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Düsseldorfer Geschichten
Die Bahn kommt – aus Düsseldorf

Düsseldorfer Geschichten: Die Bahn kommt – aus Düsseldorf
Erfinder Hans-Dieter Hoernig am Modelleisenbahn-Automaten im Düsseldorfer Hauptbahnhof. FOTO: Andreas Endermann
Düsseldorf. Die Modelleisenbahn-Automaten, die in vielen deutschen Bahnhöfen stehen, kommen alle aus der Landeshauptstadt. Vor mehr als 40 Jahren hat Hans-Dieter Hoernig dort den ersten Automaten gebaut und aufgestellt - eine europaweit bis heute einmalige Geshäftsidee. Von Christian Herrendorf

Der ältere Herr biegt in den Seitengang des Düsseldorfer Hauptbahnhofs ein und geht langsam zu der Glasvitrine. Davor bleibt er stehen. Guckt ein bisschen nach links, guckt ein bisschen nach rechts, greift in die Hosentasche, zieht weine Hand voll Münzen vor, nimmt ein Geldstück und wirft es in den Kasten an der Vitrine. Dann drückt er den weißen Knopf und der ICE rauscht los.

Modelleisenbahn-Automaten wie der in der NRW-Landeshauptstadt stehen an 29 Orten in Deutschland. Und sie alle stammen aus demselben Unternehmen. Diese Bahnzentrale ist im Hinterhof eines grauen Hauses im Stadtteil Friedrichstadt beheimatet. "Werner Ehret & Co. KG" steht auf einem kleinen Schild an der Tür, dahinter folgen braune Teppichfliesen, beige Tapeten. Die Sekretärin telefoniert. "Eine Diesel-, eine E-Lok? Ist gut. Der ICE ist noch in Ordnung? Schön", sagt sie.

In der Werkstatt von Dieter Borowski und Michael Hansen sieht es aus wie in einem Hobbykeller. In der Mitte steht die Platte mit der jüngsten Eisenbahn-Landschaft, drum herum liegen Sträucher, Bäume, Häuser, Autos, Sand, Straßen, roter Schotter, grauer Schotter – wie auf der Palette eines Malers. 14 Tage werden die beiden Servicetechniker arbeiten, bis sie die neue Platte vollendet haben – und das, obwohl sie Bauwerke, für die der Hersteller 60 Stunden ansetzt, in 18 Stunden fertigstellen.

"Geht nicht gibt's nicht", sagt der Chef nach dem ersten Rückschlag

Die Basis der Arbeiten, das Gleisbild, die Hügel und Tunnel haben sich in der Geschichte der Automaten nur einmal verändert: kurz nach der Erfindung. In den 60er Jahren waren Scalextric-Autorennbahnen beliebt. Hans-Dieter Hoernig sieht sie oft bei der Arbeit, weil er damals für die "Werner Ehret & Co. KG" in Bahnhöfen Süßigkeiten-Automaten aufstellt. Privat bevorzugt Hoernig Modelleisenbahnen, wann immer er kann, bastelt er in seinem Keller – ebenso wie ein befreundeter Ingenieur. Bei den Fachsimpeleien der beiden entsteht die Idee, Beruf und Hobby, Automaten und Modelleisenbahnen zusammenzubringen. Gute Kontakte zu den Bahnhöfen pflegt Hoernig ja schließlich schon.

Die beiden Eisenbahn-Fans fahren zur Nürnberger Spielwarenmesse. Sie sprechen mit den Vertretern der großen Hersteller, mit Märklin, Trix, Fleischmann – und hören immer dieselben Einwände: Die Bahnen sind nicht für den Dauerbetrieb gebaut, die Geschwindigkeiten lassen sich nicht vernünftig regeln, die Züge kollidieren irgendwann bestimmt, am Ende gibt es nur Ärger und einen Imageschaden für die Hersteller. Kurz: Geht nicht.

Hoernig fährt zurück nach Düsseldorf und berichtet seinem Chef. Die Reaktion von Werner Ehret umfasst nur fünf Worte: "Geht nicht gibt's nicht. Machen!"

Hoernig macht – zwei Fehler. Die erste Platte ist einen Meter tief und 1,20 Meter breit. Darauf setzt Hoernig Züge von Minitrix. Im Hauptbahnhof sorgt der weiße Kasten mit den kleinen Bahnen für viel Freude, in der Rheinischen Post steht der schöne Satz "Für ein paar Groschen können würdige Männer im Hauptbahnhof wieder zu Kindern werden". Doch schon bald stellt sich heraus, dass die Platte und die Züge zu klein sind. Wenn jemand gegen den Kasten stößt, erschüttert das die komplette Landschaft und die kleinen Bahnen springen allzu leicht aus dem Gleis.

Beim nächsten Versuch sieht die Sache schon anders aus. Hoernig steigt auf die größeren H0-Bahnen um und baut eine Platte von 1,60 mal 2,60 Meter, bis heute das Standard-Maß aller Platten für die Automaten. Dass die Groschen nun unaufhörlich in den Kasten klimpern und würdige Männer ebenso wie Kinder von ihm begeistert sind, spricht sich schnell herum. Die Bahnhofsvorsteher aus Hennef und Siegburg fragen an, auch die Verhandlungen mit Oberhausen, Duisburg, Mönchengladbach und Krefeld verlaufen kurz und erfolgreich.

Hoernig wird bald Geschäftsführer der "Werner Ehret & Co. KG" und verbreitet seine Idee in der Republik. Schließlich reicht sein Gebiet von Hamburg bis Nürnberg, nach 1990 auch bis Dresden und Leipzig: immer vier Züge, immer dieselben Strecken über Berge, Brücken und durch Tunnel, immer andere Städte und Landschaften dazwischen, denn jeder Automat ist ein Unikat.

Dass sich das Spielwaren-Geschäft seitdem mehrfach radikal verändert hat, ist in Hoernigs Bilanzen nicht zu lesen. Commodore 64 und Playstation3, Carrera und "Siedler von Catan" – sie alle haben nichts daran geändert, dass die Deutschen immer ein paar Groschen für den Modelleisenbahn-Automaten fanden. Die Zielgruppe blieben immer Modellbauer, Kinder und Ex-Kinder mit ihren Kindern.

Obwohl das Geschäft krisensicher ist, die Kundenzufriedenheit enorme Werte erreicht und die Idee zeitlos ist, blieb sie weit und breit einmalig. Die "Werner Ehret & Co. KG" hat vor vielen Jahren ein österreichisches Unternehmen beliefert, dass Ähnliches starten wollte, letztlich aber nicht am Markt blieb.

Der Satz "Geht nicht gibt's nicht" gilt bis heute. Die Düsseldorfer haben LED-Beleuchtung in ihren Modell-Städten eingeführt, Windräder auf die Berge gesetzt und einen Motor für ein Karussell gebaut, von dem der Hersteller sagte, es könne höchstens ein paar Wochen drehen. Mittlerweile läuft es seit zehn Jahren.

Was sich im Detail seit den Sechzigern getan hat, zeigt die Platte, an der Borowski und Hansen arbeiten. Da leuchten rote Flammen aus einem Mehrfamilienhaus, Blaulichter von Feuerwehr und Krankenwagen blinken, die Rotorblätter des gelben Hubschraubers rotieren, während zwei Sanitäter die Trage mit einem Verletzten heranschleppen. Am anderen Ende der Stadt drehen die großen Räder des rostigen Förderturms, das Fließband rattert Richtung Fabrik, dort landet die Kohle im Waggon. "Wir erzählen Geschichten mit unseren Platten", sagt Borowski. "Geplante, und solche, die nur Kinder entdecken, wenn sie vor dem Automaten stehen." Die Düsseldorfer bauen ihre Platten so niedrig wie möglich, damit es möglichst früh ein Bahn-Erlebnis auf Augenhöhe gibt.

Die neue Platte soll bald in einem Bahnhof im Ruhrgebiet stehen, aber das ist wie zuletzt immer eine Frage zäher Verhandlungen. Früher, als die Chefs der Bahnhöfe noch Vorsteher hießen, waren sie oft Modellbahn-Liebhaber und verpachteten der "Werner Ehret & Co. KG" gerne einen Platz für einen Automaten. Inzwischen heißen die Vorsteher Bahnhofsmanager und werden von ihren Vorgesetzten auch am Ertrag pro Quadratmeter gemessen. Der inzwischen 84-jährige Hoernig konkurriert nun mit Bäcker-Ständen, Fast-Food-Ketten und Drogeriemärkten. Wenn endlich ein Platz für den Automaten gefunden ist, beginnt der Kampf mit Fluchtweg-Vorschriften, Brandschutz-Verordnungen und den vielen, vielen jeweils Zuständigen.

Zumindest die südliche Expansion des Unternehmens scheint gesichert. Vor wenigen Jahren traf Hoernig bei einem Bahn-Empfang in Nürnberg den damaligen Ministerpräsidenten Günter Beckstein, offenbar auch ein Modellbaufan. Die beiden diskutieren eifrig, stellen dabei fest, dass in München noch kein Automat steht. Am Ende sagt Beckstein: "2018 – dann ist der Münchener Bahnhof so weit."

Die bereits platzierten Automaten sehen die Düsseldorfer viermal pro Jahr bei ihren Inspektionen. Sie prüfen die Kabel, Trafos, Geldeinwürfe unter den Platten und die Landschaften darauf. Ihre größten Feinde heißen Sonne und Staub. Wenn zu viel Staub auf Hügeln und Städten liegt, die Bäume und Autos ausbleichen, dann setzen Hoernigs Mitarbeiter eine neue Platte auf, nehmen die alte mit und beginnen in der heimischen Werkstatt mit der radikalen Form der Stadtplanung. Alles, was auf der Platte steht, kommt runter, dann blasen Borowski und Hansen Wiesen, Gleise, Berge frei und bauen eine neue Fantasie-Region. "So eine Platte wächst von innen nach außen", sagt Borowski. Oft steht zunächst ein Bahnhof, dann folgen die Häuser, die dazu passen, am Ende zimmern sie eine kleine Brücke über den Fluss am Stadtrand mit den Reihenhäusern oder platzieren dort einen Discounter.

Vandalismus-Schäden müssen die Eisenbahner in Friedrichstadt nur sehr selten beseitigen, spätestens seit diesem Fußballspiel in Chemnitz wissen sie das. Der Automat im dortigen Hauptbahnhof ist gerade erst aufgebaut worden, Hoernig ruft deshalb den Bahnhofsmanager mal an, um zu fragen, ob alles in Ordnung ist. "Ich glaube nicht, dass er das Wochenende übersteht", sagt der Manager. Der Erzrivale des Chemnitzer Fußballclubs wird am Wochenende erwartet und mit ihm seine berüchtigten Fans. Am Montag telefonieren die beiden wieder. "Ich weiß nicht, wie das passieren konnte, aber dem Automaten ist nichts passiert", berichtet der Chemnitzer. Der Anblick der heilen Welt hat offenbar die Gemüter beruhigt.

"Der Weg ist das Ziel", rät der Experte den Hobbybastlern

Wenn sich ein normaler Nutzer am Automaten ärgert, hilft ihm der Aufkleber an der Glasscheibe mit der Telefonnummer der Düsseldorfer. Ein Geldstück ist nicht durchgerutscht, der Zug nicht gestartet. "Die Leute kriegen dann selbstverständlich ihr Geld wieder. Uns liegt nichts daran, für eine Leistung zu kassieren, die wir nicht erbracht haben", sagt der Firmenchef. Die übrigen Anrufer bieten ein Tausch für ein seltenes Modellauto an oder fragen nach Tricks beim Bauen. "Zeit lassen", sagt Borowski dann immer. Und: "Der Weg ist das Ziel." Der Weg heißt kleben, trocknen lassen, malen, trocknen lassen, wieder kleben und trocknen lassen.

Der ältere Herr im Düsseldorfer Hauptbahnhof steht nicht mehr alleine an der Vitrine. Eine Klasse von Grundschülern hat den Automaten umzingelt. Die Kinder wollen die schwarze Dampflok rollen sehen. Der Herr wirft 50 Cent in den Kasten, drückt den weißen Knopf und verlässt seinen Posten als Zugchef durch den Seitenausgang.

Quelle: RP
 
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