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Buchveröffentlichung
Der Whistleblower von Tarifzone A

Düsseldorf. Erkan Dörtoluk ist 43 Jahre alt und arbeitet in Düsseldorf als Fotograf und Social-Media-Experte. Seit fünf Jahren betreibt er auf der Internet-Plattform Twitter die Seite "Rheinbahn_intim". Dort veröffentlicht er für inzwischen 28.600 Follower, was er in Bus und Bahn, an Haltestellen und Bahnübergängen hört. Von Christian Herrendorf

Die besten knapp 1000 Beiträge erscheinen am Montag als Buch im Piper-Verlag. Es heißt "Du hast mir das Kind gemacht, nicht ich" (8,99 Euro). Am 8. September stellt Dörtoluk es ab 19 Uhr bei einer besonderen Fahrt mit einer Straßenbahn vor und beantwortet die Fragen der Zuhörer. Die Tour beginnt am Bahnsteig 8 am Hauptbahnhof, die Teilnahme kostet acht Euro.

Wie bringt man 140 Zeichen lange Internet-Beiträge als Buch heraus?

Erkan Dörtoluk Indem man das Internet ausdruckt. Ich bin ehrlicherweise gar nicht selber auf die Idee gekommen. Mich hat auf einem Event jemand angesprochen und wollte mir zehn Euro in die Hand drücken, damit ich ihm meine Twitter-Seite ausdrucke, binden lasse und zuschicke. Das ist mir dann immer wieder auf Events passiert.

Und wie ist dann der Piper-Verlag in München auf Sie aufmerksam geworden?

Dörtoluk Als mir klar wurde, dass es offenbar einige Menschen gibt, die das nicht einfach bei Twitter nachlesen wollen, habe ich Exposés an verschiedene Verlage geschickt und Piper war einfach am schnellsten. Doch auch wenn die Sammlung nun bei einem renommierten Verlag erscheint, sehe ich das nicht als klassisches Buch.

Sondern?

Dörtoluk Das ist eher ein Mitbringsel, ein Geschenk, in dem man sich immer mal wieder zwei, drei Seiten durchschaut. Vielleicht kann man es auch zu einer Party mitnehmen und dort mit verteilten Rollen lesen. Das würde mir sehr gefallen.

Welches war Ihr erster Beitrag?

Dörtoluk Der stand noch bei Facebook. Als die Bauarbeiten für die Wehrhahn-Linie begannen, fuhr ich mit der 712 am Kirchplatz entlang und hörte plötzlich, wie zwei Rheinländerinnen sich unterhielten. Da war wirklich alles dabei: Liebe, Eifersucht, Geld. Ein guter Autor hätte daraus sicher einen Dreiteiler fürs ZDF gemacht und einen Grimme-Preis abgeräumt, bei mir hat es nur für einen Eintrag bei Facebook gereicht. Der kam in dem kleinen Kreis der Leser aber sehr gut an, ich habe das dann noch zwei, drei Mal gemacht und mich dann für Twitter entschieden.

Warum?

Dörtoluk Twitter ist das einzige Medium, das dem Nutzer das Gefühl gibt, dass etwas jetzt passiert.

Haben Sie je bereut, sich auf 140 Zeichen beschränkt zu haben?

Dörtoluk Nein. Ich habe früher einen Auto-Blog geschrieben, für den ich mit ganz viel Herzblut fotografiert und bis zu acht Stunden an einem Artikel gefeilt habe. Am Ende haben das vielleicht 30 Leute gelesen. Twitter ist eine gute Übung, das Gehörte auf das Wesentliche zu beschränken. Okay, 200 Zeichen wären schon schön gewesen, aber 140 sind auch völlig okay. Wenn man das Wort "Alter" streicht, passt es meistens schon.

Welches ist Ihr Lieblings-Beitrag?

Dörtoluk Der Satz, der zum Titel des Buches geworden ist. Und der Satz "Es gibt keinen, der wo auf den Tisch haut und sagt, jetzt ist mal Schluss mit der Laktose-Intoleranz." Ansonsten kommen großartige Beiträge von Kindern zwischen zehn und zwölf.

Warum?

Dörtoluk Weil Kinder in diesem Alter mit dem Brustton der absoluten Überzeugung über Dinge reden, von denen sie absolut keine Ahnung haben. Ich habe mal einen Jungen in diesem Alter gehört, der über seine Fernbeziehung nach München geseufzt hat.

Wie hat sich Ihr Fahrverhalten verändert?

Dörtoluk Eigentlich gar nicht, denn "Rheinbahn_intim" basiert ja auf dem Prinzip der Freiwilligkeit. Ich stelle mich nicht hin und warte gezielt, die Geschichten kommen einfach zu mir. Das Reizvolle ist ja gerade, dass wir in einer Zeit leben, in er sich alle beschweren, dass es bei Facebook keine Privatsphäre gibt, aber viele in der Bahn sehr viel erzählen.

Setzen Sie sich denn gezielt hin oder gehen Sie Leuten auch mal nach, um eine Geschichte zu Ende zu hören?

Dörtoluk Das habe ich mir abgewöhnt. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass an der nächsten Ecke schon die nächste Geschichte wartet. Und dass ausgerechnet die, zu denen ich mich setze, garantiert an der nächsten Haltestelle aussteigen. Am schönsten ist doch auch nicht die Erklärung, sondern der Film, der im Kopf entsteht.

Quelle: RP
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