| 00.00 Uhr

Düsseldorf
Der fast vergessene Oberbürgermeister

Düsseldorf: Der fast vergessene Oberbürgermeister
Wilhelm Füllenbach an seinem Schreibtisch im Düsseldorfer Rathaus (das Foto ist undatiert). Er war von 1920 an Beigeordneter, ab 1937 Kämmerer, bevor er am 17. April 1945 zum Oberbürgermeister ernannt wurde. FOTO: Privat
Düsseldorf. Wilhelm Füllenbach war der erste Stadt-Chef nach der Befreiung Düsseldorfs. Für nur fünf Monate. Seine Tochter erinnert sich. Von Denisa Richters

Der 17. April 1945 ist für die Düsseldorfer ein bedeutender Tag. Denn statt von den Alliierten zerbombt zu werden, wird die Stadt nach der Aktion einer Gruppe mutiger Männer um Alois Odenthal friedlich von den Amerikanern eingenommen. Für Susanne Günnewig bleibt der Tag aus einem weiteren Grund unvergesslich. Die Sonne scheint, die Kastanien blühen und trotz der Gefahr - die Amerikaner schießen seit Tagen Artilleriefeuer vom linksrheinischen Ufer - geht die 16-Jährige vor das Haus an der Cecilienallee, in dem sie mit ihren Eltern und Geschwistern wohnt, um ein wenig aufzuräumen. Ein Militär-Jeep fährt vor, darin Dominikaner-Pater Urban Plotzke und ein amerikanischer Offizier. "Wo ist Mister Wilhelm Füllenbach?", fragt der. "Im Rathaus", sagen die junge Frau und ihre Mutter.

Weil das Gebäude am Marktplatz zerstört ist, ist das Rathaus bei den Stadtwerken an der Luisenstraße untergebracht. Der Jeep braust dorthin. "Mister Füllenbach, ab heute sind Sie Oberbürgermeister. Sie müssen für Ruhe und Ordnung sorgen", teilt der Offizier dem Mann mit, der seit 1920 Beigeordneter ist und seit acht Jahren die Finanzen der Stadt verantwortet. An diesem Abend fährt Füllenbach als neuer Stadt-Chef mit dem Fahrrad nach Hause. Er soll es nur fünf Monate bleiben.

Füllenbachs Tochter, Susanne Günnewig, hat alle Erinnerungen an die die Oberbürgermeister-Zeit ihres Vaters aufgehoben. FOTO: Berns

Der 57-jährige Jurist übernimmt eine zerstörte Stadt, muss die Not lindern, den Wiederaufbau einleiten und für Zusammenhalt sorgen. "Er war von morgens bis abends unterwegs, um Unterkünfte und Lebensmittelkarten zu organisieren, Straßenbahnen zum Fahren zu bringen", sagt die Tochter. Schwierig ist auch die Neuorganisation der Stadtverwaltung. Manche werfen Füllenbach vor, die Posten nur an ihm Nahestehende zu vergeben. Am 18. September 1945 kommt der Anruf, der sein Leben verändert. Es wird ihm mitgeteilt, dass die britische Militärregierung ihn seines Amtes enthebt, weil er als belastet gilt. Der nachdrückliche Protest des Vertrauensausschusses, aus dem später der Stadtrat hervorging, bleibt ungehört. Zu Füllenbachs Fürsprechern gehören Karl Arnold (CDU), Georg Glock (SPD) und Peter Waterkortte (KPD). Die Briten bleiben hart. Für Füllenbach und seine Familie hat das nicht nur emotional Folgen, auch finanziell: Denn ihm dürfen keine Bezüge ausbezahlt werden.

Erst nach und nach stellt sich heraus, dass Füllenbach bei den Briten denunziert worden ist von einem Mann, der von den Amerikanern als Oberregierungsrat eingesetzt worden war, um für die Opfer des Nazi-Regimes zu sorgen. Er gab an, Füllenbach habe versucht, Mitglied der NSDAP zu werden, sei förderndes Mitglied der SS gewesen. Füllenbach hält in vielen Schreiben dagegen, es dauert Monate, bis er als Opfer einer Intrige rehabilitiert wird. Im April 1946 übernimmt er die Leitung der Rheinwohnungsbau AG. Der Mann, der ihn denunzierte, ist da bereits von den Briten wegen Betrugs entlassen. Erst im Herbst 1946 wird Füllenbach seine Pension als Kämmerer zuerkannt - da ist er längst ein gebrochener Mann. Wenige Wochen nach dem plötzlichen Tod seiner Frau stirbt Füllenbach im Februar 1948 nach schwerer Krankheit, gerade mal 60 Jahre alt. Zur Beerdigung kommen die wichtigsten Persönlichkeiten der Stadt.

Die Porträts der Oberbürgermeister FOTO: Kombo: Bretz/ Efe/Radowski

Seine Tochter, die heute 86 ist und in Neuss lebt, kann noch immer nicht verstehen, was ihrem Vater passiert ist. "Wir fühlten uns mit dem Einmarsch der Amerikaner befreit." Ihr Vater sei ein Schwarzer, also ein überzeugter Katholik, gewesen, Mitglied der Zentrumspartei, niemals der NSDAP. Mit den Nazis habe er nie gekonnt, sagt Susanne Günnewig. Wegen seines Fleißes und seiner Expertise ließen die nationalsozialistischen Machthaber Füllenbach im Amt, blieben aber skeptisch. So schrieb Oberbürgermeister Carl Haidn Anfang 1944, dass Füllenbachs "alleseitige Verwendbarkeit" dadurch "sehr beeinträchtigt" sei, dass "ihm die nationalsozialistische Initiative fehlt" und er "einer zielbewussten Führung" bedürfe.

Die Familie Füllenbach war befreundet mit dem Bischof von Münster und späteren Kardinal von Galen, der öffentlich gegen die Ermordung Behinderter durch die Nationalsozialisten eingetreten war. Auch der Dominikaner-Pater Urban, der an jenem 17. April im Militär-Jeep saß, war wegen seiner regimekritischen Predigten bekannt und deshalb von der amerikanischen Kommandantur bestellt worden, einen möglichst unbelasteten Oberbürgermeister zu finden. Er entschied sich für Füllenbach.

"Wir hatten immer Kontakt zu Widerständlern", sagt Günnewig. Sie selbst habe im Keller die Auslandssender abgehört. Jeden Tag habe man von einer Bombe getroffen werden können. Nein, Angst habe sie nie gehabt. "Man war einfach voller Adrenalin." Am Ende hatte die siebenköpfige Familie ein Opfer zu beklagen: Einer der Brüder fiel an der Ostfront.

Ihre Schwester Birgid wurde später Schauspielerin. Und der Vater eben der erste Oberbürgermeister nach dem Krieg. Im Bewusstsein der Düsseldorfer ist Wilhelm Füllenbach aber kaum mehr. In Golzheim ist eine Straße nach ihm benannt, auf dem Südfriedhof hat er ein Ehrengrab. Doch in der Galerie der Oberbürgermeister sucht man sein Porträt vergeblich. Dabei gibt es eins - viele Jahre nach Füllenbachs Tod nach einem Foto von dem Maler Oswald Petersen gemalt. Ausgestellt ist es nirgends, es lagert im Depot des Stadtmuseums. Günnewig will es sich demnächst anschauen.

Eine Erinnerung aber geht ihr nicht mehr aus dem Kopf: Wenige Tage vor seinem Tod habe der Vater große Lust auf Eier gehabt. Die Tochter besorgte sie bei einem Bauern in Benrath, verstaute die kostbare Schwarzware in der Handtasche und stieg in die Straßenbahn Richtung Krankenhaus. "Dann gab's eine Vollbremsung, ein Mann fiel auf meinen Schoss, in meiner Handtasche war Rührei." Susanne Günnewig zuckt mit den Schultern und lächelt.

Quelle: RP
Diskussion
Ihre Meinung zum Thema ist gefragt

Schreiben Sie jetzt Ihre Meinung zu:

Düsseldorf: Der fast vergessene Oberbürgermeister


Beachten Sie dabei bitte unsere Regeln für Leserkommentare.