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Udo Siepmann im Interview
"Die Kunden müssen durchatmen können"

Udo Siepmann im Interview: "Die Kunden müssen durchatmen können"
IHK-Hauptgeschäftsführer Udo Siepmann. 35 Jahre lang arbeitete der promovierte Volkswirt bei der Industrie- und Handelskammer. FOTO: Hans-Jürgen Bauer
Düsseldorf. Der Hauptgeschäftsführer der IHK Düsseldorf geht nach 17 Jahren an der Spitze der Kammer in Rente. Ein Rück- und Ausblick.

Herr Siepmann, diese Woche nehmen Sie Abschied von der Industrie- und Handelskammer, dessen Hauptgeschäftsführer Sie zwei Jahrzehnte waren. Welche Gefühle haben Sie jetzt?

Siepmann Durchaus gemischte, der Abschied fällt mir nicht leicht. Es sind doch viele Menschen, die mich seit Jahren begleiten, bald nicht mehr Teil meines Alltags. Aber rückblickend muss ich sagen: In diesen 17 Jahren ist nichts Wichtiges schiefgegangen.

Was war der markanteste Wendepunkt in Ihrer Amtszeit?

Siepmann Der fällt wohl in die Ära Elbers. Vorher standen Handel und Dienstleistungen in Düsseldorf ganz klar im Fokus. Elbers wagte - nach Gesprächen mit der Wirtschaft - den Wandel und zeigte auf, dass man sich intensiv um die Industrie kümmern muss. Das bleibt auch eine wichtige Aufgabe für seinen Nachfolger. Düsseldorf braucht Flächen für Industrie und den Hafen in Reisholz. Und auch der Flughafen braucht weiterhin Rückendeckung aus dem Rathaus.

Und wenn man noch weiter zurückblickt...

Siepmann In meinen Anfangsjahren bei der Kammer zwischen 1980 und 1984 erlebte Düsseldorf und der Kreis Mettmann einen tiefgreifenden Strukturwandel. Im Rückblick war der viel gewaltiger als die Krise 2009. Denn das war ein konjunktureller Einbruch, der mit Kurzarbeit und anderen Maßnahmen erstaunlich gut aufgefangen werden konnte. Die erste Hälfte der 80er Jahre dagegen war ein struktureller Aderlass. Viele Maschinenbauer, viele Mittelständler aus der Industrie sind damals von der Bildfläche verschwunden.

Aber heute gibt es in Düsseldorf eine Rekordbeschäftigung. Wo sind die Jobs hergekommen?

Siepmann Wir stehen wieder gut da. Anders als das Ruhrgebiet haben wir es weitgehend ohne Subventionen und Hilfe aus der Politik geschafft. Wir haben hier in Düsseldorf eine extraordinäre Situation. Wenn man die Region als dreidimensionale Wohlstandskarte darstellt, dann sind wir in Düsseldorf im Hochgebirge, in jede Richtung flacht es dann ab bis zur Ebene. Düsseldorf ist unverändert ein gefragtes Ziel. Das liegt auch am internationalen Flughafen, der hat unbestritten eine Katalysatorwirkung. Gleiches gilt für die Lage am Rhein. Der ist der leistungsstärkste Weg zu den wichtigen Häfen in Belgien und den Niederlanden. Das hat man in Berlin im Seehafenkonzept noch nicht richtig verstanden. Für uns sind die deutschen Häfen wie Hamburg, Bremen oder Wilhelmshaven weit weniger wichtig als etwa Rotterdam und Antwerpen. Dafür brauchen wir eine noch wirksamere Lobbyarbeit auf Bundesebene. Ohne gute Rheinanbindung gäbe es hier Firmen wie den Kranbauer Terex nicht.

Wird das Internet die nächste Krise für die in Ihrer Kammer organisierten Händler bringen?

Siepmann Das ist auf jeden Fall eine riesige Herausforderung, selbst bei erklärungsbedürftigen Produkten. Denn die Kunden holen sich die Erklärung im stationären Fachhandel und kaufen dann oft im Internet. Selbst Schuhe können ja heute problemlos über das Internet vertrieben werden.

Wie müssen die Händler auf die Internet-Konkurrenz reagieren?

Siepmann Gute Chancen haben Händler, die eine Kombination aus stationärem, klassischen Handel und Internet hinbekommen. Ein Beispiel sind etwa Emmas Enkel. Im Umkehrschluss kann der Online-Handel die Reichweite eines Einzelhändlers enorm verlängern.

Wo liegen die Gefahren?

Siepmann Es gibt digitale Geschäftsmodelle, die ganze Branchen gefährden könnten. Denken Sie an die Fintech-Unternehmen. Da entstehen Firmen, die mit kleinen Mitteln wichtige Dienstleistungen von Banken ersetzen können. Die Fintechs wurden lange nicht ernst genommen. Wenn der digitale Wandel gut läuft, dann entstehen in Düsseldorf Online-Unternehmen, die auch viele Beschäftigte haben, wie etwa das Hotelbuchungsportal Trivago. Die haben binnen kürzester Zeit 800 Jobs neu geschaffen.

Manche digitale Unternehmen scheitern. Der Fahrdienstleister Uber hat sich etwa aus Düsseldorf zurückgezogen. Wie stehen Sie dazu?

Siepmann Es müssen für alle Marktteilnehmer die gleichen Spielregeln gelten. Das war auf dem Taximarkt der Stadt nicht der Fall. Die Taxi-Unternehmer haben hohe Auflagen an die Personenbeförderung, starre Preise, teure Versicherungen. Uber trat dort als "unfairer" Wettbewerber auf.

Hauptsorge der Händler ist die hohe Anzahl an Baustellen gewesen. Wie geht es weiter?

Siepmann Die Baustellen hemmen den Verkehrsfluss, keine Frage. Ein zunehmendes Problem sind aber auch die vielen Paketfahrzeuge, die die Stadt zu Stoßzeiten blockieren. Da brauchen wir in Düsseldorf eine bessere City-Logistik, wir müssen Wege finden, Verkehre zu bündeln. Wenn Straßen durch Paketautos verstopft sind und dann auch noch der Öffentliche Personennahverkehr Vorrang erhält, droht dem Individualverkehr das Chaos. Nach etlichen Jahren der Baustellen müssen wir den Kunden wieder ein Gefühl von Normalität geben. Die Händler müssen durchatmen können. Die Kunden aus dem Umland kommen immer noch weit überwiegend mit dem Auto. Alles, was den Verkehrsfluss stört, ist für den Handel hinderlich.

Ein Lieblingswort in Politik und Presse ist der Fachkräftemangel. Gibt es den in Düsseldorf überhaupt?

Siepmann Der Fachkräftemangel trifft Düsseldorf entschärft. Den haben wir durch Zuwanderung im Griff. Ich meine jetzt nicht die Flüchtlinge, sondern den übrigen seit Jahren anhaltenden Zuzug. Düsseldorf hat seine Szene, die jungen Menschen gefällt. Das ist eine Stadt zum Wohlfühlen. Prognosen zufolge haben wir in einigen Jahren angeblich 660.000 Einwohner. Wir müssen daher regionaler planen.

Soll das heißen, wir sollen Nachbarstädte eingemeinden?

Siepmann Nein. Düsseldorf wurde bei der Kommunalreform verglichen mit Köln sehr eng zugeschnitten. Stadtgrenzen sind jedoch regionalwirtschaftlich von sekundärer Bedeutung. Wir müssen daher beim Flächenmanagement mit den Nachbarkommunen eng zusammenarbeiten.

Wie kann Düsseldorf besser vermarktet werden?

Siepmann Die Frage muss lauten: Wie bekommen wir Unternehmen, Arbeitskräfte und Events in die Region? Interessant sind bei den Events neue Messe-Themen, Kunstausstellungen, vielleicht auch an mehreren Standorten entlang des Rheins.

Sie meinen Expo und Olympia? Die Gesolei brachte Düsseldorf ja Rheinterrasse, Tonhalle und Ehrenhof.

Siepmann Nein, ich halte nicht viel von solchen Events. Das ist eine Nummer zu groß.

Sie wollen die Stadt besser vermarkten. Warum hat sich die Industrie- und Handelskammer von Oberbürgermeister Thomas Geisel so sang- und klanglos aus der städtischen Marketingagentur DMT drängen lassen?

Siepmann Durch die einseitige Kapitalerhöhung seitens der Stadt in der Vergangenheit war unser Anteil ohnehin stark verwässert. Außerdem beschränkte sich der Gesellschafterstatus am Ende vor allem darauf, über die Gestaltung von Weihnachtsmärkten zu debattieren. Das ist nicht unser strategischer Auftrag. Wir werden sehen, wie weit es dem neuen Management gelingt, unabhängig von der Politik zusätzliche Gestaltungsspielräume zu erhalten.

Wie beurteilen Sie Geisels Finanzpolitik?

Siepmann Es ist bedenklich, dass die Stadt immer wieder in die Rücklagen greifen muss, um die Daseinsvorsorge zu sichern. Und das bei unserem sehr hohen Einnahme-Niveau. Die Schuldenfreiheit ist eine sehr einfache und daher sehr gute Regel. Sie nimmt den Firmen die Sorge vor einer Gewerbesteuererhöhung. Und sie sorgt für Disziplin bei den städtischen Ausgaben.

Was werden Sie jetzt mit Ihrer vielen Freizeit tun?

Siepmann Zunächst bleibe ich weiterhin als sachkundiger Bürger im Regionalrat. Privat werde ich mich stärker meinem Hobby, der Astronomie, widmen.

THORSTEN BREITKOPF UND UWE-JENS RUHNAU FÜHRTEN DAS GESPRÄCH.

Quelle: RP
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