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Escada-Eröffnung in Düsseldorf
Das untere Ende der High Society

Escada-Eröffnung in Düsseldorf: Das untere Ende der High Society
Zeigt her Eure Füße - oder lieber doch nicht? FOTO: Anne Orthen
Düsseldorf. Wie ergeht es jemandem, der vorher noch nie auf einem VIP-Event war? Wir haben unseren Reporter zur Escada-Eröffnung auf die Düsseldorfer Königsallee geschickt. Von Sebastian Dalkowski

Ich finde auch nicht, dass es eine gute Idee ist, über den Verfall des Menschen zu schreiben, aber alles andere wäre gelogen. Ich war auf einem Event der Modeindustrie, und die Modeindustrie als Teil der Schönheitsindustrie existiert bloß, weil Menschen glauben, sich dem Verfall entgegenstellen zu können. Das Event war die Eröffnung des so genannten Flagship-Stores von Escada an der Kö.

Es ist so, dass ich von Mode keine Ahnung habe. Ich kann einen Pullover von einer Hose unterscheiden, aber ich bekomme im Geschäft schon Schwierigkeiten, wenn ich entscheiden soll, ob das nun ein Pullover für einen Mann oder eine Frau ist. Ich kenne auch keine Events der Düsseldorfer High Society aus der Nähe. Dass es trotzdem gerechtfertigt ist, dass ich ein Mode-Event der High Society besuche, liegt einfach daran, dass jemand, der unbelastet von Ahnung ist, die unterhaltsameren Thesen aufstellt. Meine ist: Der Verfall eines Menschen beginnt mit seinen Füßen.

Topmodels treffen sich in Düsseldorf FOTO: Anne Orthen

Ich finde mich also am Donnerstagabend an einem Teppich wieder, der zu Escada führt. Der Teppich ist von der einen Seite mit schwarzen Seilen abgesperrt, die von goldfarbenen Ständern gehalten werden. Auf der anderen Seite stehen dunkle Holzwände, damit erstens kein Fußgänger sieht, was dort passiert, und zweitens die VIPs nur vor mit Markennamen bedruckten Hintergründen fotografiert werden können. In regelmäßigen Abständen sind Klassiker der Escada-Abendgarderobe aufgestellt, um daran zu erinnern, dass Escada als einziges deutsches Luxusmode-Label in den 80er und 90ern Weltruf hatte. Bewacht wird der Gesamtkomplex "Event" von trainierten Männern mit ernsten Blicken und schwarzen Anzügen. Sie wollen den Eindruck erwecken, dass etwas Bedeutsames passiert.

Es passiert ja auch etwas Bedeutsames: Bekannte Menschen gehen über einen Teppich. Er ist schwarz, rot wäre viel zu gewöhnlich. Die Menschen sind aber überwiegend nicht so bekannt, dass sie ohne Weiteres zu erkennen sind. Ein Fotograf fragt eine Frau, die die Liste mit den besonderen Gästen samt Foto in der Hand hält: "Wenn jemand von der Liste kommt - bitte Bescheid sagen." Auf der Liste stehen Nadja Auermann, Lena Gercke, Tatjana Patitz und Julia Stegner, also Menschen, die ihre Modelkarriere bereits beendet haben oder nicht mehr lange weiterführen dürften. Die anderen Namen gehören Models und Modebloggerinnen, die ich googeln müsste.

Wenn so eine Frau den Teppich betritt, die auf der Liste steht - Männer stehen nicht auf der Liste - dann darf sie nicht einfach Richtung Ladenlokal schreiten, sondern hat sich dem Fotografenrudel vorübergehend auszuliefern. Dann hört es sich an, als würden 17 Regisseure gleichzeitig einen Film drehen. "Big smile... Schulter links, rechts... rechtsrechtsrechts.... big smile, baby... Julia, Schulterblick... noch mal gerade bitte... aber Strahlen... Nadja, einen Schritt zurück... Nadja, kannst du einmal alleine... ich brauch dich noch mal vor der Logowand... Viktoriaaaa... Viktoriaaa... ."

Dass ich irgendwann anfange, nicht mehr auf die Gesichter zu gucken, sondern auf die Füße, hat neben dem Desinteresse an falschen big smiles damit zu tun, dass ich auf den erstaunlichsten Job des Abends stoße. Unter dem Teppich laufen an einer Stelle drei Kabel von der einen zur anderen Seite, sie zeichnen sich deutlich ab. Eine junge Dame hat die Aufgabe, jeden Gast auf diese Gefahrenstelle hinzuweisen. Mein Blick wandert zu Körperteilen unterhalb des Knies. Bis ich feststelle, dass Füße das hässlichste Körperteil sind, das ein Mensch haben kann. Entweder hat sich die Dame von Welt einen Mückenstich am Knöchel wieder aufgekratzt oder aber die hohen, engen Schuhe lassen das Blut in den Adern zu einem 3D-Modell des Mekong-Deltas stauen oder aber die Ferse ist vom vielen Herumlaufen spröde geworden. Es bleibt auch 21-Jährigen nicht erspart.

Der Verfall eines Menschen beginnt mit seinen Füßen, auch dann, wenn er sie nicht mit schlimmen Schuhen quält. Während sich der Mensch oberhalb des Knies noch gegen den Verfall stemmt, mit makelloser Mode, mit Cremes, mit Nichtrauchen, haben selbst attraktive Menschen den Kampf gegen die Hässlichkeit der Füße längst aufgegeben oder nie aufgenommen - vielleicht auch, weil Fotografen selten Füße fotografieren. Wenn sie doch auch den Verfall des Restkörpers hinnehmen könnten.

Es ist nur schwer zu begreifen, warum auch Männer angefangen haben, ihre Füße freizulegen. Wer an diesem Abend etwas gelten will, trägt Hosen, die nicht über den Knöchel reichen, und dazu keine Socken oder Socken, die in den Schuhen nicht zu sehen sind. Ich kann mir das nur so erklären, dass die Evolution solche Ideen-Mutationen nicht mehr aussortiert. Knallige Pullover waren ja auch erst möglich, als der Mensch nicht mehr von wilden Tieren gejagt wurde. Mode ist willkürliche Mutation, die Leute mit Einfluss gut finden.

Füße sind allerdings nicht nur das erste Körperteil, das alt wird, sondern auch eine Chance. Wenn den Menschen bei einem Event alles zu viel wird, dann können sie auf eigenen Füßen abhauen. Wenn sie zum Beispiel keine Lust mehr haben auf Sätze wie "Ich brauch dich noch mal vor der Logowand" oder "Wir quatschen nachher noch", obwohl es dieses Nachher nie geben wird. Wenn sie keine Lust mehr haben auf Leute, die "Ich fliege morgen zurück" mit "anstrengend" kombinieren. Wenn es sie zutiefst deprimiert, dass eine Frau im Laden schwarze Flecken vom weißen Fußboden wischt, was dazu führt, dass der Boden kurze Zeit später voller brauner Flecken ist, was erneutes Wischen zur Folge hat. Oder wenn sie sich fragen, ob "Dialog" noch das richtige Wort ist für Dialoge wie. "Christina, wolltest du nicht nach Hause?" "Ich warte aufs Auto." "Sehr weit gekommen." "Hahaha." Oder wenn sie keine Lust mehr haben, sich winziges Essen von riesigen Schieferplatten zu nehmen. Ich glaube, die Modebranche ist deshalb so unironisch, weil alles andere ihre mühsam eingeredete Bedeutung gefährden würde.

Um kurz nach zehn fegt plötzlich eine Sturmböe über das Event. Ein aufgestelltes Abendkleid und eine der schweren Stellwände knallen auf den Boden. Noch bevor die schwarzgekleideten Männer begriffen haben, dass sie mal lieber ganz schnell die anderen Stellwände hinlegen sollten, noch bevor aufgrund der Überforderung eine zweite Stellwand auf den Boden knallt - weit entfernt von den Gästen, aber zum Glück läuft kein Passant vorbei - noch bevor nichts mehr steht, ruft einer der Schwarzgekleideten: "Die Leute müssen weg." Die Leute rühren sich kein Stück.

Quelle: RP
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