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Kolumne die Woche im Rathaus
Die Gnade des Vergessens

Düsseldorf. Begeistert eröffnet Oberbürgermeister Thomas Geisel Wehrhahn-Linie und Kö-Bogen-Tunnel. Im Wahlkampf hatte er zu den Großprojekten noch eine ganz andere Haltung. Von Denisa Richters

Glücklich und auch ein wenig stolz schien Thomas Geisel, als er mit Prominenz aus Bund und Land an einer Schnur zerrte, um symbolisch die erste Bahn für die Wehrhahn-Linie zu enthüllen. Die Freude war berechtigt: Denn welcher Rathaus-Chef kann schon ein U-Bahn-Projekt eröffnen, das nicht nur relativ glatt abgewickelt wurde, sondern auch noch internationale Schlagzeilen bringt. Einige Monate zuvor ein ähnlich seliges Strahlen, als der letzte Tunnel des Projekts Kö-Bogen in Betrieb ging. Ja, so Geisels nonverbale Botschaft, in dieser Stadt geht es voran. Korrekt.

Aber war da nicht etwas? Fast vergessen? Vor zwei, drei Jahren hat Geisel das nämlich noch ganz anders gesehen. Teure Prestigeprojekte, wetterte der Sozialdemokrat im Oberbürgermeister-Wahlkampf gegen das schwarz-gelb regierte Rathaus, und nannte konkret Wehrhahn-Linie und Kö-Bogen. Dorthin, in die Innenstadt, fließe das Geld, weshalb bei Schulen, Schwimmbädern und in anderen Stadtteilen nichts vorangehe. Was ihn übrigens nicht daran hinderte, 2013 als VIP zur Eröffnung des Stuttgarter Edel-Textilhauses Breuninger im Kö-Bogen zu gehen. Wegen Erinnerungen an seine Jugendzeit in der schwäbischen Heimat, erklärte Geisel. Oder war ihm schon damals bewusst, dass das Großprojekt doch nicht so verkehrt sein könnte für die Entwicklung Düsseldorfs?

Also drübergewischt mit dem Schwamm des Vergessens! Einsicht ist schließlich eine Frage der Perspektive. Und wer im Rathaus sitzt, merkt, wie wichtig das Image ist, das eine Stadt ausstrahlt. Wo investiert wird, wo moderne Architektur und Infrastruktur entstehen, da ist Dynamik. Das passt zur Siegerpose der Tour de France, die 2017 in Düsseldorf startet. Geisels Prestigeprojekt. Die Schulen und Schwimmbäder verspricht er trotzdem nicht zu vergessen - und wenn die Stadt dafür neue Schulden aufnehmen muss.

Quelle: RP
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