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Heimat in Düsseldorf
Auf der Suche nach dem Glück

Heimat in Düsseldorf: Auf der Suche nach dem Glück
Das Glück der Erde liegt auf dem Rücken der Pferde, weiß auch Karl-Wilhelm Hahnen und hat es früh seinem Enkel Henry ermöglicht, reiten zu lernen. Hier sitzt er auf Pirocco. FOTO: Anne Orthen
Düsseldorf. Unser Reporter machte sich auf die Suche nach dem Glück. Denn zum neuen Jahr wünscht sich ja wieder alle Welt Glück, ohne zu benennen, was das genau sein soll. Ein Reiterverein in Flehe trägt es im Namen. Warum das so ist, weiß man nicht so genau. Von Frank Lorentz

Zuallererst möchte ich mich bei dem älteren Herrn bedanken, der genau in dem Moment aus der Volksbankfiliale in Flehe trat, als ich dort mit dem Wagen vorbeifuhr. Ich stoppte, ließ das Fenster auf der Beifahrerseite herunter und fragte ihn, wo der Reiterverein "Gut Glück" zu finden sei. Er sagte, er könne mir den Namen des Vorsitzenden nennen. Ich fragte zurück, ob es denn keine Reithalle, keine Ställe gebe, woraufhin er lachte und erwiderte, das sei ein Schützenverein. Ich: "Warum heißt der dann Reiterverein?" Er: "Viele Schützenvereine heißen so. Die reiten alle. Wissen Sie was? Dort steht mein Auto. Fahren Sie hinter mir her, ich weiß, wo der Vorsitzende wohnt. Karl-Wilhelm Hahnen. Ich lotse Sie hin, Fleher Straße, eine Toreinfahrt. Ich bin selber im Schützenverein, wir kennen uns alle."

So kam es, dass ausgerechnet ich, dessen einzige Verbindung zum Schützenwesen darin besteht, dass ich im Sternzeichen des Schützen geboren wurde, an einem späten, klaren Dezembernachmittag, der Himmel färbte sich marzipanrosa, hinter einem freundlichen Schützenbruder durch Flehe kurvte, um den Vorsitzenden der St. Sebastianus-Bruderschaft Düsseldorf-Flehe kennenzulernen, zu der der Reiterverein "Gut Glück" gehört (ich hoffe, ich sortiere das richtig).

Vor allem wollte ich mit ihm über das Thema Glück sprechen. Denn zum neuen Jahr wünscht sich ja wieder alle Welt Glück, ohne zu benennen, was das genau sein soll. Jemand, dessen Verein das Glück im Namen führt, kann vielleicht etwas Erhellendes dazu sagen. Vor Jahren hatte ich ein Gespräch mit einem Philosophen. Er zitierte Aristoteles, demzufolge Glück das Nebenprodukt sinnvollen Tuns sei, und damit hat sich jegliche Glückssucherei eigentlich erledigt: Wer Glück sucht, darf kein Glück suchen, sondern Sinn, was die Sache leider nicht einfacher macht. Wäre sie einfach, würden sich in den Buchhandlungen nicht diese Kilometer von Glücksratgebern erstrecken.

Und dann würden nicht so viele Vereine und Firmen das Wort Glück geradezu beschwörend im Namen tragen - dieses rätselhafte Wort, das komischerweise hundertprozentig positiv konnotiert ist, obwohl viele Menschen ihr Glück vergeblich suchen und darüber sehr unglücklich werden. In Düsseldorf gibt es zum Beispiel die Taschenmanufaktur "Düsselglück". Und die Band "Hanf im Glück". Und das Restaurant "Hans im Glück". Es gibt das Institut "Happiness Research" sowie, in Derendorf, eine Praxis für Podologie namens "Fuß-Glück". Ehe ich nach Flehe fuhr, hatte ich sie aufgesucht. Sie ist bis Anfang Januar geschlossen, aber die benachbarte Apotheke war geöffnet, und ein dortiger Mitarbeiter schwärmte von der Praxis. Man kann, glaube ich, die Bedeutung der Fußgesundheit für die allgemeine Gesundheit kaum überschätzen, schließlich sind es die Füße, die uns Zweibeiner durchs Leben führen und die letztlich die ganze Last tragen. Ich verstieg mich zu einer Art Aphorismus und fragte den Mitarbeiter: "Sind die Füße glücklich, ist der Mensch glücklich, sehen Sie das auch so?" - "Das haben Sie treffend formuliert", lobte er.

Andererseits ist der Mensch mehr als seine Füße. Kann es, wenn man sein Glück sucht, tatsächlich helfen, Mitglied im Schützenverein zu sein, eine Waffe zu tragen und hoch zu Ross Umzüge mitzumachen? Nie im Leben hätte ich gedacht, dass ich, der ich Waffen und Pferde ablehne (die Viecher sind mir zu stark und zu nervös und nur in ihrer Erscheinungsform als Pferdestärken akzeptabel), einmal über das Schützenwesen schreibe und welchen Beitrag es für die Glücksproduktion leistet. Aber so ist das mit dem Glück - es findet sich oft dort, wo man es nicht sucht und nicht erwartet. Es kommt überraschend.

Überraschend wie die erste Erwiderung von Karl-Wilhelm Hahnen, dessen Wohnung ich überraschenderweise nicht fand, nachdem mich der nette Herr vor eine Toreinfahrt geleitet hatte und dann weitergefahren war.

Was aber nicht weiter tragisch war, denn Hahnens Mobilnummer steht im Internet, und er ging dann auch sofort dran: "Sie erreichen mich im Krankenhaus", sagte er als Erstes.

Karl-Wilhelm, genannt Kalle Hahnen, Jahrgang 1950, Inhaber eines Handels für Naturprodukte wie Tannengrün, Richtkränze, Heu- und Strohballen, ist eine Art Institution im Düsseldorfer Schützenwesen.

1969 wurde er Jungschützenkönig im Reiterverein "Gut Glück", 1978 1. Rittmeister, 1996 Regimentskönig, 1998 Chef der St. Sebastianus-Bruderschaft. "Wieso trägt Ihr Reiterverein das Wort Glück im Namen?", fragte ich, nachdem er mir versichert hatte, dass seine Erkrankung erstens nicht gravierend, zweitens überstanden sei und er drittens tags drauf entlassen werde. "Unser Verein wurde 1922 gegründet - was sich unsere Großväter damals gedacht haben, weiß ich nicht", sagte er. "Und was bedeutet Ihnen persönlich das Wort Glück?", fragte ich. Er schwieg. Es war jedoch kein Schweigen aus Ratlosigkeit, vielmehr das Schweigen desjenigen, der abwartet, bis aus seinem tiefsten Inneren etwas emporgestiegen ist, das als Antwort taugt. Und nur ein paar Augenblicke später war es so, dass aus ihm förmlich eine Glückserzählung hervorsprudelte: Dass er es als Glück empfinde, in Westeuropa geboren zu sein und noch nie einen Krieg miterlebt haben zu müssen; in eine Familie hineingeboren zu sein, die eine wirkliche Familie sei; und Arbeit zu haben. "Alles Positive im Leben hat mit Glück zu tun", sagte er. Und der Schützenverein? Ebenfalls ein Glück - ein Gemeinschaftsglück. "Wir bewahren keine alte Asche auf. Wir halten die Flamme am Brennen!"

Die ganze Zeit während des Telefonats hatte ich im Auto gesessen.

Allerdings, wie sich nun herausstellte, vor der falschen Toreinfahrt - diejenige von Hahnen und seinem Betrieb, der in einem Hinterhof gelegen ist, befand sich unmittelbar gegenüber. "Meine Frau müsste im Büro sein", sagte er am Ende unseres Gesprächs. "Grüßen Sie sie von mir." Ich stieg aus, wobei ich den Bleistift verlor, mit dem ich mir Notizen machte. Das Büro war unbesetzt, bis auf einen Hund, der bellte. Da trat Hahnens Ehefrau, von der Straße kommend, in den Hinterhof, und ich übermittelte ihr die Grüße. Sie betonte, es sei ein Glück im Unglück gewesen, dass ihr Mann erst dann ins Krankenhaus gemusst hätte, als die Arbeit im Betrieb für dieses Jahr getan war.

Dann schenkte sie mir einen neuen Bleistift - so konnte ich weiterschreiben, ein Glück. Auch dafür nochmals herzlichen Dank.

Quelle: RP
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