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Yousra El Makrini und Burkhard Hintzsche
Beim Digitalen helfen meist Schüler den Lehrern

Yousra El Makrini und Burkhard Hintzsche: Beim Digitalen helfen meist Schüler den Lehrern
Yousra El Makrini findet, dass die Stadt jungen Düsseldorfern mehr Treffpunkte, zum Beispiel zum Musikmachen und Tanzen, schaffen sollte. Burkhard Hintzsche ist der Meinung, dass Jugendkultur nicht alleine davon lebt, dass die Stadt Angebote macht. FOTO: Andreas Endermann
Düsseldorf. Die Jugendrats-Vorsitzende fordert Räume für Bands und Tanz sowie Lehrer, die Tablets bedienen können. Der Jugenddezernent verweist auf Angebote wie das Zett.

Frau El Makrini, viele Jugendliche sind politikverdrossen. Sie engagieren sich seit 2013 für den Jugendrat, sind inzwischen die Vorsitzende und damit Sprachrohr für mehr als 50.000 Kinder und Jugendliche in der Stadt. Was reizt Sie daran?

El Makrini Meine Eltern kommen aus Marokko, also aus einer Monarchie, und daher weiß ich eine Demokratie sehr zu schätzen. Ich finde, dass sie ein Privileg ist, und zwar eins, das man nutzen sollte, weil es sie eben nicht überall gibt.

Herr Hintzsche, haben Sie sich früher als Schul- oder Klassensprecher für bestimmte Belange stark gemacht?

Hintzsche Ich bin in Baden-Württemberg groß geworden und da gab es noch nicht mal eine legitimierte Schülervertretung, wie man das in vielen anderen Ländern kannte. Auch später an der Hochschule gab es keine Studentenvertretung wie den AStA. Betätigt habe ich mich aber trotzdem, in Arbeitsgruppen, als es zum Beispiel um den Nato-Doppelbeschluss und die Stationierung von Atomwaffen ging.

Frau El Makrini, Sie haben sich mit dem Jugenddezernenten Hintzsche zur Begrüßung umarmt. Ist die Zusammenarbeit mit Dezernenten, Stadtverwaltung und Politik generell ungezwungen?

El Makrini Bevor ich im Jugendrat arbeitete, dachte ich, dass Kommunalpolitik total langweilig und trocken ist. Man sieht Politiker, die meist älter sind, auch in der Stadtverwaltung und im Jugendamt. Lernt man sie aber näher kennen, wird man positiv überrascht. Wir bekommen viel Unterstützung. Ich habe aber eine Weile gebraucht, um warm zu werden und zum Beispiel in der Bezirksvertretung mal was zu sagen. Da sitzen Erwachsene, die so viel Ahnung und so viele Informationen haben, die man erst mal nicht hat. Manchmal bin ich dann auch etwas überfordert, aber wenn man etwas fragt, bekommt man positive Rückmeldungen. Aber natürlich klappt nicht immer alles so, wie man sich das vorstellt. Man bekommt aber immer eine Begründung, warum etwas nicht funktioniert.

Welche Themen sind Ihnen wichtig?

El Makrini Vor allem die Integration und die Partizipation von Jugendlichen, aber auch Bildung und Chancengleichheit. Wir haben zum Beispiel das Integrations- und Partizipationsprojekt "Jugend International", über das sich junge Flüchtlinge und junge Düsseldorfer begegnen. Wir kochen, waren auch klettern und auf dem Fernsehturm, was für Düsseldorfer ein Muss ist. Dabei entstehen immer wieder Freundschaften.

Herr Hintzsche, viele Schulen platzen schon seit längerem aus allen Nähten, bei den Lehrern gibt es eine Personalverknappung. Was tun Sie, um die Integration unter diesen schwierigen Bedingungen dennoch voranzutreiben?

Hintzsche Wir haben natürlich einen großen Raumbedarf und investieren daher weiter in den Ausbau der Schullandschaft. Dafür nehmen wir eine halbe Milliarde Euro in die Hand. Das ist das größte Ausbauprogramm im Schulbereich seit dem Zweiten Weltkrieg. Wir müssen aber natürlich auch viel in die Hand nehmen, weil wir Nachholbedarf haben. Trotz eines sehr knappen Wohnraumangebots ist es uns gelungen, die dauerhafte Belegung von Sporthallen zu vermeiden. Und man darf nicht vergessen, dass die Integration Jahrzehnte dauern wird. Die Willkommenskultur in Düsseldorf ist sehr stark, in der Integrationskultur sind wir gut, aber wir müssen mittel- und langfristig auch einen langen Atem haben. Doch es gibt viel Unterstützung, etwa durch den Jugendrat und andere Initiativen und Träger.

Heizungsrohre, die im Winter kalt sind, Wasser, das von der Decke tropft, und fehlende Mensen: Hat die Stadt den Schülern in den vergangenen Jahren zu viel zugemutet?

El Makrini Ehrlich gesagt: Ja! Als ich noch zur Schule ging, hatte ich einen Klassenraum, in dem ein Fenster nicht zuging, die Heizung war kaputt und man musste die ganze Zeit mit der Jacke sitzen. Man könnte fast schon sagen, dass es die Regel ist, dass manche Klassen nicht im besten Zustand sind. Und wenn man überlegt, dass Schüler jeden Tag dort sind, mit dem Ganztagsunterricht dort mehr Zeit verbringen als zu Hause, finde ich, dass man mehr dafür tun sollte, dass die Schüler sich wohl fühlen. Man merkt eine Verbesserung, aber man könnte mehr machen. Mir ist aber auch klar, dass solche Prozesse lange dauern, weil alles durch verschiedene Ausschüsse gehen muss, das nötige Geld vorhanden sein muss und so weiter.

Hintzsche Die Zustandsbeschreibung stimmt, hat sich aber in den letzten zwei Jahren wesentlich verändert. Wir haben auf die ganze Kritik, von Lehrer-, Eltern- und Schülerschaft und der Politik reagiert. Zum Beispiel dadurch, dass wir die Themen Bauen und Schulen zusammengezogen und eine Projektgruppe gegründet haben. Mit dem neuen Masterplan Schulen stehen 30 Millionen Euro für die Schulsanierung zur Verfügung, wir haben auch mehr Verantwortlichkeiten nach unten verlagert. Der Hausmeister darf wieder mehr machen, damit die kleinen Mängel sofort abgestellt werden können und für die großen genug Geld da ist. Früher brauchten wir manchmal vier Jahre bis zur Umsetzung einer Maßnahme, das haben wir beschleunigt.

Sehen das auch Lehrer, Eltern und Schüler so?

Hintzsche Wenn man heute in der Schullandschaft nachfragt, würden alle sagen: Die Prozesse und die Kommunikation sind besser geworden, man kriegt verbindliche Auskunft, wann was passiert. Und ganz so schlecht scheinen unsere Schulen ja nicht zu sein. Warum sollten Eltern von außerhalb ihre Kinder an Düsseldorfer Schulen anmelden, wenn sie nicht davon überzeugt wären, dass unser öffentliches Schulsystem gute Leistungen erbringt?

Noch immer haben viele Schulen kein Wlan oder PC-Arbeitsplätze. Wie zufrieden sind Sie mit dem Projekt E-School, Frau El Makrini?

El Makrini Nicht sehr. Es ist gut, dass man dafür sorgen will, dass es an allen Schulen Wlan gibt und die Klassen mit Tablets ausgestattet werden, aber man muss auch die Kompetenz der Lehrer erweitern. Denn meist holt ein Lehrer einen Schüler im Unterricht schon nach vorne, um den Beamer einzuschalten. Ich denke mir dann: Das ist doch viel leichter als ein Tablet zu bedienen. An jeder Schule wird aber auch nur ein Lehrer fortgebildet, der dann die anderen einarbeitet. Ich finde, das reicht nicht, weiß aber, dass das nicht Aufgabe der Stadt ist.

Hintzsche Wir hatten aber auch Schulen, die Tablets hatten, die in den Schränken waren und nicht eingesetzt wurden.

Weil die Lehrer nicht wussten, wie man sie bedient?

Hintzsche Die Tatsache, dass sie in den Regalen oder Kellern waren, zeigt, dass es nicht immer daran liegt, dass die Geräte oder die Technik fehlen. Und im Zweifelsfall sind es tatsächlich die Schüler, die den Lehrer den Umgang mit dem Tablet vermitteln. Jede Schule muss ein medienpädagogisches Konzept erarbeiten, das die Grundlage für die Beschulung ist. Wir haben jetzt am Rather Kreuzweg die erste Schule komplett mit Tablets ausgestattet. Ende des Jahres wollen wir in eine europaweite Ausschreibung gehen, mit dem Ziel, dass wir dann sagen können, dass es bis Ende 2017 an allen rund 180 Schulen Wlan gibt. Düsseldorf nennt sich schließlich digitale Stadt.

Gibt es genug Angebote und Anlaufstellen für junge Düsseldorfer?

El Makrini Wir sehen da ziemliche Mängel. Zum Beispiel setzen wir uns für Proberäume für junge Musiker ein. Wir haben eine Tanzgruppe, die sich im Jugendinformationszentrum Zett am Hauptbahnhof trifft, doch für 20 Jugendliche gibt es dort nicht genügend Platz. Und für junge Leute gibt es kaum die Möglichkeit, mit dem Budget, das sie haben, etwas Brauchbares zu machen. Das Museum Kunstpalast kann man unter 18 Jahren für nur einen Euro besichtigen: Doch viele wissen das nicht!

Hintzsche Die Stadt hat unheimlich viele Räume wie das Zett geschaffen. Aber das Thema Jugendkultur lebt ja nicht alleine davon, dass die Stadt irgendein Angebot schafft. Jugendkultur ist vielfältig: Es gibt auch die Art von Jugendkultur, die sich ihre eigenen Räume erobern will.

Könnte man die Angebote nicht über die Schulen bekanntmachen?

El Makrini Natürlich, aber ich habe nicht das Gefühl, dass Stadt und Schulen gut genug kooperieren, damit die Jugendlichen diese ganzen Informationen erhalten. Bevor ich im Jugendrat war, wusste ich nicht mal was von dem Jugendinternetportal Youpod und dem Zett. Dort kann man sich bestens über alles Wichtige informieren.

Hintzsche Aber dann können wir ja gemeinsam dafür sorgen, dass die Angebote bekannter werden. Jugendliche brauchen eine andere Form der Ansprache und Medien.

Die Beteiligung bei den Jugendratswahlen ist mit gut 20 Prozent eher gering.

Hintzsche Zur nächsten Jugendratswahl im November wird die Regierungspräsidentin zu einem gemeinsamen Pressetermin mit dem Oberbürgermeister kommen, um dafür zu werben, dass die Schulen auch Wahllokale einrichten.

Das hat in der Vergangenheit an vielen Schulen nicht geklappt.

Hintzsche Ja, es ist das einfachste, Schüler dort abzuholen, die Wahlen dort durchzuführen. Dieses zum demokratischen Bestandteil des pädagogischen Konzepts zu machen, hat in der Vergangenheit nicht funktioniert. Wir hatten mobile Teams des Jugendamts vor Ort, aber es muss auch von den Lehrern aufgenommen werden, auf die wir aber keine unmittelbare Einwirkungsmöglichkeit haben. Dann müssten wir auch eine höhere Wahlbeteiligung generieren können.

Der Jugendrat wurde vor rund neun Jahren gegründet. Warum war es lange so still um ihn?

Hintzsche Er hat die ersten Jahre gebraucht, um sich zu finden, ist inzwischen aber an einem Punkt, an dem er eine gute Akzeptanz hat und bei der nächsten Wahl davon sicherlich profitieren wird, wenn wir mehr Wahllokale an Schulen einrichten. Der Jugendrat stellt Anfragen und Anträge, hat Visionen, verfällt aber nicht dem Wahnsinn. (lacht) Und die anfängliche Angst, dass der Jugendrat zum verlängerten Arm der politischen Gruppierungen werden könnte, hat sich nicht bewahrheitet. Der Jugendrat lässt sich nicht vor den Karren spannen, setzt sich für die Interessen der Jugendlichen ein, wie für niedrigere Bäderpreise, hält sich aber etwa bei der Diskussion um die Tour de France raus.

Wie läuft es intern? Ziehen alle 31 Mitglieder an einem Strang?

El Makrini Wir haben alle unterschiedliche Interessen und diskutieren viel. Einige sind in einer Partei, aber das ist nicht oft zu merken. Es ist nicht immer dieselbe Gruppe, die für oder gegen etwas ist. Natürlich gibt es manchmal Konflikte, aber die gibt es überall.

Der Jugendrat hat im vergangenen Jahr per Misstrauensvotum seinen damaligen Vorsitzenden wegen Pflichtvernachlässigung abgesetzt.

El Makrini Aber im Großen und Ganzen funktioniert die Zusammenarbeit ganz gut.

Wollen Sie nach Ihrem Studium weiter politisch arbeiten?

El Makrini Ich finde Politik sehr interessant, habe mich aber noch nicht entschieden. Die Arbeit im Jugendrat gefällt mir gerade, weil es ein überparteiliches Gremium ist und ich mich nicht festlegen muss. Ich weiß auch nicht, ob ich mich auf eine Partei festlegen könnte. Und bei meiner Arbeit mag ich es sehr, Erfolge direkt sehen zu können, wenn ich zum Beispiel einem jungen Flüchtling helfe. In der Politik hat man oft eine größere Distanz. Mir würde der persönliche Kontakt sehr fehlen.

Warum haben Sie sich für eine Karriere in der Verwaltung entschieden, Herr Hintzsche?

Hintzsche Während meines Studiums in Konstanz musste ich ein achtmonatiges Praktikum machen und ging dann zum Deutschen Städtetag und damit zu einem Kommunalverband, also einer Schnittstelle zwischen Politik, Wissenschaft und Verwaltung. Danach bin ich sehr motiviert in das Studium zurück und wollte es so schnell wie möglich beenden. Ich hatte auch enormes Glück: In dem Jahr, in dem ich meinen Abschluss machte, war die Wiedervereinigung und der Städtetag richtete zwei weitere Stellen für die Städte in den neuen Ländern ein. Ich denke, dass man in diesem Bereich am meisten erreicht, wenn man seine Arbeit engagiert, leidenschaftlich, aber auch politisch neutral ausübt.

SEMIHA ÜNLÜ FÜHRTE DAS GESPRÄCH.

Quelle: RP
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