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Analyse
Die Festung der Hochkultur

Analyse: Die Festung der Hochkultur
Während die Gäste auf den Einlass zur Eröffnung im Jahr 1970 warteten, demonstrierten wütende Gegner des Baus. FOTO: Ulrich Horn
Düsseldorf. Das Schauspielhaus ist eine Ikone der Architektur. Allerdings hat es einen fatalen Geburtsfehler. Jetzt würde sich die Chance bieten, ihn endlich zu korrigieren - falls dafür das Geld zusammenkommt. Von Arne Lieb

Als 1965 der Grundstein für das Schauspielhaus gelegt wird, feiern die Düsseldorfer. Als es fünf Jahre später eröffnet wird, feiern viele nicht mehr mit. Im Innern erleben geladene Gäste am 17. Mai 1970 die Premiere von "Dantons Tod", draußen muss die Polizei wütende Demonstranten zurückhalten, die einen Abriss fordern. Denn nicht nur, dass die Baukosten explodiert sind. Die Demonstranten, darunter viele Studenten, lehnen den Bau ab. Sie empfinden ihn als Ausdruck eines elitären Kulturverständnisses, als Kulturtempel, in dem die Spitzen der Gesellschaft lieber unter sich bleiben wollen. "Werft das Thyssen-Haus auf das Schauspielhaus", skandiert die Menge, am Ende gibt es etliche Festnahmen.

In den vergangenen Wochen war das Schauspielhaus wieder der Gegenstand einer erbitterten Debatte. Diesmal stemmten sich viele Bürger gegen einen Abriss und Neubau des Baus, den Oberbürgermeister Thomas Geisel angedacht hatte - was er später als hypothetische Überlegung zurückzog. Vor allem aber hatte Geisel laut über einen Auszug des Schauspiels und einen Verkauf des Gebäudes nachgedacht. Plötzlich stand im Raum, dass das Theater zum Kongresszentrum wird - für viele Düsseldorfer undenkbar.

Der Umzug ist vom Tisch: Der Stadtrat hat überparteilich klargemacht, dass das Schauspiel dort bleiben soll, wo es ist. Die Politik hat auch in Aussicht gestellt, dass zügig die rostige Fassade saniert wird, so dass das Theater in neuem Glanz erstrahlt, wenn es 2020 seinen 50. Geburtstag feiert und das benachbarte Ingenhoven-Tal fertig ist. Die Finanzierung ist aber noch offen.

Wenn sich heute die wichtigsten Beteiligten im Central zu einer Diskussion treffen, gibt es auch noch einen weiteren Grund, erneut über das Schauspielhaus zu sprechen. Denn bislang ist nur eine Basis-Sanierung geplant. Dabei würde sich jetzt eine einmalige Chance bieten, endlich die folgenreichen Geburtsfehler zu korrigieren, unter denen das Theater und sein Umfeld immer gelitten haben.

Natürlich: Das Schauspielhaus ist so, wie es ist, eine Ikone der Architektur, ein herausragendes Gebäude, das Düsseldorfs Gesicht prägt. Der Architekt Bernhard Pfau hat eine elegante, geschwungene Gebäude-Skulptur geschaffen, die so flüssig und organisch wirkt, als sei sie nicht aus Beton und Blech entworfen. Pfau hat darüber hinaus ein geschicktes Gegenstück zum benachbarten Dreischeibenhaus gestaltet, dessen senkrechte Dreiteilung er in der Waagerechten aufnimmt. Und dann erst das Foyer: ein futuristischer Traum aus Beton und Marmor, der aussieht wie direkt aus einem Science-Fiction-Klassiker.

Der Architekt und die Menschen, die an seinem Entwurf herumgefuhrwerkt haben, haben aber eine fatale Fehlentscheidung getroffen: Pfau hatte den Eingang des Theaters nicht zur Schadowstraße legen wollen, sondern in den Hofgarten an der Hinterseite - als sollte der Bau nichts mit dem Einkaufstrubel zu tun haben. Am Ende intervenierte ein Dezernent. Aber anstatt den Bau umzudrehen, wurde ein Kompromiss verwirklicht: Das Gebäude öffnet sich weiterhin mit seinem Foyer zum Park. An der Seite zur Innenstadt blieb die geschlossene Front, an die einfach ein Kassenhäuschen ergänzt wurde. Ausgerechnet zu der Seite, von der es die meisten Menschen wahrnehmen, wirkt das Theater also wirklich wie eine Festung.

Darüber hinaus beschlossen die Planer, vor dem Gebäude einen kahlen Platz zu lassen. Diese beiden Fehlentscheidungen stellten Generationen von Düsseldorfern vor Rätsel: Mit diesem Platz war einfach nichts anzufangen, egal, wie man sich abmühte. Mal gab es einen Architektur-Wettbewerb, dessen Entwürfe nie umgesetzt wurden. Dann wurde ein Wochenmarkt installiert, der nicht lief. Zeitweise gab es eine Skater-Anlage, dazwischen immer wieder die Debatte: Was machen wir bloß mit diesem Un-Ort, über den so fies der Wind pfeift, der vom Dreischeibenhaus abprallt?

Unter diesen Vorzeichen lohnt es sich, noch mal die Ideen anzuschauen, die Theaterintendant Wilfried Schulz und der Architekt Christoph Ingenhoven entwickelt haben. Schulz hat angekündigt, das kriselnde Schauspielhaus wieder zu einer Institution in der Mitte der Stadtgesellschaft machen zu wollen - und stört sich nicht durch Zufall an der Architektur seiner Hauptspielstätte. Der Intendant will das Gebäude zum Gründgens-Platz öffnen, etwa mit einer Glasfassade, die dem Bau ein offenes Antlitz geben würde.

In der Politik ist das Vorhaben als Extra-Wunsch vorerst gestorben, was man den Politikern mit Blick auf die klamme Stadtkasse nicht vorwerfen kann. Dennoch: Der Intendant verweist nicht zu Unrecht darauf, dass sich jetzt eine historische Chance bietet. Da nebenan das ebenfalls von Ingenhoven entworfene Kaufhaus entsteht, ist das Schauspielhaus ohnehin auf Jahre gesperrt. Dazu kommt, dass im Zuge des Kö-Bogen-II-Projekts auch der Gründgens-Platz neu gestaltet wird.

Dieser Umbau könnte sogar wirklich ein Projekt werden, das Bürger durch Spenden unterstützen, wie man im Stadtrat überlegt. Dass das Schauspiel vielen Menschen am Herzen liegt, hat die Debatte deutlich gezeigt. Der Stadtrat sollte aber auch noch mal darüber nachdenken, ob sich nicht auch in der Stadtkasse noch Geld für diese Investition findet: Die Idee, dass aus der Hochkultur-Festung ein einladendes, bürgernahes Gebäude wird, ist zu schön, um sie einfach zu verwerfen - und würde vielleicht sogar manchen der Demonstranten von 1970 versöhnen.

Quelle: RP
 
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