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Düsseldorf
Der Sommer im Winter

Düsseldorf: Der Sommer im Winter
Laura und Raul Plaza sind aus der spanischen Hauptstadt Madrid nach Düsseldorf gekommen. Statt Weihnachts- machen sie nun Sommerurlaub. FOTO: Andreas Endermann
Düsseldorf. 14 Grad und das im Dezember, am Dienstag war es noch mal richtig warm. Höchste Zeit, rauszukommen - ein Rhein-Spaziergang. Von Klas Libuda

Wer Winter möchte, sollte sich auf die Theodor-Körner-Straße stellen. Dort sieht man zugefrorene Brunnen. Wichtel, die knallrote Zipfelmützen tragen, haben kleine Löcher ins Eis geschnitten, um zu angeln. Im Schnee liegen Weihnachtsgeschenke mit goldenen Schleifen. Und das alles sieht wirklich sehr schön und bitterkalt aus - wie eine ganz wunderbare Fantasie nach einem gehörigen Sonnenstich.

In dieser Weihnachtswunderwelt, die sie in einem Schaufenster am Kaufhof aufgebaut haben, soll der Sommertag beginnen. Es ist vielleicht der letzte dieses Jahr, wer weiß das schon, auf das Wetter sollte man sich dieser Tage ja besser nicht verlassen. Gestern Mittag, mitten im Dezember: blauer Himmel, 14 Grad, so wie sonst im April. Der Parka liegt schwer auf den Schultern. Schal und Mütze sind längst abgelegt und in der Tasche verstaut - das war viel zu warm.

Es soll noch einmal hin zur Sonne gehen, dorthin, wo das Leben brummt, wenn's draußen richtig schön ist, es geht an den Rhein. Der schnellste Weg führt über den Weihnachtsmarkt auf der Flinger Straße. Wer schnell sein möchte, geht hinter den Büdchen vorbei, die Reibekuchen und Glühwein mit Schuss verkaufen. Bei diesem Wetter will man das ja ohnehin nicht, nichts, was einem schwer im Magen liegt. Wenn, dann schon lieber "was Leichtes". Das sagt man ja im Sommer so, wenn einem die Hitze langsam in den Kopf steigt: Bitte was Leichtes. Also Hugo, Caipirinha und Pina Colada, das ganze klebrig-süße Zeug, dass es zum Beispiel auch an den Kasematten gibt. Junge Männer in karierten Hemden sitzen dort mit verspiegelten Sonnenbrillen und fotografieren ihre Altbiere, um die Aufnahmen wenig später im Internet der Welt zu zeigen. Ein kurzärmeliger Kellner jongliert sein Tablett durch die Reihen, junge Frauen fahren auf Rollschuhen vorbei und werfen dabei kleine Schatten. Die Sonne steht über dem Rheinturm. Vor den Kasematten steht ein Schneemann.

Das weiße Ungetüm mit Zylinder und Mohrrüben-Nase ist aus Tuch und mit Luft gefüllt, was gut ist, denn die schmilzt nicht. Außerdem ist der Schneemann ein prima Fotomotiv: Laura Plaza hat sich in Pose geschmissen. Jacke auf, Brille auf, ihr Mann Raul drückt ab. Sie trägt an der Kapuze Fell, er in beiden Händen seine Kamera. Das Ehepaar ist aus Madrid gekommen, sie machen fünf Tage Sommerurlaub in Düsseldorf. Auf so ein Wetter waren sie nicht eingestellt, sagt Raul, aber an ihren Plänen ändere das nichts. Bisschen über die Weihnachtsmärkte bummeln, sagt er. "Vielleicht fahren wir auch mal nach Köln."

Ortswechsel: Hafen, fast nichts los. Am Paradiesstrand gehen Mensch und Hund Gassi, ein Sonnenbad nimmt leider niemand. Auch die Terrasse des Hyatts ist wie leer gefegt, die angeschlossene Bar, das Pebble's, ist fest verschlossen. Zwei Mädchen in dünnen Jacken sitzen auf den Stufen und kichern. Endlich mal Sommerjacken!

Sehr viele Menschen neigen ja grundsätzlich zu vorauseilendem Gehorsam, und das scheint auch bei der Garderobe so. Sie tragen lange Mäntel, Stepp- und Daunenjacken, weil nun mal Dezember ist. Die Promenade Richtung Altstadt ist wie ein Laufsteg, der lustigste der Welt. Die Spaziergänger, die einem nun entgegenkommen, sehen aus, als hätten sie ein Kilogramm Zitronen gegessen. Die Augen sind ganz klein, die Gesichter verzerrt - die Sonne steht jetzt sehr tief und blendet.

Noch eine Dreiviertelstunde bis zum Sonnenuntergang, dann wird es stockduster sein und wieder kalt. Es ist höchste Zeit für eine Erfrischung. Es gibt ja jede Menge leckeres Eis, zum Beispiel Stracciatella oder Walnuss, aber das Beste, was es gibt, ist Eiskonfekt. In kleinen Schachteln gibt es das an jeder Ecke, und in den Sommermonaten ist es ein Renner. Im Winter, sagt Ali Haydar Gündogdu, der ein Kiosk an der Hunsrückenstraße führt, sei das anders. Eis habe es dieser Tage bei der Kundschaft schwer. "Das hat psychologische Gründe", sagt Gündogdu. Gleiches gelte für Getränke jeder Art, auch die gehen im Winter schlechter. Außer es ist Karneval.

Noch mal zurück zum Eiskonfekt, denn das ist der zuverlässigste Indikator dafür, wie gut das Wetter tatsächlich ist. Wenn's richtig heiß ist, schmilzt einem das Konfekt in einer Minute weg. Also jetzt, Probe aufs Exempel: Mal eine Schachtel in die Restsonne stellen und warten. Eine Minute, zwei Minuten, drei Minuten, vier Minuten. Dann obsiegt der Hunger.

Quelle: RP
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