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Integrative Band aus Düsseldorf
Bei "Faktor G" steht das "G" für Gemeinschaft

Integrative Band aus Düsseldorf: Bei "Faktor G" steht das "G" für Gemeinschaft
Bei Faktor G spielen Musiker mit und ohne Behinderung zusammen. FOTO: Young David
Düsseldorf. In der Band "Faktor G" machen behinderte und nicht-behinderte Menschen gemeinsam Musik - und das ganz selbstverständlich. Von Sven-André Dreyer

Für Jona Krispin ist jede Bandprobe auch mit einer gewissen Schlepperei verbunden. Der 17-Jährige ist der, der neben dem Schlagzeuger für die rhythmischen Schnörkel und Feinheiten in der Band "Faktor G" zuständig ist. Und außer seiner Cajón - einer aus Peru stammenden Kistentrommel, auf der man beim Spielen sitzt - bringt er auch stets weitere Percussioninstrumente wie Cabasa, Tabla oder Shékere zu den Proben mit.

"Musik", sagt Jona, "ist mein Leben." Und insbesondere für seine Mitgliedschaft in dieser Band brennt er spürbar. Das "G", erklärt Jona, stehe für das Wort "Gemeinsam". "Weil wir einfach alle zusammengehören."

Jona kam mit dem Williams-Beuren-Syndrom zur Welt, einer genetisch bedingten Besonderheit, deren Ursache in einem Stückverlust auf dem siebten Chromosom liegt. Sehr viele Menschen mit dem Beuren-Syndrom mögen ausgesprochen gerne Musik, merken sich Lieder und Melodien sehr schnell und haben ein ausgeprägtes Rhythmusgefühl.

"Dies liegt an einer starken Ausprägung der linken Hörrinde, die für zeitliche Präzision und das Rhythmusgefühl zuständig ist. Sie ist bei Menschen mit WBS im Vergleich zu gleichaltrigen Gesunden deutlich größer und wird beim Hören von Tönen stärker aktiviert", erklärt Kathrin Schinski (38).

Die Sozialpädagogin gründete 2013 das musikalische Projekt, und als Gründungsmitglied der Band lebt Jona seither mit ihr die Idee, behinderte und nicht behinderte Menschen zusammenführen, um gemeinsam zu musizieren. Rund 30 Mitglieder zwischen 15 und 30 Jahren vereint die Liebe zur Musik inzwischen, ihre Gemeinschaft schafft dabei die Vielfalt der außergewöhnlichen Gruppe, die je zur Hälfte aus behinderten und nicht-behinderten Musikern besteht.

Anders als bei einer gewöhnlichen Band bedarf es für die Auftritte von "Faktor G" einer vielfältigen Vorbereitung. Um den Chor und die Musiker musikalisch zusammenführen zu können, werden CDs aufgenommen, mit denen jedes Chormitglied vor den Proben und Auftritten auch zuhause üben kann. "Die Übe-CDs laufen bei uns 365 Tage im Jahr", erzählt Jonas Mutter und lacht.

Und auch die Proben müssen langfristig vorbereitet werden. Nicht selten werden dafür ganze Wochenenden in Jugendherbergen der Region angesetzt, Betreuung, Ruheraum und Verpflegung inklusive.

Als musikalischen Bandleader konnte Schinski damals Friedemann Totzek (34) gewinnen. Schinski, die selbst seit ihrem fünften Lebensjahr musiziert, lernte den Pianisten, der heute als Kinderarzt arbeitet, während ihres Studiums an der Heinrich-Heine-Universität im Uni-Orchester kennen. Während Totzek gemeinsam mit regionalen Chorleitern den musikalischen Part des Projekts übernimmt, ist Schinski für den organisatorischen Überbau zuständig.

"Mit der Band wollen wir weg von der Sonderstellung, die behinderte Menschen in der Gesellschaft noch immer haben", sagt Schinski. "Es geht um das Gemeinsame, um das Miteinander, jeder von uns trägt diese Idee mit." Dazu gehört auch, einen anderen Blick für Menschen mit Behinderung entwickeln zu lernen. "Manche Dinge benötigen im Umgang mit behinderten Menschen einfach mehr Zeit", sagt Totzek.

Außer den engagierten Eltern, die ihre Kinder zu den regionalen, wohnortnahen Chorproben in ganz Nordrhein-Westfalen begleiten, sind dies auch die nicht-behinderten Bandmitglieder wie Sonja Oberstraß. Die 20-Jährige studiert in Düsseldorf Medizin und ist ebenfalls seit Projektstart Sängerin des Bandchors. "Zuvor hatte ich nie Umgang mit behinderten Menschen", sagt sie. Erst in der Gruppe habe sie die Arbeit mit Behinderten kennengelernt und dadurch nicht nur ein großes Verständnis entwickelt. "Auch mein Blick auf die Welt hat sich grundlegend geändert", sagt die Medizinstudentin.

Die Gruppe erarbeitet jährlich ein neues musikalisches Programm und tritt damit, teilfinanziert von der Neuapostolischen Kirche, bundesweit auf.

Quelle: RP
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