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Düsseldorf
Das Gesicht der Jüdischen Gemeinde

Düsseldorf: Das Gesicht der Jüdischen Gemeinde
Vertritt seit 30 Jahren die Interessen der Jüdischen Gemeinde: Geschäftsführer Michael Szentei-Heise (62). FOTO: Andreas Endermann
Düsseldorf. Seit 30 Jahren organisiert Michael Szentei-Heise das jüdische Leben in der Stadt. Ein Brückenbauer, dem die Politik Sorgen bereitet. Von Jörg Janssen

Nur ein einziges Mal sprach Edith Szentei mit ihrem Sohn über das Unbeschreibliche, das ihr in jungen Jahren widerfahren ist. Die Episode, die ihr über die Lippen kam, geschah Anfang Juni 1944. Die 18-Jährige stand auf dem Budapester Bahnhof vor einem Zug, sollte in einen ungeputzten Kohlenwaggon steigen. Ein ungarischer Pfeilkreuzler, der den Nazis an diesem Tag die Arbeit abnahm, kontrollierte all ihre Habseligkeiten. Als sein Blick auf das frisch erworbene Abiturzeugnis fiel, hob er es empor und zerriss es mit den Worten "Das wirst du ganz sicher nicht mehr brauchen." Wenig später fuhr der Zug los. Er brachte Edith, ihre Schwester Anna und Ethel, die Mutter der beiden, nach Auschwitz-Birkenau.

Als Schüler in Budapest. "Wir mussten sehr viel auswendig lernen", erinnert er sich. FOTO: Michael Szentei-Heise

Doch der ungarische Faschist, der so sicher war, dass niemand aus diesem rußgeschwärzten Zug mehr ein Schulzeugnis brauchen würde, sollte nicht recht behalten. Die Frauen überlebten das Vernichtungslager, ein bayrisches Arbeitslager, in das sie später verlegt wurden, und einen Todesmarsch. "Direkt nach dem Krieg ging meine Mutter nach Frankreich, studierte dort Chemie, ihr Leben lang arbeitete sie in diesem Beruf", sagt Michael Szentei-Heise sieben Jahrzehnte später.

Seit exakt 30 Jahren ist der Jurist Geschäftsführer der Jüdischen Gemeinde Düsseldorf. In die Wiege gelegt war das dem 1954 in Ungarn geborenen Juristen nicht. Auch nicht, dass ihn das Schicksal einmal nach Düsseldorf führen würde. Bis zum elften Geburtstag konnte Michael Szentei (das Heise kam erst durch seine spätere Ehefrau hinzu) nicht einmal Deutsch. "Mein Vater kommt aus einer donau-schwäbischen Familie und hat als Kind diesen Dialekt mit meinen Großeltern noch gesprochen. Aber ich habe davon nicht mehr profitiert", sagt er.

Lange Haare waren Pflicht: Michael Szentei (2. v. l.) mit Freunden in der 1970er Jahren. FOTO: Michael Szentei-Heise

Jude ist Szentei-Heise, weil seine Mutter Jüdin war. "Meine donau-schwäbischen Großeltern väterlicherseits waren Katholiken, die auf Mutters Seite jüdisch", sagt der in Wersten lebende Manager der rund 7500 Mitglieder zählenden Jüdischen Gemeinde. Die gemischt-religiöse Ehe der Eltern war - nur acht Jahre nach der Shoah - alles andere als selbstverständlich. "Gemerkt habe ich von all dem nichts. Wir lebten am Stadtrand von Budapest, es gab freundliche Nachbarn, tolle Wiesen zum Toben und keiner hat Bemerkungen gemacht, die auf mein Jüdisch-Sein angespielt hätten", erinnert sich Szentei-Heise.

1965 packten Mutter und Sohn die Koffer, fuhren nach München zu Szenteis heute 87 Jahre alter Tante Anna und deren Sohn. Vom Cousin lernte der Junge aus Budapest die ersten Worte Deutsch. Doch München blieb ein Intermezzo. "Meine Mutter bekam noch im gleichen Jahr einen Job als Diplom-Chemikerin an der Düsseldorfer Uni. Deshalb zogen wir nach Benrath."

Mit Anwältin Monika Jeuck hätte Szentei beinahe eine Kanzlei eröffnet. FOTO: Michael Szentei-Heise

Als Szentei-Heise ein paar Jahre später das Jugendzentrum der Jüdischen Gemeinde zum ersten Mal betrat, wusste er noch nicht, dass dies sein weiteres Leben prägen würde. Tiefreligiös war und ist Szentei-Heise nicht. "Spiritualität ist nicht so mein Ding, ich bin eher der pragmatische Typ und gehöre zu jenen, die vor allem an den drei wichtigsten Feiertagen im Jahr in die Synagoge gehen", sagt er. Pragmatisch handelte vor rund 50 Jahren auch seine Mutter, die sich vom Vater getrennt hatte und im Job ihre Frau stehen musste. "Ich musste ins Internat nach Rheinberg zu den katholischen Pallottinern", schmunzelt der Mann, der gerne Ski fährt, kocht und auf Reisen geht. In dem niederrheinischen Städtchen besuchte er das Amplonius-Gymnasium ("zu den Schülern zählten Jürgen Möllemann, Claudia Schiffer und Isabell Werth"), wechselte später nach Xanten aufs Stifts-Gymnasium. Mit den katholischen Ordensbrüdern kam der jüdische Junge aus Düsseldorf bestens klar. "Ich kann weder über Missstände geschweige denn über Missbrauch und auch nicht über Bekehrungsversuche berichten. Es war eine gute Zeit."

Mit 16 hatte er das Internat trotzdem satt. "Ich habe meiner Mutter gesagt, dass ich endlich bei ihr in Düsseldorf leben möchte". Die gab schließlich nach. Szentei-Heise wechselte aufs Benrather Schloß-Gymnasium, machte dort Abitur. Einsätze als Jugendbetreuer in Israel folgten dem Schulende. Im jüdischen Teil von Nazareth kümmerte er sich einige Monate lang um junge jüdische Einwanderer aus Georgien. Doch anders als sein Freund "Lulu" (Nusi Sznajder), der ihn zum Jura-Studium überredete und heute in Israel ein bekannter Psychologe ist, wollte er nicht auswandern. Zumal seine Mutter mit Mitte 40 an Multipler Sklerose erkrankte. "Ich wollte in ihrer Nähe sein, brachte mein Studium in Köln zu Ende."

Kurz vor dem zweiten Staatsexamen sprach ihn Mitte der 1980er Jahre Herbert Rubinstein auf die Nachfolge des Geschäftsführers Paul Hoffmann an. Der junge Jurist hatte Lust. Und die hat er heute noch. Seine wichtigste Leistung? "Dass die Integration der Juden aus der ehemaligen Sowjetunion in den letzten 25 Jahren gut gelungen ist. Und das wir in diesem Jahr das Jüdische Gymnasium eröffnet haben."

Sorgen hat Szentei-Heise trotzdem. "Trump, Le Pen, die AfD, Juden, die Frankreich verlassen, weil sie Angst vor dem Antisemitismus der arabisch-stämmigen Bevölkerung haben. Da kommt man ins Grübeln", sagt er. Und doch ist er vorsichtig optimistisch, dass im fremdenfreundlichen Rheinland die Dinge nicht völlig aus dem Ruder geraten. Ein Plädoyer für die Heimat? Szentei-Heise hält inne. Er lebt gerne in Düsseldorf, ist längst Teil dieser Stadt, aber eine klassische Bindung an die Scholle, wie sie "echte Düsseldorfer", die niemals woanders hinziehen würden, bisweilen haben, kennt er so nicht. "Als Juden waren wir immer beweglich. Und mussten es auch sein."

Quelle: RP
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