Nach 64 Tagen darf er gehen. Er gehört jetzt dem Islamischen Staat an und wird beauftragt, einen Anschlag in Düsseldorf zu verüben. Als Flüchtling getarnt, reist er über die Balkanroute nach Deutschland. Er wohnt zeitweise in Kaarst und bereitet gemeinsam mit seinen Helfern den Anschlag vor - bis er sich entschließt, zur Polizei zu gehen.

Quelle: RP
 
Diskussion
Ihre Meinung zum Thema ist gefragt

Schreiben Sie jetzt Ihre Meinung zu:

Anschlag in Düsseldorf geplant: Angeklagter schildert seinen Weg zum IS


Beachten Sie dabei bitte unsere Regeln für Leserkommentare.