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Sineb El Masrar
"Der Terror erschüttert die Muslime"

Sineb El Masrar: "Der Terror erschüttert die Muslime"
Sineb El Masrar wurde 1981 als Tochter marokkanischer Einwanderer in Hannover geboren. Sie war von 2010 bis 2013 Teilnehmerin der Deutschen Islamkonferenz, die den Austausch zwischen Staat und Muslimen verbessern soll. FOTO: Privat
Düsseldorf. Die deutsch-marokkanische Journalistin sagt: Werte wie Barmherzigkeit und Liebe gelten bei Islamisten nur für die eigene Glaubensgruppe. Von Jasmin Buck

Sineb El Masrar ist in Hannover geboren und hat marokkanische Wurzeln. Sie ist Muslima, trägt kein Kopftuch und ist seit 2006 Chefin von "Gazelle", dem einzigen interkulturellen Frauenmagazin in Deutschland. Morgen (2. Juli) kommt die 33-Jährige nach Düsseldorf, um über ihr neu aufgelegtes Buch "Muslim Girls" zu diskutieren. Darin beschreibt die Wahl-Berlinerin das Leben junger muslimischer Frauen – und kommt zu dem Ergebnis: Es ist noch viel zu tun.

Was bedeutet Ihnen der Islam?

El Masrar Der Islam ist eine facettenreiche Religion, die mir sehr viel Halt und Orientierung gibt. Meine Eltern haben mir beigebracht, dass es im Islam immer auch um Barmherzigkeit geht.

Demnach gibt es auch barmherzige Salafisten?

El Masrar Bestimmt. Für diese Gruppierungen gelten allerdings Werte wie Barmherzigkeit, Liebe und Hilfsbereitschaft vor allem für die eigene Glaubensgruppe. Ich bin aber mit dem Wissen aufgewachsen, dass Gott jedem Menschen positiv zugewandt ist und ihn nicht als Soldaten oder Sklaven versteht. Diesen Geist muss man aber verstehen.

Was lösen die jüngsten islamistischen Anschläge bei Ihnen aus?

El Masrar Sie machen sprachlos. Die Bereitschaft, unschuldige Menschen hinzurichten auf Grundlage einer islamistischen Ideologie, der diese Täter anhängen, und dabei zu glauben, rechtschaffend zu handeln, lässt einen ganz hoffnungslos in die Zukunft blicken.

Und die Kämpfer der Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS)?

El Masrar Auch wenn nur einige Hundert Kämpfer aus Deutschland nach Syrien oder in den Irak gezogen sind, erschüttert der IS eine gut aufgeklärte Muslimin wie mich. Der Kern des Problems liegt in der religiösen Erziehung. Eltern müssen Vertrauen und einen gegenseitigen Austausch zulassen.

Das trifft auf Ihre Erziehung zu?

El Masrar Ja. Ich durfte meine Eltern alles fragen und alles machen, was ich wollte – sofern es mich nicht in Gefahr brachte. Den Satz: "Du bist ein Mädchen, du darfst das nicht", habe ich nie gehört. Wobei es eine Ausnahme gab: Ich durfte mich nicht über andere Religionen lustig machen.

Und wenn Sie zu Besuch bei den Verwandten in Marokko waren?

El Masrar Da war es meiner Mutter in der Tat wichtig, dass ich nicht in Hotpants herumlief. Das war sozusagen eine Geste des Respekts gegenüber der älteren Generation.

Ein Kopftuch mussten Sie aber nie tragen?

El Masrar Meine Mutter trägt es aus traditionellen Gründen. Ich habe als 16-Jährige festgestellt, dass es im Islam kein Kopftuch-Gebot gibt. Am Ende sollte es deshalb darum gehen, dass sich eine Frau wohlfühlt – ob mit oder ohne Kopftuch. Jede Frau sollte sich so kleiden, wie sie es möchte. Es gibt Leute mit Dreadlocks, die sich jahrelang ihre Haare nicht kämmen. Das muss man schließlich auch nicht unbedingt ästhetisch finden. Eines ist aber klar: Muslimische Frauen mit Kopftuch sollten es aushalten, wenn ihre Geschlechtsgenossinnen auch mal Hotpants tragen wollen und sie nicht in die nicht-praktizierend Box stecken.

Was sollte für Lehrerinnen gelten?

El Masrar Was für alle Lehrerinnen gilt: nicht missionieren und einen anständigen Unterricht absolvieren.

Wie stehen Sie zum Burka-Verbot?

El Masrar Der Grundgedanke dahinter ist: Es gibt unterdrückte Frauen, die wir befreien müssen. Das trifft aber nicht zu. Denn oft sind es salafistische Konvertitinnen, die sich für eine Vollverschleierung entscheiden. Alle anderen muslimischen Frauen tragen eine Abaya mit oder ohne Gesichtsschleier aus freien Stücken, weil sie es wollen.

Und in Saudi-Arabien?

El Masrar Dort haben Frauen keine Option. Deutschland ist aber nun mal ein Demokratie. Hier kann eine Frau sich für das eine oder andere entscheiden – und im Zweifelsfall wieder umentscheiden.

Leben Sie auch deshalb so gerne in Deutschland?

EL Masrar Ja, ich finde es hier recht angenehm.

Trotz "Pegida"?

El Masrar Es gab eine Zeit, in der ich nicht wusste, wo diese Hetze gegen Flüchtlinge und Muslime noch hinführen soll. Das hat mir Bauchschmerzen bereitet. Als dann aber Tausende auf die Straße gegangen sind und den "Pegida"-Anhängern gesagt haben: "Ihr sprecht nicht für uns", war das etwas sehr Wohltuendes.

Diese Form der Hetze war letztendlich also gut für die Gemeinschaft?

El Masrar Das Aufkommen dieser Gruppierung hat zumindest dazu geführt, dass sich Menschen positioniert haben. Dennoch bleibt es tragisch, dass es Leute gibt, die glauben, was dort postuliert wird. Dasselbe gilt für die AfD: In dieser Partei tummeln sich zum Teil Gestalten, die einfach nur gruselig sind. Es gibt scheinbar Menschen in diesem Land, die unzufrieden sind. Mit ihren Ängsten – ob unbegründet oder nicht – müssen wir uns gesellschaftsübergreifend auseinandersetzen.

Muss sich dafür am Ende auch der Islam ändern?

El Masrar Zunächst einmal gibt es ja sehr vielfältige Lebensrealitäten des Islam. Muslim sein in Saudi-Arabien ist etwas anderes als in Marokko oder Indonesien. Bei radikal-islamistischen Ausprägungen mag ich gar nicht daran glauben, dass dort noch eine Reformation stattfindet. Regionen, in denen diese Form vorherrscht, sind finanziell ohnehin so unabhängig und politisch so gut mit anderen Staaten vernetzt, dass sie gar nicht die Notwendigkeit sehen, ihr Islam-Verständnis zu überdenken. Das ist traurig, aber die Realität. Wir werden es aber nie schaffen, alle Muslime auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen. Das funktioniert seit Jahrhunderten nicht.

Welche Hausaufgaben hat Deutschland noch zu erledigen?

El Masrar Wir müssen noch stärker an dem Gemeinschaftsgefühl in diesem Land arbeiten. So abgedroschen es auch klingen mag: Der Satz "Wir sind Deutschland und ich bin Teil dieses Landes" muss zur gefühlten Realität werden. Es darf keine Diskriminierung mehr geben: Sei es aufgrund der Religion, der eigenen Lebensweise oder der sexuellen Orientierung. Von diesem Ideal sind wir aber noch weit entfernt.

In Ihrem Buch "Muslim Girls" unterscheiden Sie fünf muslimische Frauentypen. Zu welchem zählen Sie?

El Masrar Ich sehe mich als eine Mischung aus "Natural" und "High Potential-Muslim Girl" – ich bin also pragmatisch, gut ausgebildet, ehrgeizig, bodenständig. Wobei ich die fünf Typen natürlich überspitzt dargestellt habe. Diese Frauen könnten auch nicht-muslimisch sein. Denn auch sie sind mal nervtötend, mal herzlich, mal voller Power.

In der deutschen Gesellschaft gelten Muslim Girls oft als schlecht integriert.

El Masrar Das ist ein Vorurteil. Denn vor allem die zweite und dritte Generation der Muslim Girls haben oft gute Jobs und sind selbstständig. Dennoch finden sie in der Regel keine Anerkennung für diese Leistungen – und fragen deshalb: "Was wollt ihr eigentlich? Wir haben das alles geschafft, auch ohne eure Hilfe. Trotzdem sind wir nicht Teil dieser Gesellschaft". Denn oft wird verbreitet, dass Muslim Girls keine Schulabschlüsse haben und dem Staat auf der Tasche liegen. Aber das stimmt einfach nicht.

Sie sagen, dass Frauen muslimischen Glaubens es in dieser Gesellschaft nicht immer leicht haben. Wären Sie manchmal gerne ein Mann?

El Masrar Über Skorpion-Frauen sagt man ja, dass sie lieber Männer wären. Vielleicht trage ich diesen Wunsch insgeheim in mir (lacht). Denn wenn wir ehrlich sind: Wenn ein Mann etwas sagt, hört man ihm in der Regel sofort zu und glaubt das, was er sagt. Die Frau muss am besten fünfmal eine Powerpoint-Präsentation zeigen, bis derselbe Sachverhalt Hand und Fuß hat. Die Männerdominanz hat sich auch in diesem Land ganz gut bewährt. Aber eigentlich mag ich mich ja als Frau. Außerdem möchte ich auf gar keinen Fall so behaart sein, wie Männer es sind.

Sind die Frauen an dieser Männerdominanz vielleicht sogar ein wenig selbst schuld?

El Masrar Mag sein, dass einige Frauen, vor allem muslimische, noch an ihrem Selbstwertgefühl arbeiten müssen. Das ist ein Prozess, der Zeit braucht – und der schon in der Erziehung beginnt. Eltern dürfen ihren Kindern nicht das Gefühl geben, dass der Sohn wertvoller ist als die Tochter.

In Ihrem Buch schreiben Sie, muslimische Männer dürfen außerhalb der eigenen vier Wände Machos sein. Warum?

El Masrar Es gibt Frauen, die einen Mann haben möchten, der ihnen alles hinterherträgt. Andere wollen lieber jemanden, zu dem man hochschauen kann, der ein bisschen Macho ist, aber zuhause trotzdem noch den Müll rausbringt. Im Grunde genommen sind viele Frauen, egal welchen Glaubens, in Sachen Männer etwas schizophren: Wir wollen jemanden, der uns die Tür aufhält – und am Ende das Essen bezahlt.

Apropos Mann: Wie stellen Sie sich den Propheten Mohammed vor?

El Masrar Als Visionär. Er war jemand, der mitten in der Wüste als Analphabet weltweit Menschen berührt hat. Er hat den Leuten etwas mitgegeben, das ihnen Halt gab. Das muss man erst einmal hinbekommen. Wie er aussah, spielt für mich keine Rolle.

Könnte er auch eine Frau gewesen sein?

El Masrar (lacht) Nein, bei dieser Frage ist man sich einig: Mohammed war ein Mann. In allen Religionen hat sich dieses Geschlecht durchgesetzt. Mohammed hatte aber viele Frauen um sich, die alles andere als nur seine Haushälterinnen waren. Es gibt also viele weibliche Figuren, die für Musliminnen inspirierend sind. Da muss es nicht gleich eine Prophetin sein.

Quelle: RP
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