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Interview mit einem Opfer
Auch ein Jahr nach dem Axt-Angriff ist nicht alles wie vorher

Amoklauf am Hauptbahnhof Düsseldorf
Düsseldorf. Vor einem Jahr verletzte der psychisch kranke Fatmir H. am Düsseldorfer Hauptbahhof mit einer Axt neun Personen. Ein Jahr später erzählt eine Frau, die damals einen Schädelbruch erlitt, von ihren Erinnerungen an die Tat - und den Folgen. Von Helene Pawlitzki

Dana Siebold (Name geändert) möchte anonym bleiben, damit ihr Name nicht für immer mit der Axt-Attacke in Verbindung bleibt. Die 37-jährige Wissenschaftlerin lebt und arbeitet im Ruhrgebiet und war am Tag des Angriffs nur zufällig in Düsseldorf. Über die Ereignisse spricht sie ruhig und gefasst: "Ich bin eigentlich selbst erstaunt, wie wenig psychische Auswirkungen das Ganze hatte." Als eins der wenigen Opfer war sie beim Prozess gegen Fatmir H. Wir treffen sie in ihrer Wohnung.

Frau Siebold, was haben Sie am 9. März 2017 in Düsseldorf gemacht?

Siebold Ich war beruflich dort. An der Universität war ein Meeting, wo ich etwas vorgestellt habe. Abends wollten mein Kollege und ich nach Hause fahren, haben aber eine Straßenbahn verpasst und mussten dann eine andere Verbindung nehmen. Sonst wäre ich gar nicht in der S-Bahn gewesen, die auch der Täter benutzt hat.

Ist er Ihnen aufgefallen?

Siebold Überhaupt nicht. Wir sind am Hauptbahnhof ausgestiegen und waren gerade dabei, uns zu orientieren. Und da ist es passiert.

Was haben Sie gesehen?

Siebold Ich kann mich an die Tat selbst immer noch nicht genau erinnern. Bei der Gerichtsverhandlung habe ich die Videos vom Bahnsteig gesehen und halb gefürchtet, halb gehofft, dass die Erinnerung zurückkommt. Aber bis heute ist da ein Loch.

Hier lesen Sie den Bericht der Rheinischen Post vom 10. März 2018 über den Amoklauf.

Auf den Videos konnte man tatsächlich wenig Details erkennen.

Siebold Wenn ich Zeit gehabt hätte, mir das in Ruhe anzuschauen, hätte ich vielleicht entdeckt, wo ich gestanden habe. Vielleicht ist das aber auch ein Glück – vielleicht will ich es auch gar nicht so genau wissen.

Woran können Sie sich denn noch erinnern?

Siebold Ich stand mit meinem Kollegen am Gleis und habe gemerkt, dass hinter mir Chaos ausbricht. Es wurde laut, irgendjemand ist umgefallen, irgendjemand hat geschrien. Ich habe mich kurz umgedreht und gesehen, dass jemand am Boden lag. Aber ich dachte, der ist aus der Tür gefallen. Ich habe gar nicht verstanden, dass da gerade jemand durchdreht. Ich habe mich wieder zu meinem Kollegen umgedreht und bei ihm totales Entsetzen im Gesicht gesehen. Er hatte gesehen, dass jemand eine Waffe hatte. Was genau er gesehen hat, weiß ich nicht. Er wollte nach meinem Arm greifen und mich mitziehen – das ist das letzte Bild, das ich habe.

Was ist passiert?

Siebold Er dachte, dass wir zusammen losgerannt wären. Erst auf der Treppe hat er mitbekommen, dass ich nicht mehr bei ihm bin. Aber weil so viele Menschen die Treppe hinunter gerannt sind, hat er mich nicht mehr gefunden. Als ich wieder zu mir gekommen bin, stand ich immer noch auf dem Bahnsteig und habe nur schrittweise bemerkt, dass ich verletzt bin.

Wie hatte der Täter Sie verletzt?

Siebold Ich habe einen Schlag mit der Axt auf den Hinterkopf bekommen. Der Schädel war gebrochen.

Erinnern Sie sich an Schmerzen?

Siebold Überhaupt nicht. Es hat gebrannt – aber eine Schürfwunde hätte genau so wehgetan. Sowohl ich als auch der Sanitäter, der mich dann aufgesammelt hat, dachte, ich hätte eine Platzwunde am Kopf von einem Sturz. Es hat zwar geblutet wie Hölle, aber das tut eine Platzwunde ja auch. Ich war ja auch nicht umgefallen, konnte laufen und reden. Mir war total schlecht, aber sonst hatte ich ja nichts. Ich bin als leicht verletzt ins Krankenhaus eingeliefert worden. Erst dort hat die Ärztin festgestellt, dass die Verletzung nicht von einem Sturz stammte, sondern von der Axt. Sie konnte mir ein riesiges Büschel Haare abnehmen, das sauber abgeschnitten war.

März 2017: Amok-Lauf am Düsseldorfer Hauptbahnhof FOTO: Gerhard Berger

Von wem haben Sie erfahren, was passiert ist?

Siebold Vom Sanitäter am Bahnsteig. Als meine Erinnerung einsetzt, sieht es dort aus wie in einem schlechten Horrorfilm. Alles voller Blut. Es waren keine Menschen mehr da. Überall lagen Sachen auf dem Boden. Mir ist dann in dieser Reihenfolge aufgefallen: Mein Kollege ist weg. Mein Handy ist weg – das war mein erster Griff, weil ich herausfinden wollte, wo er ist. Ich muss es fallen gelassen haben. Erst dann habe ich gemerkt, dass ich am Kopf blute. Und dann kam auch schon jemand – ich habe keine Ahnung, wer, aber er wollte sich wohl einfach kümmern, hat gemerkt, dass ich verletzt bin und hat mich zu den Sanitätern hingeschoben. Den Sanitäter habe ich dann gefragt, was passiert ist. Er hat mir erzählt, dass jemand mit einer Axt Leute verletzt hat.

Das heißt, Sie haben den Täter nie bewusst gesehen.

Siebold Erst bei der Gerichtsverhandlung.

Hier lesen Sie einen Bericht über den ersten Prozesstag gegen Fatmir H.

"Für eine Handy-Nachricht habe ich eine halbe Stunde gebraucht"

Sie sind dann ins Evangelische Krankenhaus in Unterbilk gekommen.

Siebold Die Ärztin hat dort gemerkt, dass der Schädel gebrochen ist. Ich war schnell im MRT und dann ganz schnell im Uniklinikum. Die hatten dort viele Notfälle und ich musste stundenlang warten, bis ich operiert wurde, weil ich von allen Schwerverletzten anscheinend die stabilste war. Das war halt nervig: Ich hab mich nicht getraut zu schlafen, ich war total durch, denn ich war an dem Tag ja schon 14 Stunden unterwegs gewesen, als es passierte. Ich war fix und alle. Ich glaube, ich habe zu dem Zeitpunkt noch gar nicht richtig gecheckt, was los ist.

Wann wurden Ihre Angehörigen informiert?

Siebold Ich hatte ja mein Handy verloren, und – naja, die Telefonnummern, die ich auswendig kann, sind sehr begrenzt. Meine eigene Festnetznummer kenne ich aber. Mein Freund hatte schon erfahren, dass in Düsseldorf etwas passiert ist und ich verschwunden bin. Zum Glück ist er nicht sofort losgefahren, sondern zu Hause geblieben und ich habe ihn erreicht. Er ist dann in der Nacht noch ins Krankenhaus gekommen. Meine Mutter allerdings wohnt über 300 Kilometer weit weg. Mein Freund hatte sie informiert, aber vorbeikommen konnte sie nicht. Sie saß zu Hause, fix und fertig, hat Nachrichten geguckt und auf Neuigkeiten gewartet.

Die OP haben Sie gut überstanden – was kam dann?

Siebold Ich musste eine Nacht auf der Intensivstation bleiben und danach war ich noch eine Woche im Krankenhaus, weil mein Freund sich keinen Urlaub nehmen konnte und ich nicht wusste, ob ich zu Hause alleine klar komme.

Von so einer Kopfverletzung hat man lange etwas.

Siebold Ja, ich habe auch heute noch Nachwirkungen. Unmittelbar danach dachte ich, es ist nicht so schlimm. Ich konnte ja aufstehen und reden. Ich dachte, nach der Woche im Krankenhaus und nach ein, zwei Wochen zu Hause kann ich wieder arbeiten. Am Ende war ich 35 Arbeitstage in Reha.

Welche Einschränkungen hatten Sie?

Siebold Ich habe schon im Krankenhaus gemerkt, dass ich Probleme habe, meinen Blick zu fokussieren. Ich musste mich sehr konzentrieren, um lesen und schreiben zu können. Für eine einzige Nachricht auf dem Handy habe ich am Anfang eine halbe Stunde gebraucht.

In Ihrem Beruf muss das eine Katastrophe gewesen sein.

Siebold Ich arbeite häufig mehrere Tage nur am Bildschirm. Lesen, schreiben, recherchieren, Präsentationen erstellen, Bildbearbeitung. Das ist schon eine relativ große Anstrengung, wenn es mir gut geht.

Wie haben Sie sich erholt?

Siebold Ich habe in der Ergo-Therapie Spiele am Bildschirm gemacht. Sachen fangen. Labyrinthe durchgehen. Am Anfang habe ich kaum zehn Minuten durchgehalten, bevor mir schlecht wurde. Außerdem hatte ich Probleme mit Gleichgewicht, Koordination und Balance. In der Reha habe ich mich deshalb sehr viel bewegt. Leichtes Zirkeltraining und Sport. Ich bin vorher viel Fahrrad gefahren. Das habe ich mich erst wieder getraut, nachdem ich eine ganze Weile in der Reha war.

Gab es einen Punkt nach der Reha, an dem Sie das Gefühl hatten: Ich bin wieder gesund?

Siebold Ich habe weiterhin Einschränkungen. Zwischendurch kommen die Sehstörungen noch mal wieder, gerade bei starker Belastung. Und die Narbe ist riesig und zwickt zwischendurch immer noch. Ich war noch lange nach der Reha bei der Physiotherapie und dort hat die Therapeutin fast ausschließlich die Narbe massiert. Sie hat sich auch hinterher noch mal entzündet und musste operiert werden. Das Gewebe ist dort überempfindlich. Aber das sind Kleinigkeiten. Im Alltag funktioniere ich ohne Probleme. Ich vermeide lange Autofahrten unter Zeitdruck, damit ich eine Pause machen kann, wenn ich eine brauche. Drei Monate nach der Verletzung durfte ich gar nicht fahren, das wusste ich vorher auch nicht. Ich habe dann noch mal eine Fahrstunde gemacht und mir bescheinigen lassen, dass ich fahrtauglich bin.

Was hatte der Amoklauf für psychische Auswirkungen auf Sie?

Siebold Erstaunlich wenige. Ich bin noch nie gerne in Menschenmassen gewesen und mag das auch immer noch nicht. Aber ich bin eigentlich selbst erstaunt, wie wenig Auswirkungen das Ganze hat. Als ich zur Nachuntersuchung nach Düsseldorf musste, wollte ich Zug fahren. Am Wochenende vorher bin ich mit meinem Freund mal durch die Gegend gefahren, um zu gucken, ob ich das hinkriege. Und es war eigentlich kein Problem.

Und als Sie dann am Düsseldorfer Hauptbahnhof standen?

Siebold Klar war das komisch. Alles war so normal. Ganz anders als beim letzten Mal.

"Ich wollte sehen, dass die Welt sicher ist vor dem"

Warum war es Ihnen wichtig, zur Gerichtsverhandlung zu erscheinen?

Siebold Ich habe gehofft, dass ich das Ganze als mentalen Abschluss verwenden kann. Dass die Sache dann vorbei ist. Ich hatte über meine Anwältin schon Auszüge aus dem Gutachten bekommen und mir war klar, dass der Täter nicht wegen versuchten Mordes verurteilt werden wird, sondern dass er psychisch krank ist und in die Geschlossene eingeliefert wird. Aber ich wollte sehen, dass die Welt sicher ist vor dem.

An einem weiteren Prozesstag gegen Fatmir H. ging es um die Opfer. Hier lesen Sie den Bericht.

Manche Menschen haben damals in den sozialen Netzwerken die Meinung vertreten, der Täter komme zu leicht davon, wenn er nicht ins Gefängnis, sondern in die Psychiatrie kommt.

Siebold Mir als Opfer ist das eigentlich egal, Hauptsache, er läuft nicht weiter draußen rum und hört das nächste Mal Stimmen und macht irgend einen Scheiß. Muss ich echt sagen. Hauptsache sicher. Der Täter war ja schon als psychisch krank diagnostiziert, aber dass es so ausartet, war nicht vorhersehbar. Er hatte ja Medikamente. Wenn er dann entscheidet: Ich nehme die nicht, weil mich das müde macht, können die Ärzte auch nichts dafür.

Was empfinden Sie gegenüber Fatmir H.?

Siebold Am allerehesten Mitleid. Das trifft es nicht genau, aber da ist so viel Mist zusammengekommen. Ich glaube dem Gutachter, dass der Täter in dem Moment nicht schuldfähig war. Ich gebe ihm jedenfalls keine Schuld.

Vergleichen Sie Ihren Schmerz mit seiner Krankheit?

Siebold Ich denke, das kann man nicht vergleichen. Ich meine, ja: Sein Leben ist jetzt richtig im Arsch. Aber das war es wahrscheinlich vorher auch schon. Und ich hatte verdammtes Glück im Unglück, ich kriege alles wieder auf die Reihe. Ich möchte mir nicht vorstellen, wie es anders hätte ausgehen können. Ich hatte ja nur eine Schädelverletzung, nichts am Gehirn.

Manche Leute reden dann von einer Wiedergeburt oder einem neuen Leben, das ihnen geschenkt wurde.

Siebold Das fühlt sich echt nicht so an. Eher wie: Shit happens.

Was machen Sie an diesem 9. März?

Siebold Zufälligerweise werde ich zu Hause bei meiner Mutter sein. Das hat aber nichts mit dem zu tun, was vor einem Jahr passiert ist.

 
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Axt-Angriff 2017 in Düsseldorf: Interview mit einem Opfer nach einem Jahr


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