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Kolumne Mein Düsseldorf
Das Strunz-Tuch

Düsseldorf. Ein Relikt aus der Zeit von Wackeldackel und Nylonhemden erlebt ein Comeback. Eine Düsseldorfer Stilkunde.

Der Rheinländer, speziell der Düsseldorfer, ist auch deshalb ein großer Kommunikator, weil er die Fähigkeit hat, in einem einzigen Wort etwas zu beschreiben, wofür woanders ganze Satzkonstruktionen notwendig sind. Der ultrakurze Wetterbericht "uselig" ist dafür ein Beispiel - eine extrem knappe meteorologische Beschreibung, aber präzise wie zehn Minuten Sven Plöger in der ARD. Oder Krösken: die außereheliche Beziehungskiste in all ihren komplexen Nuancen. Zu der Reihe gehört auch das Strunz-Tuch - jenes Stückchen Textil, das der Nutzer (übrigens zu 99 Prozent mehr oder weniger männlich) schätzt, um seiner Optik einen gewissen Pfiff zu geben. Es steckt in der Brusttasche des Jacketts, direkt neben dem Revers und, weil immer links platziert, damit unmittelbar über dem Herzen. Seinen Namen in Düsseldorf hat es vom Verb strunzen - was so viel wie angeben, aufschneiden, sich in Szene setzen bedeutet, aber verwendet mit einem Augenzwinkern. Daher Strunz-Tuch - alles klar!

Jüngeren Leuten scheint der meist bunte Lappen ein Relikt aus den Zeiten von Nierentisch und 45er-Schallplatte, Hosenträgern und umhäkelten Klopapierrollen, Wackeldackeln und Nylonhemden. Von gestern also, stammend aus der unvorstellbaren Prä-Instagram und -WhatsApp-Ära.

Der Eindruck ist jedoch falsch. Das einst für den Herrn von Welt im Anzug unabdingbare Tüchlein erlebt nämlich ein nie erwartetes Comeback, und zwar bei vermeintlich jungen Männern aller Jahrgänge. Sie glauben, eine lässige Alternative zur Krawatte entdeckt zu haben, vermeiden damit den beengenden Halsschmuck und sind dennoch sicher, nicht under-dressed zu sein. Also stecken sie ein farbiges Stück Stoff in besagte Tasche des Sakkos, lassen den Kragen des Hemdes (jede Farbe geht, Hauptsache weiß!) offen und finden das irgendwie cool. Früher hätte man lässig gesagt, noch früher leger. Gibt das Wetter es her, verzichtet man als minimalistische Dreingabe noch auf die Socken. Dies aber nur, wenn die dann sichtbaren Knöchel leicht gebräunt und nicht etwa käse-weiß oder gar mit Krampfadern verziert sind. Die Schuhe haben in der Regel nicht geschnürt zu sein, Slipper sind Pflicht, die Hose wird einmal bis knapp über den Knöchel umgeschlagen, Wade zeigen ist ein No-Go, graue, nach hinten gegelte oder zum Zopf gebundene - auch schüttere - Haare dagegen nicht.

Zudem gibt es noch die anderen Herren, die irgendwann in den 70ern bei Selbach eingekauft, aber in der Zeit danach den Gong nicht gehört haben: Club-Vorsitzende, Vereinspräsidenten, Ex-Banker, sich ihrer Würde bewusste Obergurus lokaler Promiszenen. Sie sind dem Tüchlein über die Jahre treu geblieben, würden es niemals ohne Schlips zum meist doppelreihig geknöpften dunkelblauen Sakko (gern mit Goldknöpfen) tragen und haben daheim eine ganze Sammlung davon, jeweils passend dazu eine Krawatte.

Dagegen ist im Prinzip nichts einzuwenden, wie uns britische Gentlemen, eingekleidet auf der Savile Row in London, seit gefühlt 100 Jahren zuverlässig zeigen. Leider jedoch ist man hier bisweilen weit entfernt von diesem stilsicheren Auftritt, da Grundregeln mangels Knowhow missachtet werden. Denn: Wenn schon Einstecktuch kombiniert mit Krawatte, dann darf das textile Viereck in der Sakkotasche zwar farblich zum Binder passen, aber niemals aus dem gleichen Stoff im selben Muster sein.

Das ist in den Augen von Männermodekennern ungefähr so schlimm wie weiße Socken außerhalb des Tennisplatzes oder braune Schuhe nach acht.

Quelle: RP
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