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Dirk Fischer
"Die Händler folgten den Soldaten"

Düsseldorf. Im ehemaligen Römerkastell Haus Bürgel lässt sich manches auch über das Wirtschaftsleben der alten Römer erfahren.

Sie sprechen am 25. April in Haus Bürgel über den "Wandel der römischen Wirtschaft von den Punischen Kriegen bis zur Spätantike". Was hat sich in diesen 600, 700 Jahren gewandelt?

Fischer Im Grunde sehen wir in allen Bereichen, also Landwirtschaft, Gewerbe, Handel und Finanzen zuerst eine Entwicklung von einer Selbstversorgungswirtschaft, in der kaum getauscht wird, hin zu einer sehr arbeitsteiligen, politisch kaum regulierten Verkehrs- und Geldwirtschaft auf erstaunlich hohem Niveau - zumindest bei ihrer Blüte in der römischen Kaiserzeit. Dieser Aufschwung wirkt sich aber auch auf die angrenzenden Völker aus, allen voran die Germanen. Die sozialen Verwerfungen lassen hier neuartige Großstämme entstehen, die Rom unter Druck setzen. Das Ergebnis kennen wir unter dem Begriff der Völkerwanderung.

Vor Haus Bürgel haben wir ja diesen wundervollen Garten mit den Kulturpflanzen von der Antike bis heute. Über welche Entfernungen wurden im Alten Rom landwirtschaftliche Produkte gehandelt?

Fischer Mit der Marktorientierung der Landwirtschaft wuchs auch die Spezialisierung und damit die interregionale Arbeitsteilung im Römischen Reich. So wurde der Getreidebedarf für die Stadt Rom vor allem aus Ägypten und Nordafrika gedeckt. Gerade in der Kaiserzeit traten die Provinzen zunehmend mit ihren Spezialitäten auf den Markt, so zum Beispiel Gallien mit Wein oder Leder aus Germanien. Die Handelsbeziehungen verliefen bis nach Indien. Das Ganze ging im späten Kaiserreich wieder zurück.

Was verraten uns Münzen wie der Bürgeler Fund von 1996 über die römische Wirtschaft?

Fischer Zunächst müssen wir bedenken, dass die Geschichte des Kastells gegen Ende des Römischen Reiches verläuft und es wahrscheinlich in den Wirren der Völkerwanderung untergegangen ist. Aus dieser Zeit gegen Ende des 4. Jahrhunderts stammt auch der Münzfund. Das zeigt zum einen, dass es auch in dieser Spätzeit noch eine intakte Geldwirtschaft gegeben hat. Ältere Forschungen gingen noch vom Übergang zur Natural-Tauschwirtschaft aus. Es zeigt zum anderen, dass Geld im Römischen Reich nicht nur in einer schmalen Oberschicht verbreitet war, die wohl kaum im Bürgeler Kastell gelebt hat. Die Tatsache, dass die Münzen - übrigens auch zur damaligen Zeit kein sensationeller Betrag - vergraben wurden, bestätigt die unruhigen Zeiten zum Ende des vierten Jahrhunderts.

Welche Bedeutung hatte der Rhein für den Handel?

Fischer Trotz gutem Straßennetz waren Flüsse immer noch die wirtschaftlicheren Transportwege. Zudem war der Rhein spätestens ab 9 n. Chr. die Grenze, an der der Bedarf der dort stationierten Legionäre gedeckt werden musste. Diese Grenze nach Germanien darf man sich aber nicht zu hermetisch geschlossen vorstellen, sondern eher als Kontaktzone - auch für wirtschaftlichen Austausch.

Wie wichtig war das Straßennetz, an das das Bürgeler Kastell angebunden war?

Fischer Wie so oft im Römischen Reich kam erst das Militär und dann die Wirtschaft. Der Kaufmann folgte dem Soldaten gewissermaßen auf dem Fuße. Das Straßennetz wurde ja nicht für die Wirtschaft, sondern hauptsächlich für die Legionen angelegt. Für den Handel war das natürlich vorteilhaft, auch wenn der Wasserweg bedeutender war. Beide Transportwege zusammen schaffen neben einer funktionierenden Geldwirtschaft aber erst die Voraussetzung für eine regionale Arbeitsteilung.

Man nennt die Geschichte auch einen "fernen Spiegel" für uns und unsere eigene Gegenwart. Was lehrt uns die römische Wirtschaft?

Fischer Man muss mit Analogien natürlich vorsichtig sein, Geschichte wiederholt sich nämlich nicht einfach so. Aber die römische Wirtschaftsgeschichte lehrt uns, die Wechselwirkungen zwischen Wirtschaft, Gesellschaft und Politik zu beachten und dabei nicht ob des Erreichten träge zu werden. Andere Nationen haben dafür ihre eigenen Lösungen und sind erfolgreich.

THOMAS GUTMANN STELLTE DIE FRAGEN

Quelle: RP
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