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Düsseldorf
Diese Frau wäscht den Politikern die Köpfe

Beate Hanßen hat einen Friseursalon im NRW-Landtag in Düsseldorf
Beate Hanßen in Ihrem Frisiersalon im Landtag. Der Salon steht allen Bürgern offen. Sie müssen sich nur anmelden. FOTO: Andreas Bretz
Düsseldorf. Beate Hanßen betreibt den Friseursalon im Landtag. Seit 22 Jahren wäscht sie der politischen Elite des Landes den Kopf. Von Torsten Thissen

Als Beate Hanßen zum ersten Mal an ihren neuen Arbeitsplatz kam, 22 Jahre ist das schon her, da war sie ziemlich eingeschüchtert. Klar, sie war jünger. Mit Anfang 30, da lässt man sich noch leicht beeindrucken, aber der Landtag war ja noch relativ neu, und sie war höchstens mal auf dem Amt gewesen, um ihren Ausweis zu verlängern. Jetzt also das: Die Sicherheitsleute, die Natursteinhalle, die riesigen Fenster, Edelstahl und natürlich die Menschen in Anzügen und Kostümen, die freundlich grüßten, aber so aussahen, als hätten sie unglaublich wichtige Dinge zu erledigen.

Hanßen ging die Treppe nach unten in Richtung der Toiletten, zwei Türen, ein Flur bis zum Raum E02 33, der "Frisierstube", dem Salon. Der sah so aus wie alle anderen Friseursalons damals. Obwohl, schon vor 22 Jahren waren die Beige- und Brauntöne ein bisschen altbacken, wie Frau Hanßen heute sagt. Die Innenausstatter hatten eigentlich weiß und schwarz als dominierende Farben vorgesehen als der Landtag gebaut worden war, doch Frau Hanßens Vorgängerin hatte auf "warme Farben" bestanden. Brigitte Pehlke, von der Beate Hanßen den Salon vor fünf Jahren übernommen hat, kommt noch zweimal in der Woche, um "ihre Kunden" zu bedienen. Sie ist nicht mehr Eigentümerin. Geändert hat sich sonst nichts, "jetzt ist das ja schon wieder modern", sagt Frau Hanßen und deutet auf die braun-goldenen Tapeten und den Linoleum-Fußboden in Natursteioptik, der so einfach sehr leicht sauber zu halten ist.

Sie sitzt in einem der braunen Stühle, im Radio läuft WDR 2, es ist nicht wirklich viel los, sowieso geht es nicht sonderlich hektisch zu bei Frau Hanßen. Das liegt natürlich zum Einen daran, dass der Salon im Landtag eben drinnen, im Landtag, ist, "da haben viele Kunden von draußen Schwellenangst", weiß sie. Drinnen und draußen, das sind so Kategorien im Leben von Frau Hanßen, und eben auch in dem ihrer Kunden. Abgeordnete, deren Mitarbeiter, Angestellte des Landtages, Ministerialbeamte, Journalisten, manchmal kommen auch noch Rentner oder ausgeschiedene Parlamentarier zu ihr. Doch das eher selten. Drinnen ist drinnen und draußen eben draußen. "Natürlich ist das hier eine andere Welt", sagt Frau Hanßen.

Eine Welt, in der die Menschen sehr höflich sind, aber auch vorsichtig. Niemals in den vergangenen Jahren sei einer ihrer Kunden ausfallend oder unangenehm geworden, ganz im Gegenteil. Richtig verschnitten hat sie sich aber auch nicht. Das würde schnell die Runde hier machen, sagt sie, das sei draußen schon anders.

Natürlich hat sie vielen Politikern die Haare geschnitten. Jürgen Rüttgers kam oft, Hannelore Kraft hingegen war schon länger nicht mehr da, früher kam sie schon mal zum Föhnen und Legen. Das werde mit der Zeit normal, und über Politik werde da nicht geredet. "Wenn die Leute hier sind, sind sie privat", sagt Beate Hanßen. Vielmehr unterhalte man sich über die Kinder oder den Urlaub, das Wetter. Oft müsse es ja auch ziemlich schnell gehen, weil Politiker eben immer in Eile seien.

Frau Hanßen sagt, dass sie nicht mit ihnen tausche wolle. "Ich hätte Angst vor der Verantwortung", sagt sie. Außerdem: Wer den Beruf des Politikers ernst nähme, und das täte die große Mehrheit derer, die sie kennengelernt habe, der habe 24 Stunden am Tag zu tun. Zumal Smartphones und E-Mails dafür sorgen, dass man immer erreichbar sein muss. Früher sei es drinnen weniger hektisch gewesen als draußen. Zum Beispiel die Sommerpause. Früher hätte man den Laden in dieser Zeit auch schließen können, "da kam niemand", heute aber ist immer irgendjemand da.

Früher fuhren nach der Sommerpause immer große Wagen mit der Post der vergangenen vier Wochen über den Flur vor ihrem Salon lang. Die Post sei einfach vier Wochen liegengeblieben. "Heute ist das undenkbar." Das Telefon klingelt, eine bereits pensionierte WDR-Journalistin macht einen Termin für diese Woche aus. Frau Hanßen notiert es in ihrem großen Kalender. Es gibt vier Reihen mit Plätzen und Spiegeln, eigentlich viel zu viel, aber auch das war früher anders. Früher saßen die Damen eine Stunde unter der Trockenhaube, heute aber sind die Frisuren nicht mehr so aufwendig. Ein Damenschnitt dauert meistens nicht viel länger als der bei den Herren. Es gab Überlegungen, den Salon zu verkleinern, doch das wird wohl erst wieder in der nächsten Legislaturperiode auf dem Zettel stehen, sagt sie. Die Legislaturperiode ist die Zeiteinheit, in der man hier drinnen denkt.

Eines habe sich aber nicht verändert. "Gut aussehen soll es natürlich immer noch", sagt Frau Hanßen. Letztlich hat sie eine Diskussion über den Friseur des französischen Präsidenten geführt. Es hieß, François Hollande zahle ihm 10.000 Euro im Monat. Frau Hanßen würde auch mit ihm nicht tauschen wollen. Klar, das Geld wäre schön, aber sie sagt, ihr würde dann die Freiheit fehlen. Einen Kunden für den man immer springen müsse, das könne sie sich nicht vorstellen. Dennoch konnte sie sich über diese Summe nicht so aufregen. Die Politiker müssten ja ordentlich aussehen, wenn sie im Namen ihrer Wähler sprechen. "Die Frau Kraft soll doch auch nicht aussehen wie ein gerupftes Huhn, oder?"

Quelle: RP
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