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Antisemitismus
"Kaum jemand in Wuppertal traut sich, die Kippa offen zu tragen"

Antisemitismus in NRW: Das sagen Juden aus Wuppertal, Düsseldorf und Köln
Mehrere Männer tragen eine Kippa (Symbolbild). FOTO: dpa, Sebastian Kahnert
Düsseldorf. Brennende Israel-Flaggen und hasserfüllte Sprechchöre - so haben Demonstranten in Berlin auf den Jerusalem-Entscheid von US-Präsident Trump reagiert. Wir haben mit Juden aus Düsseldorf, Köln und Wuppertal über die aktuelle Situation gesprochen.  Von Franziska Hein und Tanja Karrasch

Leonid Goldberg muss nicht lange zurückdenken. Erst kürzlich stand er vor dem koscheren Café seiner Gemeinde mitten in der Wuppertaler Innenstadt. Zwei südländisch aussehende Männer seien an ihm vorbeigegangen und hätten ihn einen "scheiß Yahud" genannt, erzählt er. Yahud ist Arabisch und bedeutet Jude. Dabei war Goldberg an diesem Tag rein äußerlich gar nicht als Jude erkennbar. Eine bewusste Entscheidung: "Schon seit Jahren traut sich kaum jemand in Wuppertal und in vielen anderen deutschen Städten, die Kippa offen zu tragen", sagt der Vorstandsvorsitzende der Jüdischen Kultusgemeinde Wuppertal.

Brennende Flaggen und Sprechchöre

Antisemitismus im Alltag ist für Juden in Deutschland kein seltenes Phänomen. Doch die aktuelle Debatte um US-Präsident Donald Trump und sein Vorhaben, Jerusalem als Hauptstadt Israels anzuerkennen, macht die Judenfeindlichkeit für alle sichtbar – in Form von israelfeindlichen Sprechchören und israelischen Flaggen, die bei Demonstrationen vor dem Brandenburger Tor in Berlin in Flammen aufgingen. 

Viele deutsche Politiker haben die Vorfälle vom Wochenende massiv verurteilt. David Klapheck, Geschäftsführer von der Synagogen-Gemeinde Köln, findet das gut, aber nicht ausreichend. "Es müssten auch richtige Taten folgen, sonst sind das nur Lippenbekenntnisse", sagt er. Es sind diese großen Ereignisse, die aus dem Rahmen fallen, die in den Medien landen, bei denen sich wieder alle aufregen, sagt er. "Aber es findet keine Erziehung in Richtung des freiheitlichen Denkens statt." 

Anfeindungen in der Schule

Der Kölner Gemeinde bereitet die aktuelle politische Situation Sorge. "Eltern sorgen sich um ihre Kinder", sagt Klapheck. Denn was sich etwa auf Schulhöfen abspielt, bleibt meist im Verborgenen. Die Opfer haben Angst vor Mobbing und Anfeindungen, auch Klapheck selbst hat das vor Jahren erlebt, als sein Sohn in einem kleinen Dorf zur Schule ging. Er spricht aus eigener Erfahrung, wenn er sagt: "Eltern scheuen sich aber häufig davor, solche Diffamierungen zu benennen." Sie haben Angst, die Situation für ihre Kinder dadurch zu verschlimmern. 

Gemeindefeier unter Staatsschutz

Am vergangenen Sonntag hat die jüdische Gemeinde in Wuppertal ihr 15-jähriges Bestehen gefeiert. "Das Polizeiaufgebot war trotz des Schneetreibens unglaublich", sagt Leonid Goldberg. Es sei schrecklich, dass in Deutschland Synagogen immer noch von der Polizei bewacht werden müssen. Doch die Angst vor Angriffen macht das notwendig. Herbert Rubinstein aus Düsseldorf war lange Geschäftsführer des Landesverbandes der Jüdischen Gemeinden NRW. Im Gespräch mit unserer Redaktion äußerte er sich als Privatperson. "Wir Juden sind eine Achillesferse", sagt er. "Das nutzen die Terror-Organisatoren bewusst aus. Gerade in Deutschland." 

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Goldberg verweist darauf, dass die Angriffe auf Synagogen in jüngster Zeit überwiegend von Muslimen verübt wurden. "Ich wünsche mir, dass Politiker und Medien in Deutschland endlich verstehen und benennen, wie groß das Problem mit hier ansässigen und importiertem muslimischen Judenhass ist", sagt der Wuppertaler Gemeindevorsteher.

Auch David Klapheck sagt, durch die Zuwanderung sei ein Erstarken des Antisemitismus in Deutschland spürbar. "Durch jahrelange Erziehung sind zum Beispiel viele Syrer mit dem Feindbild des Israelis aufgewachsen", erklärt er. Parallel beobachtet er am rechten Rand außerdem eine Verrohung der Sprache, für die die AfD sorge. Antisemitische Demonstrationen wie in Berlin kann sich Klapheck daher genau so gut auch etwa in Köln, Dortmund oder Duisburg vorstellen.

 
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