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Düsseldorf
Auftakt im Smalltalk-Marathon

Düsseldorf: Auftakt im Smalltalk-Marathon
OB Thomas Geisel (l.) mit Flughafenchef Ludger Dohm beim Flughafenempfang 2015. Der Airport macht dieses Jahr den Auftakt. FOTO: Andreas Endermann
Düsseldorf. Wer will, kann im Januar täglich an zig Neujahrsempfängen teilnehmen. Die Kosten der Veranstalter sind meistens ein Geheimnis. Von Thorsten Breitkopf

Der Januar ist in Düsseldorf traditionell vom Neujahrsempfangs-Marathon geprägt. Kaum eine öffentliche Einrichtung, kaum ein Unternehmen, kaum ein Verband verzichtet darauf, im Januar namhafte Vertreter aus allen Teilen der Düsseldorfer Gesellschaft zu langen oder kurzen Reden mit anschließendem großen oder kleinen Imbiss zu bitten.

Die unbestrittene Königin unter den Neujahrsempfängen ist die Veranstaltung der Industrie- und Handelskammer. Die IHK schafft es, die hochkarätigsten Redner zu gewinnen. 2012 sprach Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) zu den Wirtschaftsvertretern, 2005 der damalige Präsident der Evangelischen Kirche Deutschlands, Wolfgang Huber. Auch Bundestagspräsident Norbert Lammert und der Präsident Estlands, Lennart Meri, waren schon beim IHK-Neujahrsempfang in Düsseldorf. 2014 provozierte der chinesische Botschafter Shi Mingde die japanischen Vertreter. Er nutzte seinen Vortrag, um Japans Regierung anzugreifen. Scharf kritisierte er den Besuch des japanischen Ministerpräsidenten am Yasukuni-Schrein. Shi Mingde warf ihm vor, die Gefühle der Chinesen zu verletzen. Dieses Jahr spricht Telekom-Vorstandschef Tim Höttges. 1200 geladene Personen kommen zum renommierten Empfang, der eine Tradition seit 1975 ist, und vor allem die Ehrenamtler ehren soll.

Die Nummer Zwei in der Champions League der Düsseldorfer Januar-Empfänge ist der des Flughafens. Er eröffnet am Donnerstag dieser Woche quasi die Saison. Um die Zahl von langen Reden zu begrenzen, debattieren die Gäste seit einigen Jahren moderiert auf dem Podium. Dieses Jahr sitzen dort neben Oberbürgermeister Thomas Geisel, Flughafen-Aufseher Gerhard Schroeder und Flughafenchef Ludger Dohm die Chefs der beiden größten deutschen Airlines, Carsten Spohr (Lufthansa) und Stefan Pichler (Air Berlin). Die Umstrukturierungen der Airlines und die umstrittene Kapazitätserweiterung des Flughafens dürften die Top-Themen sein.

Beiden Neujahrsempfängen sind viele Dinge gemein. Es gibt eine hohe Deckungsgleichheit bei den Gästen, und wer heute keine Einladung hat, hat auch bei besten Beziehungen kaum eine Chance noch reinzukommen. Alle Plätze sind vergeben. Außerdem hüllen sich IHK und Airport in Schweigen über die Kosten des Empfangs.

Hoch geachtet sind auch noch die Empfänge von Wirtschaftsförderung und dem japanischen Generalkonsulat in der Rheinterrasse und der der amerikanischen Handelskammer AmCham. Auch hier sind die Kosten nicht öffentlich. Das Besondere bei der AmCham: "Die Finanzierung läuft zu einem großen Teil über private Sponsoren", sagt AmCham-Chef Alexander Schröder-Frerkes. Der Geheimtipp ist der Empfang der Deutschen Bank, zu dem mitunter die hochkarätigsten Gäste kommen und auf harte Nachrichten von Konzernchef Jürgen Fitschen hoffen, der jeden Gast übrigens stets per Handschlag begrüßt. Doch damit ist die Liste der wirtschaftlichen Neujahrsempfänge lange nicht beendet. Wirtschaftclub, Bund katholischer Unternehmer, Wirtschaftsjunioren, Ring deutscher Makler, Deutsch-Russischer Wirtschaftsclub, diverse japanische Verbände, die Maklerfirma JLL, die Bundesbank, NRW.Invest, die Heinrich-Heine-Universität, und, und, und. Die Liste ließe sich beliebig fortsetzen. Und alle diese Veranstaltungen haben eines gemeinsam: Sie werden auch bis zur letzten Feier rappelvoll sein. Denn Düsseldorfs Wirtschaftsvertreter lieben Neujahrsempfänge einfach. Ermüdungserscheinungen setzen vor Karneval nicht ein.

In den Medien kaum noch Beachtung wegen der Fülle an Neujahrsempfängen finden die kleinen, feinen Einladungen der Düsseldorfer Mittelständler. Für Unternehmer Karsten Agten ist der Neujahrsempfang seiner Firma IT-On.net der Höhepunkt des Jahres. 100 Kunden und Lieferanten hat er eingeladen. Alle werden kommen, ist er sich sicher. Er macht auch keinen Hehl aus den Kosten: "10.000 Euro kostet mich die Feier mit Vortrag. Und das ist es mir auf jeden Fall wert", sagt Karsten Agten. Ähnlich sieht das Hans Hinkel von der gleichnamigen Düsseldorfer Vermögensverwaltung. 8000 Euro lässt er sich seinen Empfang im Maxhaus kosten.

Einige aber denken um. Die Stadtsparkasse verzichtet seit Jahren auf einen Neujahrsempfang. "Die Entwicklung dieser Empfänge ist in Düsseldorf inflationär, es gibt so viele, wir verzichten", sagt Sparkassensprecher Gerd Meyer. Doch ganz ohne kommt auch diese Bank nicht aus. Der Neujahrsempfang der Steuerberater wird finanziell unterstützt und findet im Hause des Instituts statt.

Quelle: RP
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