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Hilfe von der Diakonie Düsseldorf
Der Mann, der ihr Leben zerschlug

Hilfe von der Diakonie Düsseldorf: Der Mann, der ihr Leben zerschlug
Barbara hat gelernt, "Nein" zu sagen. Geholfen hat ihr die Fachberatungsstelle der Diakonie für Familien mit Gewalterfahrung. FOTO: Andreas Bretz
Düsseldorf. Es begann als große Liebe und endete mit Psychoterror und Gewalt. Barbara M. fand Hilfe bei der Beratungsstelle der Diakonie. Von Stefani Geilhausen

Seine letzte SMS ist erst ein paar Wochen alt. Er will, dass seine Schwester die Kinder besucht, hat ihr geschrieben. Wie paralysiert hat Barbara (41) auf ihr Handy gestarrt, bis ihr Ältester es an sich genommen und dem Mann, der seine Mutter vergewaltigt hat, antwortete, er solle sich nie wieder melden.

Ihre Kinder aus der ersten Ehe hatten sie gewarnt, als sie voller Liebe und Hoffnung ihr gemeinsames Leben mit dem Traumprinzen plante. Mit dem stimme etwas nicht, spürten die Kinder, und als Barbara den Mann trotzdem heiratete, zogen sie zu ihrem Vater. Das war gut, sagt sie heute, denn sie haben das Martyrium, das dann begann, nicht so nah mitbekommen. Aber sie kann noch immer nicht fassen, dass der Mann sie dazu gebracht hat, ihre Kinder gehen zu lassen. "Ich war damals leicht zu manipulieren."

2003 war sie mit ihrer Schwester in der Altstadt unterwegs, um in ihren 28. Geburtstag hinein zu feiern, als sie ihn traf. Gut aussehend, charmant und gebildet, großzügig und im Smoking. Er gab Champagner aus und erzählte freimütig von seiner gescheiterten Ehe, und dass seine Ex-Frau behaupte, er hätte sie geschlagen. Nach einer ersten Verabredung hörte sie lange nichts von ihm. Dann kam ein Brief aus der JVA. Er saß wegen Betrugs und Körperverletzung, wollte ihr das erklären und bat um einen Besuch. Als sie hörte, dass er den Vergewaltiger seiner Nichte verprügelt habe und deshalb verurteilt worden war, fand sie das "sogar ein bisschen heldenhaft". Dass zweieinhalb Jahre Haft für einen unbescholtenen Ersttäter ungewöhnlich viel sind, wusste sie nicht. Erst nach der Hochzeit erfuhr sie von seinen Vorstrafen; Erpressung, Förderung der Prostitution, immer wieder Gewalttaten.

Während seiner Haft waren sie einander näher gekommen. Er schrieb Liebesbriefe, malte Bilder, wurde ihr Vertrauter und "mein Fels in der Brandung". Als er 2007 freikommt, wird geheiratet. Sie ziehen zusammen. Acht Tage später schlägt er sie zum ersten Mal. Sie hatte Zigaretten holen wollen, und er wollte nicht, dass sie das Haus verlässt. Er redet von Verlustängsten und davon, wie sehr er sie liebe. Sie flüchtet trotzdem geschockt zu ihrer Freundin. Nach drei Wochen wird es da zu eng. Die Alternative Frauenhaus schreckt sie ab. Und sie geht zurück.

Es beginnt eine On-/Off-Beziehung voller Gewalt. Ein Muster, dass sie mit Hilfe der Therapeuten in der Beratungsstelle für Familien mit Gewalterfahrung der Diakonie inzwischen als eines ihrer Kindheit erkannt hat. "Ich bin selbst viel geschlagen worden und hatte gelernt, zu funktionieren, wie man es von mir erwartete." Nur dass es auch der erwachsenen Barbara nichts nützt, zu funktionieren. Dumm, hässlich und wertlos sei sie, bläut er ihr mit Füßen und Fäusten ein. Wegen einer psychischen Erkrankung geht er keiner Arbeit nach. Stattdessen beaufsichtigt er sie beim Putzen. Wenn er unzufrieden ist, schlägt er zu. Zufrieden ist er selten.

Irgendwann flüchtet sie ins Frauenhaus. Drei Monate ist sie dort, als sie feststellt, dass sie schwanger ist. Sie geht zurück, bekommt seinen Sohn, sie erleben ein paar glückliche Momente. Das Baby ist acht Tage alt, da haben sie einen Termin beim Jugendamt wegen ihrer großen Kinder. Er bedroht ihren Ex-Mann und die Familienhelferin, die sie nicht mehr mit ihm nach Hause lässt. Wieder landet sie im Frauenhaus, diesmal mit einem Säugling. Er sagt, dass er ihren Namen bei Betrügereien benutzt hat und sie anzeigt, wenn sie nicht zurückkommt. Verängstigt gibt sie der Erpressung nach - und wird kaum vier Wochen nach der Geburt ihres Kindes erneut schwanger. "Er wollte mir viele Kinder machen, damit ich nicht mehr von ihm weg kann", glaubt Barbara heute sein Motiv zu verstehen. Damals hat sie mit ihm geschlafen, damit er ihren Kopf nicht wieder gegen das Bettgestell schlug.

Nun hat sie zwei Kinder, versucht immer wieder, ihm zu entkommen. Sie zieht in eine eigene Wohnung. Er vergewaltigt sie. Das dritte Kind, das dabei gezeugt wird, will er ihr "aus dem Leib treten". Eine Freundin stellt sich ihm in den Weg. Die prügelt er krankenhausreif und verletzt dabei auch den kleinen Sohn. Eine Ärztin sagt schließlich die Worte, die ihr Leben verändern: So lange dieser Mann in ihrer Nähe ist, kommt ihr Söhnchen nicht mehr heim.

Endlich findet Barbara die Kraft. Sie wendet sich an die Beratungsstelle der Diakonie, in der nicht nur Frauen wie sie, sondern auch Kinder von Therapeuten betreut werden, und die - das ist eine Besonderheit - auch mit den prügelnden Elternteilen arbeitet. In Barbaras Fall hat das wenig Sinn. Ihr Mann kommt in eine geschlossene forensische Psychiatrie.

Sie lernt wieder frei zu atmen und das Messer wegzupacken, dass sie anfangs unter dem Sofa griffbereit hat. Sie macht eine Ausbildung, findet einen Job und baut ihr Leben aus den Trümmern wieder auf, in die er es geschlagen hat. Erst als ihre Kinder lange nach der Trennung verhaltensauffällig werden, erfährt sie beim Psychologen, dass auch die Kinder traumatisiert sind, dass er die größeren bei Besuchen geschlagen und der Kleinste mehr gesehen hat, als eine Kinderseele verkraften kann. Ihn hat sie einer Pflegefamilie anvertraut, weil sie selbst ihm noch nicht die Stabilität geben kann, die er braucht. Die beiden Größeren sind wie sie in Therapie.

Es geht mir besser, sagt sie heute. Sie hat "Nein" sagen gelernt und sich wieder selbst zu mögen, und sie ist anderen Menschen gegenüber vorsichtiger geworden. Ein langer Weg, sagt sie. Und er ist noch lange nicht zu Ende.

Quelle: RP
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