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Düsseldorf
Der Hüter des Glashüttenschatzes

Düsseldorf. 30 Jahre hat Otfried Reichmann in der Gerresheimer Glashütte gearbeitet. Schon sehr früh begann er damit, Material zur Geschichte des Werks zu sammeln. Die Diskussion um ein mögliches Museum verfolgt er jedoch mit großer Skepsis. Von Marc Ingel

Otfried Reichmann ist ausgebildeter Starkstromelektriker. 1962 warb ihn die Gerresheimer Glashütte von den Stadtwerken ab. 30 Jahre lang blieb er dem einst weltweit größten Glasproduzenten treu, bildete sich weiter, bis er 1988 zum Projektleiter Elektrotechnik aufgestiegen war. "Ich hätte das gesamte Werk im Notfall stilllegen dürfen", beschreibt Reichmann rückblickend seine Position an einem Beispiel.

Schon früh begann der Gerresheimer damit, Material zur Historie der Glashütte und zur Sozialgeschichte der Glasbläser zu sammeln. Als der heute 81-Jährige 1992 aus dem aktiven Dienst ausschied, intensivierte er seine Archivarbeit, so kamen unzählige Dokumente, Bilder und nicht zuletzt Flaschen zusammen. Als Reichmann dann 1995 für seinen privaten Glashüttenschatz einen eigenen Raum im Stadtmuseum erhielt, erfuhr seine Sammlerleidenschaft die Krönung. Das Fernsehen war da, er leitete Führungen. Zehn Jahre hielt die Euphorie an, seit 2005 jedoch sinkt seine Laune stetig. "Die Glashütte wurde vom neuen Eigentümer Owens Illinois geschlossen. Und das Stadtmuseum wollte unter neuer Leitung andere Schwerpunkte setzen. Erst wurden die Exponate im Magazin eingelagert, später haben ich sie dann zurückgefordert." Seitdem schlummert der Glashüttenschatz in Reichmanns Keller an der Höherhofstraße. Nicht der gesamte, denn die Werksleitung selbst bat Reichmann noch vor der Schließung, sich der historisch bedeutsamen Objekte anzunehmen. "Das wurde dann irgendwann natürlich alles zu viel", sagt er. Dem Stadtarchiv und auch einem Glashüttenmuseum in Petershagen wurden Teile übergeben. 256 weitere Exponate seien auf dem Speicher des Gerresheimer Rathauses gelagert gewesen, "plötzlich waren sie alle weg", sagt Reichmann. Von dort kommt ein klares Dementi: Vor einer Dachsanierung sei eine umfangreiche Begehung durchgeführt und alles offiziell protokolliert worden, "nichts dergleichen wurde gefunden", betont die Verwaltungsstellenleiterin Claudia von Rappard.

Otfried Reichmann ist "der" Experte der Gerresheimer Glashütte, er gilt aber auch als schwierig. "Viele meinen, ich sei ein Pessimist, ich sage, ich bin ein Realist", erklärt der Pensionär. Das gelte besonders für die jetzt wieder aufkeimende Frage in der Politik, wie die Erinnerung an die Glashütte wachgehalten werden könne und ob nicht womöglich eines der denkmalgeschützten Gebäude auf dem Glashüttengelände, wo drumherum ein Neubaugebiet entstehen soll, der ideale Platz für eine Art Museum wäre. "Nette Idee", sagt Reichmann, "aber es gibt nach wie vor keinen Bebauungsplan, es werden mindestens zehn Jahre ins Land ziehen, bis so etwas realisiert werden könnte", sagt der 81-Jährige.

Vor drei Jahren wurde der Glashüttenschatz um 7000 Flaschen reicher, die ein unentdeckter Keller zu Tage beförderte, so publizierte es der damalige Besitzer Patrizia. "Ein Riesen-Gag", sagt dagegen Reichmann. "Jeder kannte den Raum zuvor bereits, mindestens seit 2012."

Otfried Reichmann hat seine Polemik schon damals laut geäußert. Patrizia habe ihm daraufhin Hausverbot erteilt. Es macht ihm nicht viel aus. Im Zentrum 60 plus in Gerresheim lädt der Rentner regelmäßig zu "Glasnachmittagen" ein und lässt dort Senioren an seinem Wissen über die Glashütte teilhaben. "Das gibt mir viel", sagt er. Und das Museum? "Bis das kommt, bin ich tot."

Quelle: RP
 
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