| 00.00 Uhr

Serie Düsseldorfer Geschichten
Das große Düsseldorfer Bananen-Abenteuer

Serie Düsseldorfer Geschichten: Das große Düsseldorfer Bananen-Abenteuer
Die Kellerräume an der Bilker Straße werden mit Gas befeuert und sorgen so für das sub-tropische Klima, damit die Bananen reifen können. FOTO: Familienarchiv
Düsseldorf. Als die Familie Wambach die Früchte importiert, schreibt sie Pioniergeschichte. Heute ist sie aber so verblasst wie die Fotos im Familienalbum der Urenkel. Von Semiha Ünlü

Was für ein eigenartiges Reisemitbringsel, muss sich Johann Wambach denken, als er in seinem Haus am Burgplatz 1888 das mehrere Kilo schwere Geschenk von Verwandten aus Amerika begutachtet. An dem Stamm hängen dicht gedrängt mehrere gekrümmte, grünliche Früchte, die säuerlich schmecken und ungenießbar sind. Doch als Wambach erfährt, dass sie reifen müssen, dann süß schmecken und nahrhaft sind und jenseits des Atlantiks beliebt sind, wittert der Obsthändler seine Chance. Den rotbackigen Apfel aus seiner Heimatstadt Niederlahnstein hat er den Düsseldorfern bereits schmackhaft und so zum Verkaufsschlager gemacht. Selbst mit lädierten Äpfeln, die niemand kaufen will, weiß er ein Geschäft zu machen: Er lässt sie in der eigenen Kelterei zu Apfelmost und -wein verarbeiten und für 30 Pfennig den Liter verkaufen. Der Prinz aus Sachsen-Weimar lässt sich zweimal die Woche drei Liter Most schicken. Wambach ist sich sicher: Auch mit dieser exotischen Frucht, die man Banane nennt, wird ihm ein Coup gelingen. Und er stürzt sich in das Abenteuer.

Schon wenig später laufen die ersten Schiffe mit den Bananen-Büscheln von den Kanarischen Inseln über den Hamburger Hafen in Düsseldorf ein und sorgen - wie schon die rotbackigen Äpfel - für Aufregung, wie der Düsseldorfer Heimatdichter Hans Müller-Schlösser in einer Festschrift zum 65-jährigen Bestehen der Firma Wambach 1934 erzählt: "Die Ankunft der Bananen und vor allem das Abladen war stets eine große Sache, besonders für die Altstadt-Jugend, die sich um die Wagen drängte, um die abfallenden Früchte zu gripschen." Doch das Geschäft mit den Bananen kommt schwieriger und schleppender in Gang als gedacht. Wambach importiert die Bananen in hölzernen Lattenverschlägen, in denen sie auch reifen sollen. Doch das gelingt nicht wie erhofft. Wambachs treuer Mitarbeiter und Weggefährte Franz schreit sich jeden Morgen ab 3.30 Uhr am Stand auf dem Burgplatz die Seele aus dem Leib, um die Früchte zu verkaufen. Doch die Düsseldorfer tun sich schwer mit der Frucht, die sie nicht kennen. Und Wambach, "ein Mann von rheinischem Lebensmut, Tatkraft und Zähigkeit", wie ihn Müller-Schlösser beschreibt, zweifelt: Hat sein Geschäftssinn ihn dieses mal vielleicht getäuscht?

Als er 1908 stirbt - aus Enttäuschung über den misslungenen Bananen-Coup und Trauer über den Tod seiner Frau Setta, der die Düsseldorfer immer "Hochachtung, Verehrung und Liebe" entgegenbrachten - sieht es danach aus. Doch seine Söhne Heinrich und Carl glauben an die Idee ihres Vaters und bringen den Bananenhandel in Schwung. Bis zum Ausbruch des Krieges 1914 blüht das Geschäft auf: Bis zu 2000 Büschel kommen jede Woche in Düsseldorf an, werden auch am Niederrhein und im Bergischen Land verkauft. Jeder Büschel besteht aus gut zwölf "Händen" mit zehn bis 20 "Fingern" und wiegt 35 bis 50 Kilo. Der Wohn- und Geschäftssitz wird an die Bilker Straße 12 verlegt. Mehrere Kellerräume werden dort mit Gas befeuert, um für das sub-tropische Klima zu sorgen, das die Bananen zum Reifen brauchen. Vom Hinterhof werden die Früchte in Kisten mit Pferdefuhrwerken zum Verkaufsstand an den Burgplatz gebracht. Das Obst ist ein Renner! Und die Wambachs, die Müller-Schlösser als "Bananen-Pioniere" bezeichnet, kennt man nun als die "Bananen-Wambachs".

Der Krieg bringt das Geschäft aber zum Erliegen, und Heinrich stirbt 1916 nach schwerer Krankheit. Carl steigt zwar 1921 wieder in den Bananenhandel ein, hat aber jetzt mit Konkurrenten zu kämpfen. Gerade als er den Handel mit in- und ausländischen Früchten angekurbelt hat, stirbt er. Am 10. November, um kurz nach 2.30 Uhr. Schon wenige Stunden später steht seine Frau Johanna Helene Kaufmann auf dem Markt und kümmert sich ums Familiengeschäft. Und das erfolgreich. "Das war eine sehr große Leistung unserer Großmutter", meint Enkelin Rita van de Sandt. Und ein Abenteuer. Fotos zeigen die Großmutter mit Tochter Johanna - der Mutter von Rita van de Sandt - 1935 auf einem Bananendampfer in Kamerun, wo sie neue Produzenten sucht.

Auch zu Hause, an der Bilker Straße 12, sorgt das Geschäft für Aufregung. "Einmal hängt eine Vogelspinne über meinem Bett, doch meine Mutter entdeckt sie, holt mich aus dem Bett und ein Helfer entsorgte sie dann", sagt van de Sandt. Ihr Bruder Heinrich erinnert sich an den Besuch eines Chamäleons. "Unsere Kindheit an der Bilker Straße war ein Paradies", sagen beide. Wenn die Bananen angeliefert werden, bildet sich eine Traube von Kindern aus der Nachbarschaft. Spannend sind die Ausflüge in die Kellerräume mit den ungewohnten sub-tropischen Temperaturen. Heinrich van de Sandt packt sogar mit an, hilft beim Schneiden der Stauden. Zwischendurch werden natürlich Bananen gegessen - am Stück, im Obstsalat oder in der Pfanne in Zucker, Curry und Ingwer gewendet.

Während des Zweiten Weltkrieges kann man das Geschäft mit Ach und Krach aufrechterhalten, doch in den 1970er Jahren wird die Firma aufgegeben, weil es keinen Nachfolger gibt und das Obstgeschäft längst von anderen betrieben wird. Rita van de Sandt widmet sich der Pädagogik und Wissenschaft, ihr Bruder wird Jurist. Im Haus an der Bilker Straße wird das Heinrich-Heine-Institut untergebracht.

Fotos im Familienalbum erzählen vom großen Düsseldorfer Bananen-Abenteuer. Doch sie sind über die Jahrzehnte verblasst, so wie die Leistungen der Familie im öffentlichen Bewusstsein. Um den Namen Wambach wieder bekannt zu machen, benennen die Geschwister van de Sandt an der Heinrich-Heine-Universität eine Stiftung nach Carl Wambach und setzen damit auch die Familientradition fort, Studenten der Künste und Wissenschaften zu fördern.

Fast 125 Jahre nach der Ankunft der ersten Bananen in Düsseldorf wird wieder Pioniergeschichte mit Bananen geschrieben. Auch die Idee entsteht im Zusammenhang mit einer Reise: Als die Uni-Absolventen Lars Peters und Tim Gudelj im australischen Sydney zum ersten mal Bananenbrot sehen und probieren, sind sie so erstaunt wie Johann Wambach 1888 beim Anblick des Bananen-Büschels. Auch die beiden stürzen sich ins Bananen-Abenteuer, machen mit "Be bananas" das Gebäck in Düsseldorf und Deutschland bekannt. Dabei verarbeiten sie Bananen, die Händler eigentlich wegwerfen würden, weil sie den Kunden zu braun und zu reif sind. Johann Wambach hätte die Geschäftsidee sicherlich gefallen.

Quelle: RP
Diskussion
Ihre Meinung zum Thema ist gefragt

Schreiben Sie jetzt Ihre Meinung zu:

Serie Düsseldorfer Geschichten: Das große Düsseldorfer Bananen-Abenteuer


Beachten Sie dabei bitte unsere Regeln für Leserkommentare.