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Serie Düsseldorfer Geschichten
Carsch-Haus: Harte Schale, schicker Kern

Serie Düsseldorfer Geschichten: Carsch-Haus: Harte Schale, schicker Kern
Der Beginn: Das Kaufhaus "Gustav Carsch & Co. Düsseldorf" eröffnete am 10. März 1915 an der Alleestraße. FOTO: Stadtarchiv Düsseldorf (2), RP-Archiv, Thomas Busskamp
Düsseldorf. Das Kaufhaus in der Altstadt wird zum Nobel-Outlet umgebaut. Veränderungen wie diese sind keine Seltenheit in seiner Geschichte. Von Christian Herrendorf

Die Füße liefen immer nach rechts, der Blick aber ging nach links. Düsseldorfer, die in den achtziger oder neunziger Jahren Jugendliche waren, gingen aus ganz profanen Gründen ins Carsch-Haus. In der Musikabteilung sollte es die neue Platte von New Order schon geben, es musste noch ein Roman für den Deutschunterricht bestellt werden oder ein kleines Geburtstagsgeschenk gekauft werden. Die dazugehörigen Abteilungen lagen vom Eingang an der Heinrich-Heine-Passage ausgesehen rechts. Auf der anderen Seite der weißen Fliesen begannen die Reihen mit Mode, die erkennbar nicht für junge Menschen gedacht war, und mit Artikeln für die ganz feinen Sportarten. Es war die Zeit, in der Gabriela Sabatini die tollste Tennisspielerin der Welt war und allein der Name des Modeschöpfers Sergio Tacchini im Kopf Welten erzeugte, die es sonst nur in James-Bond-Filmen gab. In diese Abteilungen gingen Eltern oder Großeltern, wenn sich einer von ihnen etwas gönnen wollte, und trugen anschließend die beige Tüte mit der braunen Schrift so stolz wie diejenigen, die gerade auf der Kö eingekauft hatten.

Wegen des U-Bahn-Baus wurde das Carsch-Haus ab 1979 abgebaut und versetzt. FOTO: Stadtarchiv Düsseldorf

Diese Welt verschwindet bald. Der kanadische Eigentümer Hudson's Bay Company will dort im Sommer 2017 die erste deutsche Filiale seiner Nobel-Outlet-Marke Saks Off 5th eröffnen. Umbrüche wie diese gehören zur Geschichte des Hauses wie die Sandstein-Fassade. Sie ist vor gut 100 Jahren entstanden - unter aus heutiger Sicht bemerkenswerten Umständen: Der Mülheimer Unternehmer Paul Carsch bot der Stadt 1911 an, auf einem Grundstück an der Alleestraße (heute: Heinrich-Heine-Allee) ein Kaufhaus zu errichten. Nach nur acht Tagen erhielt er die Zustimmung. Der Bauantrag für den Entwurf von Otto Engler wurde zügig genehmigt, im März 1915 feierten alle Beteiligten die Eröffnung des Geschäfts, das Paul Carsch nach seinem Vater Gustav benannte. In einer Anzeige warb das Unternehmen damals für sich als "Haus für vornehme Herren- und Knabenkleidung, Sport- und Livree-Kleidung".

Die Düsseldorfer hielten sich nicht mit der Langfassung des Namens auf und sprachen schon bald nur noch vom "Carsch-Haus", auch als die Nazis daran ihre Macht demonstrierten. Sie zwangen Carsch, das Unternehmen unter Wert an seinen Prokuristen Fritz Seiffert zu verkaufen, der alle jüdischen Mitarbeiter entließ. Carsch und seine Frau Bella entgingen knapp der Deportation und flohen nach Amsterdam, wo sie sich bis 1945 erfolgreich vor den Besatzern versteckten. Eine Entschädigung für den Zwangsverkauf erhielt Carsch bis zu seinem Tod 1951 nicht.

Das ist das Düsseldorfer Carsch-Haus FOTO: Endermann, Andreas

Das Gebäude wurde im Krieg massiv getroffen, das Eisenskelett erwies sich aber als sehr robust. So konnten die Briten nach dem Krieg dort die Volkshochschule und das internationale Bildungszentrum "Die Brücke" unterbringen. Erst später wurde in den Räumen wieder ein Kaufhaus eingerichtet - ein Zustand, der nicht von langer Dauer sein sollte: Als die Stadt den U-Bahn-Bau und die Station "Heinrich-Heine-Allee" beschloss, sollte das Carsch-Haus abgerissen werden. Das löste Proteste von Denkmalschützern und eine lange Diskussion aus, in der die zunächst wahnwitzig klingende Idee entstand, das Kaufhaus abzubauen und leicht versetzt wieder zu errichten. Und so wurden 1979 rund 4800 Fassadensteine nummeriert und katalogisiert, nach Volmerswerth gebracht und dort restauriert. Dabei zeigte sich noch einmal, wie hart die Hülle war, denn es mussten erstaunlich wenige Steine ersetzt werden. Vier Jahre nach Beginn der Abbauarbeiten lag der letzte alte Stein an neuer Stelle, am 27. September 1984 startete die nächste Eröffnungsfeier, auch für den unterirdischen Zugang aus der U-Bahn-Passage.

Einer der Jungs, die früher immer mit in der Musikabteilung war, stand jüngst im Carsch-Haus in der Abteilung für Haushaltswaren. Er kaufte gerade einen Wasserkocher. Auf die Frage, ob es den im Internet oder Elektromarkt nicht günstiger gibt, sagte er: "Kann sein, aber der hier hält wenigstens." Dann wurde der Wasserkocher in eine schwarze Tüte mit pinkem Griff gepackt.

Quelle: RP
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