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Serie "Düsseldorfer Geschichten"
Der Profiler

Serie "Düsseldorfer Geschichten": Der Profiler
Stephan Harbort hat auf einer Deutschlandkarte verschiedene Serientaten mit bunten Pins gekennzeichnet. Ballungen gibt es in dicht besiedelten Gebieten. FOTO: bernd schaller
Düsseldorf. Der Kriminalhauptkommissar Stephan Harbort hat hunderte Profile von Serienmördern studiert. Er will ihr Handeln verstehen. Von Verena Patel

Wenn er - nennen wir ihn L. - diese Unruhe in sich spürt, schnappt er sich seinen Wagen und fährt los. Es ist eine Jagd und er wie ferngesteuert. In dem Moment weiß er, er will töten. Und es muss eine Frau sein. Als Kind hat der mittlerweile 45-Jährige vergeblich versucht, zu seiner Mutter eine Beziehung aufzubauen, es war nicht möglich, wie bei einer glatten Oberfläche, an der man immer wieder abrutscht. In den Arm genommen hat sie ihn nie, so wie er es brauchte. Einmal sieht er aus dem Auto eine Frau, die allein unterwegs ist. Er fährt vorbei. Moment mal. Er wendet und spricht die Frau an. Ob er sie mitnehmen könne. "Ich war schweinenett." Die Frau steigt ein. Den Rest erlebt der Mann wie in Trance. Er wird die Frau vergewaltigen, quälen, schließlich töten. Und er wird es wieder tun. "Würdest du bitte in mein Auto einsteigen?" Und wieder. "Ich empfand einen Zwang, dieses Menschen habhaft werden zu müssen", wird er später sagen. "Als sie im Wagen saß, habe ich sie im Geiste angeschrien: Mädchen, verlass diesen Wagen, sonst stirbst du." Aber er schreit nicht, er tötet.

Warum töten Menschen und was bringt sie dazu, es immer wieder zu tun? Stephan Harbort, Düsseldorfer Kriminalhauptkommissar befasst sich seit mehr als 20 Jahren mit dieser Frage. Rund 250 Geschichten von Serientätern hat der 51-Jährige bisher aufgearbeitet, so auch die von dem Mann, der Frauen in sein Auto lockte, um sie zu töten. In seinem Arbeitszimmer füllen die Ordner mit Fallstudien eine ganze Regalwand. Das geht weit über sein Pensum als Kommissar hinaus. Es ist zu einer Art Nebenbeschäftigung geworden, "Hobby", so möchte es Harbort nicht nennen. Eher ist es ein wissenschaftlicher Drang. "Ich mache das, um die Wahrheit zu erfahren", sagt er.

Dabei zog es ihn als junger Mann zunächst in eine ganz andere Richtung: auf die Bühne. "Eigentlich wollte ich Schauspieler werden", sagt Harbort und lächelt, als er sich an seine Anfangszeiten beim Schultheater erinnert. In verschiedene Rollen zu schlüpfen, einen Charakter von allen Seiten zu betrachten, ihn sich zu eigen zu machen, faszinierte ihn. Es ist eine Fähigkeit, die er auch heute als Profiler braucht, als jemand, der die Muster hinter Straftaten sucht. Es ist eine Sensibilität für Menschen, die über das hinausgeht, was er als persönlich nachvollziehbar empfinden mag.

Die Initialzündung hat Harbort im Alter von 27 Jahren, als der junge Polizist in einer Mordkommission eingesetzt wird. Ein 25-Jähriger begeht im Großraum Duisburg mehrere Morde auf eine derart emotionslose Weise, die Harbort keine Ruhe mehr lässt. "Ich habe einfach nicht verstanden, was in einem solchen Täter vorgeht", sagt er. Genau das will er wissen, er will verstehen.

Harbort spricht daher immer wieder mit Gefangenen, bei einigen braucht er viel Geduld. "Manchmal dauert es Monate, bis überhaupt ein Gespräch zustande kommt, mit einem habe ich mich am Ende aber sogar 42 Stunden lang unterhalten." Auch, wenn es die ultimative Ursache nicht gibt, aus der heraus sich die Taten erklären lassen, eine Gemeinsamkeit gibt es doch. Immer wieder geht es um Identität, um Ich-Gefühl, um Selbstbestätigung. Eine Beziehung zur Welt schaffen durch die Tat, sich fühlen, das treibt viele Täter an, hat der Kommissar erfahren. Eine schwierige Kindheit bildet oft die Basis. "Das ist aber keine alleinige Ursache, denn sehr viele Menschen mit schwieriger Kindheit werden nicht straffällig."

Vielen geht es darum, einmal etwas zu gelten. So wie dem Mann, der immer wieder Menschen ausraubte und sie anschließend tötete. "Nach der ersten Tat war ich drei Tage wie auf Drogen", berichtete er dem Profiler. "Vorher war ich immer ein Loser gewesen. Aber dann habe ich die Leute, die mir auf der Straße entgegenkamen, eingeteilt: in Opfer und Nicht-Opfer." Ein unglaubliches Machtgefühl. "Macht und Identität, das hängt eng zusammen. Viele Täter haben das Gefühl 'Ich habe jemanden umgebracht und das können nicht viele. Ich bin also etwas Besonderes'", erklärt der Kriminologe.

Es gibt viele Klischees über Serientäter, gerne wird ihnen nachgesagt, sie seien hoch intelligent, erfolgreich und ihnen sei nichts entgegen zu setzen. Ein Mythos, den nicht zuletzt das Kino und das Fernsehen geschaffen haben mit ihren unzähligen Geschichten von Mordfällen. So zum Beispiel die Darstellung von Sexualstraftätern. "Oft sind sie von Anfang an erkennbar schräg. In der Realität sind es häufig überangepasste Typen. Viele von ihnen haben Angst vor Stigmatisierungen und machen sich deshalb so unscheinbar", weiß Harbort.

Eine ganz andere Seite offenbarten Serienkiller auch in ihren Gesprächen mit dem Kommissar. Nämlich, dass viele nicht mehr in der Lage waren, ihrem Plan zu folgen, wenn nicht alles so lief, wie sie es sich in ihrer Phantasie ausgemalt hatten. "Es gab diesen Fall eines jungen Mannes in Berlin, der drei Frauen auf regelrecht sadistische Weise getötet hatte", berichtet Harbort. "Eines Abends hatte er eine junge Frau in sein Auto gelockt, parkte schließlich, hielt ihr dann unversehens eine Schreckschusspistole an den Kopf und drückte ab." Doch nichts geschah. Ladehemmung. Die Frau reagierte für den Mann völlig überraschend. "Du fährst mich jetzt sofort nach Hause", sagte sie eindringlich. Sie ließ sich die Opferrolle nicht aufdrängen. Der Plan war durchkreuzt.

Ob sie ahnte, wer da neben ihr im Auto saß? Warum werden Menschen zu Opfern und andere nicht? Auf eine einfache Formel lässt sich das ebenso wenig bringen, wie die Antwort auf die Frage, warum jemand zum Mörder wird. "Den Mantel der Unantastbarkeit jedenfalls gibt es nicht", sagt Harbort. Und dass Menschen erkennen, ob jemand unsicher oder wehrhaft ist, an der bloßen Körperhaltung, am Gang, an Gestik und Mimik, davon ist der Kriminologe überzeugt. Menschen, die einem Serientäter entkommen konnten, erzählten ihm häufig von einem merkwürdigen Gefühl, dass sie spürten, noch bevor sie überhaupt ahnen konnten, was der andere im Schilde führte. Etwas war anders.

Stephan Harbort kann diese Geschichten erzählen mit einer Ruhe, die keine Kälte ist, aber eine sichere Distanz zu den Dingen zeigt. Immer wieder lässt er sich Taten so detailliert berichten, dass es für manch anderen unerträglich wäre. Mit einem ehemaligen amerikanischen Soldaten, der in Deutschland mehrere Frauen mit einem Hammer erschlug, hat er immer noch Kontakt. "Er war in der Kindheit von seinem Onkel sexuell missbraucht worden. Dieses Trauma hatte er nicht verarbeitet. Vor seiner ersten Tat war er mit einer Frau zusammen, die pathologisch eifersüchtig war. Um Stress abzubauen, fuhr er mit dem Auto herum und sprach eine junge Frau an einer Telefonzelle an." Doch die Frau hielt den Annäherungsversuchen stand und wollte einfach nicht ins Auto steigen. Der Mann überfiel sie, vergewaltigte sie und erschlug sie schließlich mit einem Hammer, den er im Auto fand.

Wenn Harbort selbst nicht mehr weiter weiß, sich niedergedrückt fühlt von den Schilderungen, dann spricht er seine Gedanken auf Band. "Ich bin kein cooler Typ."

Quelle: RP
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