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Düsseldorf
Der Ameisen-Bähr

Düsseldorf: Der Ameisen-Bähr
Roger Bähr ist der Vorsitzende der Ameisenschutzwarte NRW. Sein eigentlicher Arbeitsplatz ist der Hexhof in Ludenberg. FOTO: Hans-Jürgen Bauer
Düsseldorf. Roger Bähr ist Vorsitzender der Ameisenschutzwarte NRW. Im Rahmen dieser Aufgabe beschäftigt er sich vorrangig mit der hierzulande weit verbreiteten Waldameise, die für ihn faszinierend und vor allem wichtig für das Ökosystem ist. Von Marc Ingel

Es gibt Staaten, da haben die Frauen das Sagen, fristen die Männer ein gar kümmerliches, nur wenige Tage andauerndes Dasein als Samenspender. Haben sie ihre Aufgabe erfüllt, sterben sie und werden von dem anderen Geschlecht als Nahrung betrachtet.

Von Ameisen weiß man, dass sie ein Vielfaches von ihrem Eigengewicht tragen können, dass sie straff organisiert in Staaten oder Kolonien leben. Mehr gemein hin nicht. Roger Bähr kann stundenlang über Ameisen dozieren. Er ist ehrenamtlicher Vorsitzender der Ameisenschutzwarte NRW und gleichzeitig Vizepräsident des Vereins auf Bundesebene. Der "Ameisen-Bähr", so sein naheliegender Spitzname, ist kein verschrobener Sonderling. Der 52-Jährige ist bei der Stadt als Revierleiter für Naturschutz- und Landschaftspflege angestellt, der Hexhof am Rotthäuser Weg ist sein Domizil - und die Ameisen sind sein Steckenpferd.

Als Jungimker hat er vor annähernd 30 Jahren die Symbiose von Bienen und Ameisen erkannt. Denn Waldameisen ernähren sich vorwiegend von Honigtau, einem Ausscheidungsprodukt von Rindenläusen, den auch Honigbienen sammeln. Die Ameisen halten sich die Läuse zum Teil sogar wie Milchkühe. "Diese Faszination hat dann im Verlauf der Jahre zugenommen, bis ich auf die Arbeit der Schutzwarte aufmerksam geworden bin", sagt Bähr, der sich dank einer Zusatzausbildung auch als Ranger bezeichnen darf. Der Experte ist vor allem als Berater für Behörden oder auch Hauseigentümer gefragt, hin und wieder wird er persönlich hinzugezogen, wenn es zum Beispiel darum geht, die Nester von Waldameisen umzusiedeln. Denn die gelten als geschützt und dürfen nicht einfach von Schädlingsbekämpfern mit der Chemiekeule vernichtet werden.

Die Ameisenschutzwarte NRW zählt zwar bis zu 200 Mitglieder, "doch wirklich aktiv sind vielleicht zehn. Wir sind etwas überaltert, haben viele weiße Flecken auf der Landkarte", bedauert Bähr, fügt allerdings hinzu: "Das Naturbewusstsein der Menschen hat sich in den vergangenen Jahren zum Positiven verändert." So wird auch anerkannt, was die Ameisen für das Gleichgewicht des Ökosystems leisten. "Sie verbreiten Samen, vertilgen schädliche Insekten, belüften den Boden und fördern das auch für andere Insekten wichtige Honigtau. Nicht zuletzt dienen sie selbst als Nahrungsquelle für viele Waldtiere. Fressen und Gefressen werden, das ist das Gesetz der Natur."

Wer Zweifel daran hat, was für einmalige Tiere Ameisen sind, von denen es weltweit mehr als 11.000 Arten gibt, dem empfiehlt der Angestellte beim Gartenamt ein Besuch des Wildparks, wo sich Interessierte in Schaukästen ein Bild vom Alltag dieser Tiere machen können. Und der ist in jeder Hinsicht atemberaubend, versichert Bähr.

In einem Ameisenstaat hat jeder seine Aufgabe zu erfüllen. "Es gibt Jäger und Sammler, Späher, Soldaten, Ammen, Schwertransporter und natürlich die Königin, in polygynen Staaten auch gleich mehrere, manchmal bis zu 100, davon", referiert der Ranger. Genau genommen muss von all diesen Arbeitern natürlich die jeweils weibliche Form gewählt werden, denn, wie Bähr erinnert: "Die Männer sind nur zur Begattung der Jungkönigin im Frühjahr da." Das passiert beim Hochzeitsflug, wenn die geflügelten Geschlechtstiere auf hohe Punkte klettern und die Jungkönigin dann von bis zu 40 Männchen deren kompletten Samenvorrat aufnimmt. Während der Königin, die später ihre Flügel abstößt, weil sie sie ja im Nest nicht mehr benötigt, im Anschluss bis zu 25 Jahre vergönnt sind, hauchen die Männchen wenige Stunden später ihr trauriges Leben aus. Dass sie überhaupt geboren wurden, beruht allein auf der Tatsache, dass es bei der ersten Eiablage noch ziemlich kühl ist. Wird es wärmer, schlüpfen die im Staat weitaus wichtigeren Arbeiterinnen.

Obwohl die Welt der Ameisen strikt und bisweilen brutal reglementiert erscheint, ist das Insekt ein durchaus soziales Wesen. "Die eine Hälfte des Staates ist für den Innen-, die andere für den Außendienst eingeteilt. Ameisen haben zwei Mägen, die Außendienstler müssen die Artgenossen im Innendienst füttern, erst dann öffnet sich eine Klappe, und sie können selbst essen", weiß Bähr. Auch die Königin wird gefüttert. "Die Nahrung geht durch mehrere Mägen, bis sie die Königin erreicht", erzählt der 52-Jährige. Und: "Ihre Toten bringen die Ameisen auf einen externen Ablageplatz." Auch das macht Sinn, denn wer will schon auf Dauer verwesende Leichen in seiner guten Stube haben.

Quelle: RP
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