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Serie Düsseldorf Und China
"Das sind die Rheinländer Chinas"

Serie Düsseldorf Und China: "Das sind die Rheinländer Chinas"
Ob aus Krankenhaus, Schule oder Rathaus: Immer wieder reisen Delegationen in die Partnerstadt Chongqing, die am Zusammenfluss von Jangtse und Lialing liegt. Die Stadt zählt zwölf Millionen Einwohner, es wird viel gebaut. Am prominenten Platz steht gleich am Wasser das Theater der Stadt (rechts), geplant von den Hamburger Architekten Gerkan, Marg und Partner. FOTO: Chongqing Morning Post
Düsseldorf. Die Städtepartnerschaft mit Chongqing lebt: Das Vinzenz-Krankenhaus und das Geschwister-Scholl-Gymnasium unterhalten Partnerschaften. Von Uwe-Jens Ruhnau

Im Oktober packt Jörg Herdmann, Arzt im Vinzenz-Krankenhaus, wieder seinen Koffer und fliegt zu seinem Kollegen Yue Zhou nach Chongqing, Düsseldorfs Partnerstadt in China. Die beiden Männer haben die gleiche Profession: Sie sind Spitzenmediziner, spezialisiert auf heikle Eingriffe am Rücken. Herdmann ist Chefarzt der Klinik Wirbelsäule & Schmerz, zertifiziert für die Spinale Neurochirurgie/Wirbelsäulenchirurgie. Er gehört zu den Besten seines Fachs in Deutschland, ist ausgezeichnet mit dem Excellence-Zertifikat der Deutschen Wirbelsäulen Gesellschaft und wurde vom Nachrichtenmagazin Focus als Topmediziner 2016 ausgezeichnet. Sein Kollege Zhou hat einen ebenso ausgezeichneten Ruf, er ist eine Koryphäe auf dem Gebiet der minimalinvasiven Wirbelsäulenchirurgie. Zhou ist Vize-Präsident des Weltfachverbandes, im kommenden Jahr wird er Präsident.

Die beiden Männer eint, aber sie unterscheidet auch viel. Beide haben es in ihren Krankenhäusern im Wortsinne ganz nach oben geschafft. Aber während Herdmann am Ende stiller Flure seinen Besuch in einem großen Büro empfängt, das so hell wie aufgeräumt ist, liegt Zhous Refugium gleich neben dem wuseligen Herzen der Station. Tritt er heraus, ist er schnell von einem Dutzend und mehr Patienten oder Angehörigen umringt, die etwas von ihm wissen wollen. Sein Büro, halb so groß wie Herdmanns, ist dunkel, vollgestellt, drei Nikoläuse stehen auf dem Schrank, Porzellanteller und Abzeichen in den Regalen. Die Fische im Aquarium ziehen langsam ihre Runden. Professor Zhou rollt seinen Stuhl neben den Schreibtisch, er spricht ruhig und schaut seine Gäste aus dunklen Augen freundlich an. Vom Stress, den die Ärzte in China haben, merkt man ihm nichts an.

Professor Yue Zhou (l.) ist in China ein berühmter Arzt. Er führt minimalinvasive Wirbelsäulen-Operationen durch und hat OP-Roboter mitentwickelt. Mit dem Düsseldorfer Chefarzt Jörg Herdmann (r.) vom Vinzenz-Krankenhaus verbindet ihn eine Freundschaft. Moritz Hoppe (hinten) war dieses Jahr in Chongqing. FOTO: ujr/Bretz

Die Dimensionen sind gewaltig. Zhou ist Chefarzt in einem der vier Militär-Universitätskrankenhäuser Chinas, das in Chongqing hat mehr als 3000 Betten. Seine Klinik erstreckt sich in dem Hochhaus über drei Etagen, die Bettenzahl ist von 314 auf 227 reduziert worden. Das Vinzenz-Krankenhaus hat insgesamt 322 Betten. 26 Ärzte führen bei Zhou im Jahr 8000 Rücken-Operationen durch, am Vinzenz sind es 1000. Die Regierung in China möchte internationale Standards, aber die Zahl und Ausstattung der Ärzte kann nicht mithalten. "Wir haben zwei Millionen Ärzte für 1,4 Milliarden Menschen", sagt Zhou. "80 Prozent der Ärzte wollen nicht, dass ihre Kinder den gleichen Beruf ergreifen." Das sagt viel aus. Die Ausbildung zum Facharzt dauere elf Jahre, sagt Zhou, die jungen Kollegen seien bettelarm. Ein Arzt müsse 300 Patienten am Tag behandeln, er selbst als "berühmter Arzt" lediglich 80, hinzu kämen zwei bis drei Operationen. Anders als die Deutschen, die ihre Operationen mithilfe des Mikroskops durchführen, nimmt Zhou seine Eingriffe am liebsten mit dem Endoskop vor. Er hat OP-Roboter entwickelt, arbeitet eng mit westlichen Medizintechnik-Firmen wie Medtronic und Joimax zusammen, für die er als VIP-Arzt in Asien aktiv ist. Darauf ist er stolz.

Die beiden Kliniken kooperieren seit 2007, tauschen junge Ärzte aus. "Da entwickeln sich Freundschaften und regelrechte Lebenskontakte", sagt Herdmann. Für die Chinesen (sie kommen im Frühjahr/Sommer) kann der Auslandsaufenthalt ein Sprungbrett sein, für die Deutschen (sie fahren meist zum Jahresbeginn und bekommen die chinesischen Feiertage mit) ist es interessant, in die andere Kultur einzutauchen. Moritz Hoppe fuhr im März für vier Wochen. Der 30-jährige Chirurg, der anders als seine chinesischen Kollegen in Deutschland bei den Eingriffen assistieren durfte, war beeindruckt von der "Masse an Fällen", vom Kulturschock und der "Wärme, mit der ich aufgenommen wurde. Ich konnte mich vor Einladungen kaum retten". Die Arbeitszeiten von zwölf bis 13 Stunden seien eine andere Liga, sagt Hoppe, und in China gab es für die Ärzte etwas in seinen Augen sehr Ungewöhnliches: Schlaf-Kojen im OP-Saal. Kaum jemand beschwere sich, wenn am späten Abend noch eine Operation angesetzt werde.

Empfang im Rathaus (v.l.): Prof. Li Heping, die Studentinnen Lin Yaying und Rosa Thoneick, Prof. Christoph Zöpel sowie Chun Xia-Bauer (Wuppertal-Institut). FOTO: abr

Dass die beiden Chefärzte eine besondere Beziehung haben, hat auch Moritz Hoppe mitbekommen. Zhou spricht von Herdmann als seinem Bruder. Die beiden Mediziner fahren in die Lehr-Krankenhäuser der Region, das Interesse ist groß, noch bis 22 Uhr drängeln sich Ärzte und andere Kräfte in den Räumen, um dem deutschen Arzt zuzuhören. Herdmann hält seine Vorträge auf Englisch, Satz für Satz wird übersetzt. Die Chinesen operieren auf Spitzenniveau, hat Herdmann festgestellt. Zhou aber möchte "von der deutschen Sorgfalt lernen". Die Vor- und Nachbereitung der OP ist in China nicht präzise geregelt, die Gabe von Medikamenten anders als in Deutschland nicht standardisiert. Das will Zhou ändern, so wie er sich wünscht, dass man mit der Partnerstadt eine Reha-Klinik aufbaut. "Die deutsche Reha ist die beste."

Themen haben die Mediziner also genug zu besprechen, wenn sie am späten Abend beim Essen zusammensitzen und auf den Jangtse gucken. Irgendwann erzählt Zhou vielleicht von jungen deutschen Ärzten, die den chinesischen Schnaps mit deutschem Bier verwechselten und am nächsten Tag ein wenig Kopfschmerzen hatten. Das kommt vor, bestätigt auch Moritz Hoppe.

Das Beispiel Vinzenz-Krankenhaus belegt, dass in den vergangenen zehn Jahren aus zarten Banden nach Chongqing enge Beziehungen, ja Freundschaften geworden sind. Sie zeigen, dass eine Städtepartnerschaft dann gut ist, wenn sie von Menschen gelebt wird. Chongqing fasziniert als rasant wachsende regierungsunmittelbare Stadt mit ihren zwölf Millionen Einwohnern, 33 Millionen sind es in der Region. Die Maßstäbe sind größer, die Baumaßnahmen gigantisch, der Verkehr ist dichter - und die Mentalität einerseits anders, andererseits sind Parallelen zu entdecken.

"Für mich sind die Menschen dort die Rheinländer Chinas", sagt Michael Kaysers, Englisch-Lehrer am Geschwister-Scholl-Gymnasium und Koordinator der Partnerschaft mit der Baxian Experimental School. Der Kontakt sei "eine überwältigende menschliche Erfahrung". Wir Deutsche stellten uns die Chinesen immer noch mit Mao-Bibel und im blauen Anzug vor. Das sei ein völlig überholtes Bild. Die Menschen in Chongqing seien politisch angepasst, ja, aber vor allem zeichne sie große Lebensfreude aus. "Am schönsten war für mich die Erkenntnis, dass die Menschen ein lebenslustiges Völkchen sind, das gerne feiert, Bier trinkt und es sich beim Essen gut gehen lässt."

2017 soll am "Scholl" der zehnte Jahrestag des Freundschaftsvertrages gefeiert werden, man hofft auf Besuch aus Chongqing. Zuletzt war in den Herbstferien eine Gruppe aus Düsseldorf dort. Mit dabei war Schülersprecher Damian Aengenheyster. Auch ihn hat die Gastfreundlichkeit am meisten beeindruckt. "Man hat uns nichts bezahlen lassen, erst ganz am Schluss."

Wie bei den Ärzten erstaunt das Leistungspensum der Chinesen. Die Baxian-Schule habe 8000 Schüler, im selben Jahrgang gäbe es unterschiedlich gute Klassen. Wer gute Noten habe, werde in eine bessere Klasse befördert. "Es herrscht enormer Leistungsdruck." Der Unterricht gehe von 8 bis 18 und von 20 bis 22 Uhr, die Hausaufgaben kämen hinzu. Die Düsseldorfer Schüler konnten gut verstehen, dass viele der Jugendlichen in der Schule übernachten - sie ist eine Art Internat -, um sich den Schulweg zu sparen. Auch samstags und sonntags fände Unterricht statt. "Da ist es bei uns doch eher entspannt", sagt Damian Aengenheyster.

Was sich Lehrer Kaysers wünscht, nämlich dass der Horizont erweitert wird, ist bei den Scholl-Schülern eingetreten. Schmunzler inklusive. Vor Kaysers sind die angestellten Frauen im Schul-Hotel zunächst zurückgeschreckt, denn er trägt einen Bart, was in China sehr ungewöhnlich ist. Und für Damian Aengenheyster - 1,87 Meter lang, blond - und seinen Kumpel war es merkwürdig, permanent fotografiert zu werden.

Oberbürgermeister Thomas Geisel reist im November nach Chongqing. Dann wird er deutsche wie chinesische Studenten wiedertreffen, die er jüngst im Rathaus empfangen hat. Im Rahmen eines Projekts von Mercator-Stiftung und Wuppertal-Institut haben die angehenden Planer beide Städte besucht, um Ideen für moderne Urbanität zu sammeln. Die jungen Chinesen waren vom Rheinufertunnel mit dem Museum KiT sowie dem neuen Kraftwerk auf der Lausward sehr beeindruckt. Einiges davon wird sich in Vorschlägen für das Leben am Jangtse wiederfinden. Das wäre nachvollziehbar - Düsseldorfer wissen, wie schön das Leben gleich am Strom ist.

Quelle: RP
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