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Comedy in Düsseldorf
Die Stadt entdeckt das Kind im Weibe

Carolin Kebekus in Düsseldorf: Die Stadt entdeckt das Kind im Weibe
Comedy-Künstlerin Carolin Kebekus flucht, spricht über Blähungen und schmäht Helene Fischer. Das macht sie zum lustigsten Menschen Deutschlands. FOTO: Anne Orthen
Düsseldorf. Comedy und Kabarett sind am Samstagabend in Düsseldorf in weiblicher Hand. Wieso wundert sich die Welt eigentlich immer noch, dass auch Frauen Humor haben? Ein Essay über ein bierernstes Thema. Von Helene Pawlitzki

Carolin Kebekus ist Deutschlands beste Comedykünstlerin. Vergangene Woche bekam sie das beim Deutschen Comedypreis in Köln bescheinigt. Heute Abend ist sie die "Alphapussy". So heißt das Soloprogramm, das sie in der ausverkauften Mitsubishi Electric Halle präsentiert. Gleichzeitig hebt sich etwas weiter nordöstlich in Grafenberg einmal mehr der Vorhang für den "Damenabend". Die bissige Mädelsabend-Komödie ist ein Dauerbrenner des Kabarett Flin - und ebenfalls ausverkauft. Karten gibt es noch für "Cavequeen" im Capitol-Theater. Allerdings passt das Stück über die Irrungen und Wirrungen des schwulen Beziehungslebens nur dem Namen nach in diese Reihe erfolgreicher weiblicher Humorveranstaltungen.

Steht man als weiblicher Klassenclown gut da?

Comedy wird weiblicher. Noch immer sind aber lustige Männer in der Überzahl. Auf der Bühne und privat. Ralf Günther, Jurychef beim Comedypreis, hat das schön zusammengefasst: Er halte es für möglich, sagte er im Interview mit dem WDR, dass viele Frauen gar nicht witzig sein wollten. Sein Talent zum Klassenclown habe ihm viele Freunde eingebracht und die eine oder andere Freundin. Er frage sich, ob man als weiblicher Klassenclown ähnlich gut dastehe. Und wahrscheinlich ist seine Frage nicht unberechtigt.

Der Mensch denkt halt in Schubladen. Kö-Shopper sind Snobs, Köbesse schlagfertig und Karnevalisten klüngeln. Das sind Klischees, von denen wir erwarten, dass sie stimmen, und wenn das nicht der Fall ist, sind wir überrascht. Manchmal positiv. Manchmal negativ.

Für Männer und Frauen hat sich der Mensch ebenfalls Schubladen ausgedacht. Männer sind sozial dominant, reden nicht gern über ihre Gefühle und fragen selten nach dem Weg, wenn sie sich verlaufen haben. Frauen ecken nicht gern an, opfern sich pflichtbewusst auf und überlassen gern anderen die Hauptrolle. Das Schöne an diesen Klischees ist: Sie funktionieren wie eine selbsterfüllende Prophezeiung. Wir versuchen, die Rolle zu füllen, die scheinbar für uns geschrieben wurde. Ein Mann, der keinen Fußball oder kein Bier mag; eine Frau, die gerne flucht oder einen Keilriemen wechseln kann, muss sich häufig immer noch erklären. Es ist einfacher, nicht aus der Rolle zu fallen. Es ist einfacher, so zu sein, wie der Rest der Menschheit uns gern hätte, damit er nicht über uns nachdenken muss. Das ist ein Überlebensmechanismus. Daran ist nichts Falsches. Um so bemerkenswerter ist es aber, wenn Menschen da nicht mitmachen, und damit wären wir beim Thema Frauen und Humor.

Als Frau lustig zu sein bedeutet, sich vom Rollenbild zu entfernen

Frauen ecken nicht gern an, opfern sich pflichtbewusst auf und überlassen gern anderen die Hauptrolle. Das Problem ist, dass Humor fast immer aneckt, meist subversiv ist und sich normalerweise in den Vordergrund drängt. Als Frau lustig zu sein bedeutet, sich von dem Rollenbild, das zu erfüllen sehr einfach wäre, ein Stück weit zu entfernen. Das kostet Mut, auch wenn die Konsequenz heute nicht mehr ein scharlachroter Buchstabe ist, sondern nur jede Menge Erklärungen abzugeben sind.

Wie häufig die Kölnerin Kebekus nach dem Thema Frauen und Humor gefragt wird, ist nicht bekannt, aber es wird wenig Interviews geben, die darauf verzichten. Die Kölnerin ist zudem bekannt für ihre derben Witze, sie flucht, macht Kotzgeräusche, spricht über Blähungen und plagiiert Heavy Metal. Reichlich unweiblich, staunen manche. Ein Teil ihres Programms befasst sich mit der Frage, was mit Helene Fischer nicht stimmt, bei der immer alles ecken- und kantenfrei ist. Deutlicher kann man die perfekte Vorzeigefrau nicht ablehnen.

Es muss nicht immer das Extrem sein. Weiblicher Humor kann auch trocken und subtil daherkommen, ohne damit weniger bissig zu sein, sagt Philipp Kohlen-Priebe. Der Intendant des Kabarett Flin schwärmt von den Komikerinnen auf seiner Bühne: "Granatenhaft" seien Vera Deckers, Lioba Albus, Mirja Regensburg oder die Hauptdarstellerin des "Damenabends", Karin Halinde. Das Stück habe er entdeckt, als er darüber sinnierte, ob es neben einem "Kind im Manne" eigentlich auch ein "Kind im Weibe" gebe. "Um als Frau lustig zu sein, braucht man Mut", sagt er. "Mut zur Hässlichkeit. Mut, um über sich selbst zu lachen." Mut, den eigenen Schalk zu entdecken, gegen das Klischee vom braven Frauchen.

Den Deutschen Comedypreis hat Carolin Kebekus übrigens bereits zum fünften Mal bekommen. In diesem Jahr gab es allerdings zum ersten Mal keine separaten Kategorien für Männlein und Weiblein. Sie freue sich, dass sie jetzt nicht nur für eine Frau lustig sei, sagte Kebekus dazu, sondern auch offiziell lustiger als alle Männer.

Quelle: RP
 
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