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Analyse
Die Altstadt sieben Jahre nach dem "Brandbrief"

Übersicht: Hier gibt es Videoüberwachung in Düsseldorf
Übersicht: Hier gibt es Videoüberwachung in Düsseldorf FOTO: Bußkamp, Thomas
Düsseldorf. Respektlosigkeit, hohe Aggressivität, nordafrikanische Gruppen, die auf Ärger aus sind - vor all dem warnte schon vor längerer Zeit die Polizei. Viel hat sich seitdem nicht geändert. Von Stefani Geilhausen

Für die Düsseldorfer Polizisten endete der Silvestereinsatz morgens um halb acht. Was hinter ihnen lag, fasste der Polizeibericht als "vergleichsweise unauffällig" zusammen. Doch schon die Aufzählung darunter würde in jedem anderen Viertel der Stadt eher als Ausnahmezustand bezeichnet werden: Körperverletzungen, Randale. Hoch aggressive und stark alkoholisierte Heranwachsende hatten dafür gesorgt, dass zwar die Zahl der Einsätze geringfügig unter der des Vorjahres geblieben war. Aber der Aufwand für diese Einsätze war noch einmal gestiegen.

Die durch die Eskalation in Köln angestoßene Debatte um die Sicherheit der Düsseldorfer Altstadt ist nicht neu. Im November 2008 schrieb ein Dienstgruppenleiter der Altstadtwache nach einem "Wochenende ohne besondere Vorkommnisse" seinem Chef einen mehrseitigen Brief. Darin war die Rede von "höchster Aggression und Gewaltbereitschaft", einem "auffällig hohen Anteil an Jugendlichen und Heranwachsenden größtenteils marokkanischer und türkischer Abstammung", der auf die Schließung eines Lokals "sehr schlecht gelaunt" reagiert habe.

Um die 100 Einsätze in den Wochenend-Nächten seien längst normal geworden, schrieb der erfahrene Polizist. Einsätze, bei denen seine Mitarbeiter beleidigt, bespuckt und angefasst würden. Einsätze, an denen man versuche, sie zu hindern, indem man sie mit Flaschen bewerfe, sie sogar mit dem Tod bedrohe. Immer wieder ging es dabei um nordafrikanische Gruppen, die in Stärken von bis zu 100 Personen in der Altstadt auftauchten, um sich mit der Polizei zu prügeln.

Der "Brandbrief" hatte Folgen: Das Polizeipräsidium präsentierte binnen weniger Tage ein Konzept "sichere Altstadt". Dazu gehörte vor allem die Aufstockung des Personals. Und an den Wochenenden Verstärkung der Altstadtpolizei durch Beamte der Hundertschaft. Man einigte sich darauf, verstärkt Platzverweise und Aufenthaltsverbote von bis zu drei Monaten auszusprechen. Ein Jahr später fiel die Sperrstunde, wegen der es häufig zu Problemen gekommen war, und auch das Glasflaschenverbot zu Karneval geht auf die Warnungen des Beamten zurück, der angesichts der sich immer schneller drehenden Gewaltspirale auch befürchtet hatte, die Polizei könne bei Einsätzen in der Altstadt bald auch einmal den Kürzeren ziehen.

Das ist natürlich nicht passiert. Obwohl es manchmal so aussah, denn in den Jahren danach kam es mehrfach nach Fußballspielen zu Ausschreitungen in bis dahin unbekanntem Ausmaß. Die Fußball-Einsätze aber sind bei der Polizei in der Regel Sondereinsätze mit besonderen Organisationsformen. Ein Altstadtwochenende dagegen gilt als normale Lage, die mit normalem Programm zu bewältigen ist.

Das ist - bis auf wenige Ausnahmen - so geblieben. Vielleicht auch deshalb hat es sich so eingeschliffen, dass die Behörde "unauffällig" oder normal nennt, was eigentlich das Gegenteil davon ist. Auch die Beamten selbst nennen es den "normalen Altstadt-Wahnsinn".

Natürlich war die Altstadt immer schon anders als ein Wohnquartier in, sagen wir: Pempelfort. Aber die Vehemenz des nicht Normalen steigert sich. Heute werden Polizisten im Einsatz nicht nur angegriffen, sondern dabei auch fürs Internet gefilmt. Rettungskräfte werden an Einsätzen gehindert. Und anscheinend suchen die Gewalttäter derzeit nicht mehr nur Polizeikontakt, sondern greifen gezielt Frauen an.

Unverändert (und unerfüllt) bleibt bloß die Forderung an die Justiz, das Strafgesetzbuch für solche Täter strikter anzuwenden.

Quelle: RP
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