| 00.00 Uhr

Düsseldorf
Der Einkäufer

Düsseldorf: Der Einkäufer
An der Kaiserwerther Straße haben die Modemesse Supreme und viele Showrooms ihren Standort. Nacheinander hastet Hans Weber von Termin zu Termin. FOTO: Anne Orthen (ort)
Düsseldorf. 20 Termine in 48 Stunden stehen beim Berliner Modehändler Hans Weber während der Düsseldorfer Ordertage im Kalender. Von Laura Ihme und Anne Orthen (Fotos)

Stirnrunzelnd betrachtet Hans Weber den blauen Jeans-Overall auf dem Tisch vor ihm. "Das KaDeWe hat ihn also schon bestellt? Ich bin mir nicht sicher, schreib den mal lieber noch nicht auf", sagt er schließlich zu der Verkäuferin ihm gegenüber. Diese streicht daraufhin die Artikelnummer des Overalls von ihrer Liste, bevor sie das Papier von ihrem Block abreißt und es Weber reicht. Das Geschäft ist besiegelt.

Während der Mode-Ordertage in Düsseldorf hat Weber gut 20 solcher Termine in Showrooms wie beim Label "Citizens of Humanity" - innerhalb von 48 Stunden, denn nur so lange ist der Berliner in der Landeshauptstadt zu Gast. Seit 24 Jahren ist Weber in der Modebranche tätig. Er leitete viele Jahre ein großes Geschäft in der Hauptstadt, vor einem Jahr machte er sich mit dem Laden "City Jeans" selbstständig. "Ich bin also Einkäufer, aber auch ein Verkäufer: Wenn ich etwas ordere, denke ich sofort an meine Kunden", sagt er.

Mit Stefan Naber von "Miss Goodlife" begutachtet der Einkäufer seine Vorauswahl. Dann entscheidet er, welche Stücke er tatsächlich ordert. FOTO: Anne Orthen (ort)

Es ist 14 Uhr am Sonntagnachmittag, angereist ist der 47-Jährige mit dem ersten Flieger aus Berlin um sieben Uhr und eilt nun schon seit fünf Stunden an der Kaiserswerther Straße von Termin zu Termin, besucht Showrooms genauso wie die Stände der Modemesse Supreme. Dort hat zum Beispiel sein Freund und Geschäftspartner Stefan Naber mit seinem Label "Miss Goodlife" einen Stand gemietet. Kritisch mustert Weber die bunten Ausstellungsstücke der Kollektion: Hosen, Pullover und T-Shirts - im Fokus dieser Ordertage steht die Sommermode des nächsten Jahres. Weber sucht also heute aus, was im nächsten Sommer getragen wird. "In dieser Kollektion hier sind jetzt viele Stücke aus Kaschmir. Es gibt Läden, die auch im Sommer Kaschmir-Pullover anbieten. Ich gehöre aber nicht dazu, deshalb konzentriere ich mich hier nur auf die Shirts", sagt Weber. Was ihm gefällt, wird auf eine Kleiderstange gehängt. Danach wird noch einmal aussortiert und schließlich bestellt.

Das ist dann für Hans Weber jedes Mal ein Balanceakt zwischen Mode und Geschäft: Zum einen erwarten seine Kunden angesagte Stücke aus den neuen Kollektionen, zum anderen kann er es sich nicht leisten, reihenweise Ladenhüter einzukaufen - schließlich kann er Stücke wie eine 500 Euro teure Jeans, die nach der Saison noch im Regal liegt, nicht an die Labels zurückschicken. Mode, erklärt Weber, sei eben nicht nur Laufsteg und Champagner, sondern harte Arbeit. "Wenn die ganzen Einkäufer während der Ordertage etwa hier an der Kaiserswerther Straße entlanglaufen, wirkt das immer furchtbar mondän. Das ist es aber absolut nicht."

Das KaDeWe hat ihn schon bestellt, ein Kaufargument für den Jeans-Overall ist das für Weber aber noch nicht. Er streicht ihn erst einmal von der Einkaufsliste. FOTO: Anne Orthen (ort)

Am Abend auf den Partys sei es mondän, aber er selbst gehe nur selten dorthin, zu wenig Zeit habe er während seiner kurzen Aufenthalte in Düsseldorf. Denn die Landeshauptstadt als Standort ist für Weber nach wie vor von enormer Bedeutung. Sicher, Paris sei die größte Modestadt der Welt, da führe kein Weg dran vorbei. Und in Berlin lasse er sich gerne inspirieren, lerne die Kollektionen kennen und beginne dann mit der Planung seines Budgets für die nächste Saison. In Düsseldorf aber, da werde das wahre Geschäft, der Einkauf gemacht. "Und da ist Düsseldorf auch unschlagbar. München zum Beispiel versucht, Düsseldorf bei der Order den Rang abzulaufen, schafft es aber nicht", erklärt Weber, während er die Kaiserswerther Straße weiter entlangläuft.

Dann macht er an einem unscheinbaren Häuschen am Kennedydamm Halt. "Da drin wird die Mode der derzeit angesagtesten Designerin überhaupt präsentiert", sagt er mit einem verschwörerischen Tonfall. Gemeint ist die Mode der dänischen Bloggerin Anine Bing. Anders als üblich im Modebusiness bringt sie monatlich neue Kreationen heraus, die dann, wie Weber berichtet, schnell ausverkauft sind. "Heute Morgen habe ich einen Lederrock und einen Pullover von ihr geordert." Mitten im Gespräch in einem anderen Showroom habe er die Nachricht erhalten, dass die beiden Stücke nun bestellbar seien, habe sich dann den Laptop des Verkäufers im Showroom geliehen und sofort geordert. Vertreten wird die Designerin in Düsseldorf von der Dortmunder Mode-Agentur "The Stylemanifest". Weber ist einer der wenigen deutschen Einzelhändler, der die Mode der Dänin verkaufen darf, berichtet Agenturchefin Aphrodite Popis. Einer Konkurrentin von Weber aus Berlin habe sie zum Beispiel jüngst eine Absage erteilt.

Das Modegeschäft sei eben eine Schlangengrube, sagt Hans Weber. Selbst wenn ihm eine Kollektion einmal nicht gefalle, müsse er deshalb höflich bleiben: "Es heißt ja, man sieht sich immer zweimal im Leben. In der Mode sieht man sich 20 Mal." Er geht zum nächsten Showroom. Smalltalk, aussuchen, bestellen, und wieder weiter. Bis zum nächsten Mal.

Quelle: RP
Diskussion
Ihre Meinung zum Thema ist gefragt

Schreiben Sie jetzt Ihre Meinung zu:

Düsseldorf: Der Einkäufer


Beachten Sie dabei bitte unsere Regeln für Leserkommentare.