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Düsseldorfer Polizeihistoriker
Der die Wahrheit suchte

Düsseldorfer Polizeihistoriker: Der die Wahrheit suchte
Klaus Dönecke starb im Juli im Alter von 62 Jahren. FOTO: Hans-Jürgen Bauer
Düsseldorf. Die Jüdische Gemeinde erinnert mit einem Konzert an die Pogromnacht und an Klaus Dönecke. Der Polizeihistoriker starb im Juli. Von Stefani Geilhausen

Von einer unserer letzten gemeinsamen Reisen nach Polen hat er ein winziges Stück Stacheldraht mitgebracht. Mario, der Künstler in unserem Geschichtsverein, hat es auf einen Tuffstein montiert, und so steht es immer noch auf seinem stets übervollen Schreibtisch, zwischen Büchern und vergilbenden Dokumenten, zwischen Aktenordnern und unscharfen schwarz-weißen Fotos von uniformierten Männern.

Als ich Klaus Dönecke Ende der 1990er Jahre kennenlernte, stand dieser Schreibtisch im so genannten Präsidentenflur des Polizeipräsidiums. Wenn man sich durch den dichten blauen Dunst in diesem Raum gekämpft hatte, sah man die Sammlung historischer Dienstmützen in einer Vitrine, die Schaufensterpuppe in der alten Uniform und vor einer damals noch überschaubaren Menge von Büchern den Polizeibeamten Dönecke, Hauptkommissar im Sachgebiet Öffentlichkeitsarbeit. Oft hat er mir dort bei Kaffee und Zigarette von seinen Projekten erzählt. Und er hat mir Aloys Odenthal vorgestellt, den letzten Überlebenden der "Aktion Rheinland", die mit Zivilcourage, Gottvertrauen und Heimatliebe im April 1945 Düsseldorf vor der Zerstörung durch die Alliierten rettete.

Auch Franz Jürgens hatte zur Aktion Rheinland gehört. Der Chef der Schutzpolizei, dessen Büro auf der anderen Seite des Treppenhauses lag. Das Hakenkreuz, das damals unter seinem Fenster war, wird heute von einer Platte mit der Inschrift "Vor dem Gesetz sind alle gleich" verdeckt. Anatol hat sie gemacht, der Beuys-Schüler, der ein Düsseldorfer Polizist gewesen ist, wie Jürgens. Und wie Klaus Dönecke.

Und wie Paul Salitter. Auch der hat in diesem Präsidium, das 1933 als Neubau bezogen wurde, gearbeitet. Salitter hat im November 1941 die dritte Judendeportation aus Düsseldorf organisiert und den Transport der 1007 Menschen nach Riga begleitet. 15 Schutzpolizisten sind dabei gewesen. Männer, die in denselben Büros gearbeitet haben wie zwei Beamtengenerationen nach ihnen Klaus Dönecke. Ihn, der als Kind schon ein extremes Gerechtigkeitsbewusstsein hatte und der auch deshalb Polizist geworden war, hat das belastet: ausgerechnet in der Geschichte seiner Polizei immer wieder dem größten Unrecht der Menschheitsgeschichte zu begegnen.

Im Düsseldorfer Präsidium war der Holocaust nie weit weg. 1200 Schutzpolizisten sind von hier in den so genannten Auswärtigen Einsatz geschickt worden, in die besetzten Niederlande, nach Polen, in die Ukraine. Klaus Dönecke hat ihre Personalakten in einem Speicherraum des Präsidiums gefunden und mit Historikern ausgewertet.

Diese Akten bestimmten fortan die Ziele der Studienreisen, die der damals neu gegründete Verein "Geschichte am Jürgensplatz" vor allem für junge Polizisten organisierte. In der Region Lublin finden sich in den Archiven viele Dokumente, die Auskunft darüber geben, was "auswärtiger Einsatz" bedeutet hat. Manches war bekannt aus den Akten der Staatsanwaltschaft, die in den 1960ern mangels Beweisen ihre Ermittlungen wegen Kriegsverbrechen des Reservepolizeibataillons 67 eingestellt hatte. Nun folgte Klaus den neu entdeckten Spuren. Der rostige Stacheldraht stammt aus einem Wald hinter dem jüdischen Friedhof von Izbica. Das ostpolnische Dorf war ein Drehkreuz im industrialisierten Massenmord: Hier kamen die Todeszüge an, mussten die Menschen in einem Ghetto unter freiem Himmel auf die Weiterfahrt in die Vernichtungslager warten. Auch das Düsseldorfer Polizeibataillon 67 war dort. Aus dem 20 Kilometer entfernten Zamosc trieben die Beamten 400 Juden zusammen, pferchten sie in einer Schlucht hinter dem geschändeten jüdischen Friedhof ein. Heute ist sie dicht bewaldet, und zwischen den Bäumen verrosten Stacheldrahtreste an Betonpfosten.

Am Höllenort Belzec, wo in einem Dreivierteljahr eine halbe Million Menschen ermordet wurde, bewachten Düsseldorfer Polizisten die Wälder. Und im Kloster Krasnobrod spielten sie hinterher fröhliche Soldatenlieder auf der Orgel. Das wusste Klaus von Kurt Dreyer, einem Reservepolizisten aus dem Bataillon, der in etlichen Feldpostbriefen an seine Frau die mörderische Hatz auf Partisanen, Juden und Polen beschrieb. Mit seinem Forscher-Kollegen Hermann Spix machte Klaus Zeitzeugen ausfindig, die miterlebt hatten, wie Dreyer und seine Kameraden Häuser räumten, und wie die deutschen Polizisten Menschen ins oben offene Backhaus trieben und Handgranaten hineinwarfen. Und 72 Jahre nachdem die Düsseldorfer Polizisten das Dörfchen Dzieraznia gestürmt und Frauen und Kinder erschossen hatten, legten Düsseldorfer Polizisten einen Kranz an der Gedenkstätte nieder - unter den Augen erstaunter Dorfbewohner.

Nachts träumte Klaus von dem, was für seine Vorvorgänger bei der Düsseldorfer Polizei Dienst am Volk gewesen war. Im unruhigen Schlaf schlug er sich die Fuße blutig am Bettpfosten, hat er erzählt, nachdem er von der Jüdischen Gemeinde mit der Neuberger-Medaille geehrt und kurz darauf auch mit dem Verdienstorden des Landes NRW ausgezeichnet wurde. Das Bundesverdienstkreuz hat er da schon ein paar Jahre gehabt, und natürlich war er stolz darauf, dass seine Arbeit so gewürdigt wurde. Sein Ziel aber waren nicht Ehrungen. Sein Ziel war die Wahrheit.

Das hat nicht jedem gefallen. Als das Polizeipräsidium im Keller eine Dauerausstellung über die eigene Vergangenheit einrichtete (in deutschen Behörden eine große Ausnahme), die natürlich auf Döneckes Initiative entstand, da hat es auch Kritik gegeben. Nestbeschmutzer hatten ihn manche, nicht nur hinter vorgehaltener Hand, genannt. Doch er hat sich nicht beirren lassen. Und als Yad Vashem die Düsseldorfer Polizei einlud, als erste deutsche Polizisten überhaupt in Uniform die Holocaust-Gedenkstätte in Jerusalem zu besuchen, da wollten viele mit. Für ihn selbst war diese Einladung die größte Ehre, auch, weil er sie selbst vielleicht nie ausgesprochen hätte: "Immerhin hat ein Großteil der Beamten, die damals am Holocaust mitwirkten, nach dem Krieg ungestraft weiter bei der Düsseldorfer Polizei gearbeitet."

Von seiner Reise nach Jerusalem hat er - wie auch von den Spurensuchen in Polen und den Niederlanden - nicht nur Forschungsergebnisse und ein Stück Stacheldraht mitgebracht. Typisch für ihn war, dass er Mitstreiter und Herzensmenschen auf Anhieb erkennen konnte. Wie Historikerin Noa Mkayton, die ihn kürzlich im Namen von Yad Vasehm als außergewöhnlichen Freund und Partner gewürdigt hat, "der die Wahrheit suchte und sagte". Und wie Magda Brudzinska und ihr Klezmer Trio. Die Musiker aus Krakau und er sind Freunde geworden - und nächste Woche werden sie bei der Jüdischen Gemeinde zu seinem Andenken spielen. Das Konzert zur Erinnerung an die Pogromnacht hatte er selbst geplant.

Nicht erst seit sein Schreibtisch (und es wird immer seiner bleiben) im Haus der Jüdischen Gemeinde steht, die dem Verein Unterschlupf gewährt hat, so lange das Präsidium umgebaut wird, ist Klaus der Gemeinde so nahe gekommen wie es einem Protestanten nur möglich ist. Das geschieht unweigerlich, wenn man sich mit den Tätern des Holocaust befasst, dass einem die Opfer ans Herz wachsen, dass man den Verlust spürt, den die Shoa für unser aller Leben bedeutet.

Im Foyer des Polizeipräsidiums hängen 463 Adressen von Düsseldorfer Juden, die im November 1938 von Nazis überfallen wurden. Für den Schutzmann Klaus Dönecke waren es "463 Tatorte, die kein Polizist je aufgenommen hat". Er hat 2009 zumindest die Adressen ins Präsidium gebracht.

Für ein kleines Stück Gerechtigkeit und gegen das Vergessen.

Quelle: RP
 
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