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Serie Düsseldorfer Geschichten
Aus dem Weg, Kapitalisten!

Serie Düsseldorfer Geschichten: Aus dem Weg, Kapitalisten!
Düsseldorfs bunteste Straße: Die Kiefernstraße 17 etwa wurde von den Künstlern Ben und Majo Brothers gestaltet. FOTO: Hans-Jürgen Bauer
Düsseldorf. Die Kiefernstraße ist ein deutschlandweit einzigartiges Soziotop. Vor allem für einen Typus Mensch: den altersmilden Radikalen. Ein Besuch. Von Torsten Thissen

Die Art, wie Harald den Boden des Kulturbüros in der Kiefernstraße fegt, könnte ein Fanal für die Sinnlosigkeit des Reinemachens an sich sein. In diesem Sinne: Wer fegt, hat schon verloren, ist ein Teil des Systems der Schwämme, Lappen und Besen, ein Handfeger, äh, -langer des schrubbenden Establishments, das immer nur auf Reinheit schielt, nach mehr Reinheit giert und den Wert eines Menschen nach der Frische seiner Kleidung beurteilt. Man könnte aber auch sagen: Harald hat echt keinen Bock, aber sowas von nicht!

Saubermachen muss er aber trotzdem, weil ein paar Frauen aus der Kiefernstraße heute Abend das Ladenlokal mit der kleinen Küche gebucht haben. Harald hat am Abend zuvor hier gekocht, wie jeden Mittwoch übrigens, ein nettes Essen, zu dem jeder kommen kann, der Lust hat. Er lehnt sich auf den Besen, grüßt eine Frau mit Kopftuch, die ihm lächelnd zuwinkt. Seit über 30 Jahren wohnt Harald in der Kiefernstraße. War lecker, aber ein bisschen salzig gestern, Bier und Wein 1,50 Euro. "Kann man doch nicht meckern", sagt Harald und fegt noch ein bisschen.

Ich weiß, dass es schwierig ist, aber wir können ja mal ein Gedankenexperiment wagen, bevor wir uns der Kiefernstraße weiter nähern. Wir stellen uns also vor, dass wir eine Wohnung suchen. Naja, es geht eigentlich um einen Platz zum Pennen, nicht um Fußbodenheizungen, Wellness-Bäder und Dachterrassen mit Außenkaminen.

Und wir stellen uns vor, dass wir keine Lust haben, 50-60 Stunden in der Woche irgendeinen Job, der unsere physische wie psychische Gesundheit ruiniert, zu machen. Der Elektronikkram, der den Menschen heute so wichtig ist, ist uns herzlich egal, Autos sowieso, und das Prinzip von Markenkleidung finden wir lächerlich. Wir erwarten von unserem Leben: Viel Spaß, nette Freundschaften und vor allem guten Sex, wobei der peu à peu durch gutes Essen ersetzt wird, denn wir werden ja auch älter. Wir wollen die Sache schließlich durchziehen, jahrelang. Wenn uns so ein Leben wirklich glücklich macht - und immer vorausgesetzt, dass wir ja auch nicht in der Irrenanstalt landen wollen - dann wird es ganz schön eng in Deutschland 2015.

In der Vergangenheit, da gab es diese Orte. Berlin-Mitte und Prenzlauer Berg in den Neunzigern zum Beispiel, das alte West-Berlin vielleicht, mit David Bowie, Iggy Pop und die Hamburger Hafenstraße, obwohl: Eigentlich waren das alles ja nur Orte auf Zeit. Prenzlauer Berg ist inzwischen zu teuer ohne einen dieser Herzinfarkt-Jobs, West-Berlin gibt es nicht mehr, und die Rote Flora in Hamburg oder der Friedrichshainer Nordkiez haben ja immer noch sowas schrecklich Politisches, Junges, Wütendes. Straßenkampf mit Mitte 50? Sitzblockaden wegen Castor? Puh, sagt da der altersmilde Radikale.

Die Kiefernstraße hingegen gibt einem das Gefühl, dass es genauso okay und wirkungsvoll ist, seinen Unmut gegen das System im Rahmen eines Sonntagsbrunchs mit Bio-Eiern und veganem Brotaufstrich im benachbarten Zakk zum Ausdruck zu bringen. Klar, der Kampf geht weiter, noch weiter aber mit preiswertem Cabernet Sauvignon, was vielleicht ein bisschen spöttelnd, aber nicht böse gemeint ist. Es liegt einfach in der Natur der Sache.

"Wir sind älter geworden", sagt eine Bewohnerin, die zwar die Anfänge der Kiefernstraße nicht mitbekommen hat, aber immerhin "ein Teil der Szene" war. Sie kommt gerade aus einem Schrebergarten, den Korb voll mit frischem Gemüse und Obst. Sie habe nicht viel Geld gehabt damals und sei mit ihrem damaligen Freund in eine der Wohnungen gezogen, geheiratet haben sie nie, aber Kinder bekommen, die wiederum leben jetzt in anderen Städten, "ganz anders", als sie, doch eigentlich merke man ihrer Wohnung ja gar nicht an, dass sie in einem ehemals besetzten Haus ist. Es gibt Zentralheizung, eine Badewanne, die Dielen sind geschliffen und versiegelt, die Elektroleitungen liegen unter dem Putz. Nur das Badezimmer könnte mal erneuert werden, sagt sie. Freundlich ist sie, sagt, "sie sei zufrieden", sie brauche nicht viel. Außerdem gebe es hier auch Solidarität unter den Bewohnern, aber auch für Menschen, die nicht hier wohnen.

Und das ist ja das wirklich Schöne an der Kiefernstraße, dass hier niemand wohnt, der nun selbst zum Establishment gehört, der Karriere gemacht hat. Die leben inzwischen woanders, die Ehrgeizigen, denen die alternative Szene als gutes Sprungbrett diente; die, die damals im Sinne Rudi Dutschkes ihren Marsch durch die Institutionen begannen, sich dann darin wiederfanden, so komfortabel, dass sie sie lieber nicht von innen zerschlugen, wie Dutschke es propagierte.

"Wir sind aber auch jünger als die 68er", sagt Harald. Er hat genug vom Fegen, klar könne man sich seine Wohnung mal ansehen, sie liegt direkt gegenüber im Erdgeschoss. Nebenan ist übrigens frei, der da wohnte, ist irgendwann einfach nicht mehr aufgetaucht, inzwischen haben sich Mietschulden angehäuft, und demnächst wird die Hausgemeinschaft entscheiden, wer denn Haralds neuer Nachbar wird. Harald zahlt 145 Euro im Monat. Dafür hat er zwei große Zimmer, rund 85 Quadratmeter, die vollgestopft mit irgendwelchen Sachen sind, eine Sammlung der vergangenen 30 Jahre. In der Mitte des Raumes steht eine provisorische Theke aus Sperrholz, ein Überbleibsel des "Café Müllkippe", das 1982 hier bestand, Plattenspieler, Stühle, Tische, "der Mülleimer ist mir heute morgen umgekippt", sagt Harald.

Hier liegen die Leitungen auf dem Putz. Durchbrüche haben noch Bruchkanten und man kann sich nur wundern, wie lange sich doch Provisorien halten, wenn man sie nur fleißig ignoriert. Harald sagt, er hätte gern ein neues Klo, und einen Boiler, der sei nämlich kaputt. Das allerdings seit 15 Jahren, weshalb es nur kaltes Wasser gibt. Sein Bad ist eine mit Decken verhängte Ecke. Das Fenster zum Balkon ist auf, dort stehen zwei herrliche Hanfpflanzen, die vielleicht ein bisschen mehr Sonne vertragen könnten. Es sieht gemütlich aus und nach einer guten Ernte.

Die Stimmung? Entspannt.

Quelle: RP
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