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Düsseldorf
Das Ende der Stahlverarbeitung in Benrath

Düsseldorf. 140 Jahre nach der Gründung der Firma "Capito & Klein" wurde im Nirosta-Werk vor der Stilllegung das letzte Metallband gefertigt. Von Andrea Röhrig

Seit 1978 hängt der Dankesgruß aus Finnland im Benrather Stahlverarbeitungswerk "Nirosta" an der Hildener Straße. Ein Unternehmen mit dem Namen Outokumpu bedankt sich für den von 1973 bis 1978 geleisteten Know-how-Transfer in Sachen Edelstahlverarbeitung. Ironie der Geschichte: Seit 2012 ist das skandinavische Unternehmen, dem der große Krupp-Konzern einst unter die Arme griff, Eigentümer der früheren Edelstahlsparte "Thyssen Krupp Nirosta".

Die Überlegungen, die Edelstahlverarbeitung aus Kostengründen an einem Standort, nämlich in Krefeld, zu zentrieren, hatten schon die alten Eigentümer. Final umgesetzt wurden diese Pläne unter dem neuen Eigentümer Outokumpu. Seit 2014 investierte dieser 108 Millionen Euro in den Ausbau der Produktion von "ferritischem Edelstahl" in Krefeld. Das umfasste unter anderem den Bau einer neuen Beiz- und Blankglühanlage sowie einer neuen Haubenglühanlage. Nach Angaben des Unternehmens ist "die Anlaufphase der Produktion in Krefeld planmäßig fortgeschritten und hat nun den Status erreicht, in dem die Verlagerung der Produktion von Benrath nach Krefeld abgeschlossen werden kann."

Die meisten Beschäftigten sind schon in den vergangenen Monaten sukzessive gewechselt. 100 Mitarbeiter sollen noch bis Mitte 2017 in Benrath bleiben. Davon 50 aus dem Bereich Forschung und Entwicklung, die dann ebenfalls in die Seidenstadt umziehen werden. Die restlichen 50 sind in den kommenden Monaten mit dem Abbau des Werkes beschäftigt; im Anschluss daran gehen sie in den Ruhestand.

Gestern gab es in dem Werk an der Hildener Straße einen kleinen Festakt mit geladenen Gästen. Dabei wurde das Kaltbandwalzwerk noch einmal symbolisch ans Laufen gebracht und ein Metallband - ein so genannter Coil - produziert. Das letzte nach 140 Jahren Benrather Stahlverarbeitungsgeschichte.

Ein trauriger Anlass auch für viele Ehemalige, die den Weg noch einmal ins Werk gefunden hatten. Unter ihnen Klaus Meiden, der 1956 in der Benrather Paulsmühle bei der Firma "Capito & Klein" seine Arbeit aufgenommen hatte. Der zeigte im Gespräch mit unserer Redaktion kein Verständnis dafür, dass der Abschied in einem kleinen geschlossenen Zirkel stattfand.

Hier geht es zur Chronologie: Stahl in Benrath von 1876 bis heute

Mit Meidens erstem Arbeitgeber beginnt die Benrather Stahlverarbeitungsgeschichte - auf dem Grundstück an der Telleringstraße, auf dem am Montag der Grundstein für den Neubau des Albrecht-Dürer-Berufskollegs gelegt wird. Die aus dem Siegerland stammenden Paul Capito und Heinrich Klein gaben am 13. Mai 1876 im öffentlichen Anzeiger der Stadt Benrath den Bau eines "Pudlings- und Platinenwalzwerkes mit Dampfhammer" auf ihrem Grundstück an der Telleringstraße bekannt. Drei Jahre später verließen die ersten Feinbleche das Werk.

1915 übernahm die Essener Firma "Fried. Krupp" die Aktienmehrheit. 1922 heuerte bei Capito & Klein ein 16-Jähriger an - der spätere Boxweltmeister Max Schmeling. Der damalige Firmenchef Karl Klein entdeckte den jungen, kräftigen Arbeiter beim Brunnenbau auf dem Werksgelände.

Der für Benrath wichtigste Schritt erfolgte nach dem Zweiten Weltkrieg. Das Tochterunternehmen "Capito & Klein" bekam als einzige Firma von Krupp die Erlaubnis, die Bleche mit dem Warenzeichen "Nirosta" zu fertigen. Weil die Kapazitätsgrenze am Stammwerk Ende der 1940er Jahre erreicht ist, wird an der Hildener Straße am 17. Juni 1953 der Grundstein für ein neues Breitband-Walzwerk gelegt.

Hier geht es zum historischen Zeitungsartikel von der Grundsteinlegung.

In dieser Hochzeit der Stahlindustrie arbeiten in beiden Werken zusammen 1600 Mitarbeiter. Eine weitere Ironie der Geschichte: Fast genau vor 40 Jahren, am 30. September 1976, verließ das letzte Feinblech das mittlerweile unrentabel gewordene Werk an der Telleringstraße. Die Produktion zentrierte sich an der Hildener Straße.

2009 traf die Welt-Wirtschaftskrise auch den Industriekonzern ThyssenKrupp mit voller Wucht. Darauf reagierte das Unternehmen mit einem Konzernumbau, von dem auch die Edelstahlsparte Nirosta betroffen sein sollte - Konzentration in Krefeld, Schließung des Werkes in Benrath. Durch den Stadtteil schwappte im November 2010 eine Woge der Solidarität: Es gab Protestzüge, Kundgebungen, und Mahnwachen. Immerhin mit dem Erfolg, dass die damals noch 550 Nirostianer in den anderen Thyssen-Krupp-Werken - vor allem in Krefeld - einen neuen Job finden sollten. Das Werk selbst sollte hingegen 2016 schließen. Nun haben die Finnen diesen letzten Schritt getan. Die Stimmung bei der Abschiedsfeier hat Klaus Meiden als merkwürdig empfunden: "Als hätten sich alle schon lange mit der Schließung abgefunden."

Quelle: RP
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