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Mein Düsseldorf
Der Lauf der Dinge: Generationswechsel in einer Wohnung

Düsseldorf. 70 Quadratmeter mit Balkon in der Landeshauptstadt - wie die letzte Heimat eines alten Mannes zum neuen Zuhause eines jungen Paares wird.

Der Zufall ließ uns hautnah dabei sein, als neulich ein junges Paar in einem Düsseldorfer Stadtteil eine Wohnung besichtigte, in der vorher ein alleinstehender Mann die letzten zwei Jahrzehnte seines Lebens verbracht hatte. Wir haben ihn nie kennengelernt, und nun gingen wir durch die Räume, die noch nicht leer geräumt waren. Denn der Mann, weit über 80, war gestorben - und die Familie hatte noch keine Zeit gehabt, seine Hinterlassenschaft auszuräumen.

Bei der Besichtigung waren wir sorgsam darauf bedacht, nichts anzufassen. Schließlich war das alles seins gewesen, vermutlich wichtig für ihn, sehr persönlich, über den Tod hinaus. Ohne es zu wollen, fühlten wir uns wie Voyeure, die intimen Dinge eines Fremden betrachtend, der dies gewiss nicht goutiert hätte. Die für die 70-qm-Wohnung in Teilen unangemessene Größe einzelner Möbelstücke ließ die Vorgeschichte ahnen: Vermutlich war seine Frau Jahre vor ihm gestorben, er hatte das gemeinsame Haus irgendwann verlassen und einige Stücke mitgenommen, an denen ihm besonders lag. Für die seinerzeit neue, die letzte Wohnung waren sie eigentlich zu wuchtig, aber er wollte sie halt nicht missen. Fotos standen herum, darauf er offenbar in jüngeren Jahren, mit einer Frau, seiner Frau, mit Freunden, Verwandten, vielleicht Kindern. Alles voller Patina, im Stil längst vergangener Zeiten. Hier und da Andenken, Kitsch, Mitbringsel, aber nichts Überladenes - auch für sein vorgerücktes Alter war die Einrichtung typisch Mann. Im Schlafzimmer ein schmales Bett, daneben ein Schreibtisch. Darauf ein Computer, der in den frühen 80er up to date gewesen war, nun aber nur noch museumsreif wirkte. Alles leicht verwohnt, aber nicht schmuddelig, eher abgenutzt, dennoch gepflegt. Bis zuletzt waren dem Mann offenbar Ordnung, Sauberkeit und Stil wichtig gewesen.

Jetzt jedoch ist alles von gestern, größere Werte dürften nicht dabei gewesen sein, außer ihm war das alles keinem mehr wichtig.

Nun also war die Wohnung, so zynisch das klingt, frei geworden - und wir waren dabei, als der Nachmieter gesucht und gefunden wurde. Die Entscheidung war, bei mehreren auch älteren Bewerbern, am Ende sehr bewusst auf ein sehr junges Paar gefallen: Sie Anfang 20, am Ende ihrer Ausbildung bei einem Versicherungskonzern und auf Jobsuche in Düsseldorf, er Mitte 20 und Polizist und schon seit einiger Zeit in der Landeshauptstadt auf Streife. Die jungen Leute suchten bereits seit längerem. Obwohl sie gemeinsam verdienen, ist der Wohnungsmarkt hier heikel für sie, denn die Preise sind hoch. Umso größer die Freude, als es offenbar klappt mit dieser Bleibe, deren Preis am oberen Rand ihres Budgets liegt.

Die beiden kommen aus Westfalen, suchen in der NRW-Landeshauptstadt neue Chancen, wohl wissend, wie teuer das Leben hier ist. Also übt man sich, gezwungenermaßen, in Bescheidenheit. Ihm merkt man seinen Job an, für sein Alter ist er auffallend ernsthaft und besonnen, er kennt die Stadt inzwischen - wenn auch aus einem ungewöhnlichen Blickwinkel. Dieser Blick lässt ihn die Lage loben: Die Rheinbahn-Haltestelle in diesem sehr bürgerlichen Stadtteil ist nur 300 m entfernt, er registriert mit Zufriedenheit, dass seine Partnerin dort auch nachts ziemlich risikofrei aussteigen und die letzten Meter zu Fuß nach Hause gehen kann.

Die beiden planen, kalkulieren, richten - das kann man regelrecht sehen - in Gedanken schon die neue Bleibe ein. Der Balkon mit Blick ins Grüne wird schon als Frühstücksecke eingerichtet, die Küche reicht für die erstmal bescheidenen Ansprüche, die Rheinnähe wird als Glück empfunden, denn zum Paar gehört ein Hund, der sie schon über zehn Jahre begleitet und der nun mit umzieht. Sie wollen einiges verändern, die Wohnung soll hell und zeitgemäß wirken. Dass die Türen aus edlem Tropenholz sind und damals vermutlich sehr teuer waren, beeindruckt sie nicht. Der Vormieter dürfte stolz darauf gewesen sein, hat sie offenbar gut gepflegt, regelmäßig geölt und lasieren lassen.

Nun werden sie weiß lackiert - die letzte Spur des alten Mannes in dieser Wohnung verschwindet. Unter Farbe.

Quelle: RP
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