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Kolumne Auf Ein Wort
Die Lehren der deutschen Einheit

Düsseldorf. Ich liebe staatliche Feiertage - wie jetzt den Tag der Deutschen Einheit. Da muss ich keine großen Gottesdienste halten, keine Feierlichkeiten vorbereiten, nicht predigen. Nicht, dass ich das nicht alles gerne täte. Und ich liebe auch Ostern, Weihnachten, Fronleichnam und Apollinaris. Aber so ein Feiertag hat auch mal was.

Den Tag der Deutschen Einheit habe ich in diesem Jahr richtig genossen. Und weil ich Zeit hatte, habe ich mir einen Bildband angeschaut von 1990, als Deutschland wieder ein Land wurde, und habe mich erinnert an die vielen Menschen im Garten der deutschen Botschaft in Prag, an die Pressekonferenz mit der Vermeldung des neuen Reiserechts in der DDR, an die Menschen auf der Berliner Mauer, die Einheitsfeier am Brandenburger Tor. Aber auch an die Jahre davor, wo ich oft als Student Kollegen des Erfurter Priesterseminars in Ostberlin getroffen und ihnen heimlich - so dachte ich jedenfalls - theologische Bücher in den Osten geschmuggelt habe. Jedes Mal dieses mulmige Gefühl und die Angst, entdeckt und aus der Reihe herausgerufen zu werden.

Gut, dass das alles vorbei ist. Gut, dass wir heute in Frieden und Freiheit leben können, in einem vereinten Deutschland. Ich bin dankbar all den Politikern, die damals die Gunst der Stunde erkannten und die richtige Entscheidung trafen, in Deutschland, in Europa, in Washington und Moskau - und auch den Vatikan darf man nicht vergessen. Aber ich bin auch betrübt, wie schnell die Geschichte vergessen zu sein scheint. Wie neue Grenzen und Zäune aufgerichtet werden, innerlich wie äußerlich. Wie Menschen sich abschotten. Ich bin beunruhigt über die Verrohung des Umgangs der Menschen miteinander. Dass Politiker niedergeschrien, demokratische Rechte missbraucht werden, Respekt verschwindet. Ich nehme einen Verlust menschlicher Werte in unserer Gesellschaft wahr. Einen Verlust des Verständnisses für das, was sich gehört und was sich nicht gehört. Anstand nannte man das früher. Ohne Werte verrohen die Sitten. Ich glaube, dass wir Christen hier in unserem Land eine besondere Verantwortung tragen. Zunächst einmal, da nicht mitzumachen; dann den Gegenentwurf zu leben in der Haltung von Wertschätzung und Respekt, Annahme und Versöhnung, Liebe und Barmherzigkeit.

Natürlich habe ich an diesem staatlichen Feiertag auch Gottesdienst gefeiert. Und da begegnete mir das wunderbare Wort des Propheten Sacharja: "In jenen Tagen werden zehn Männer aus Völkern aller Sprachen einen Mann aus Juda an seinem Gewand fassen, ihn festhalten und sagen: Wir wollen mit euch gehen; denn wir haben gehört: Gott ist mit euch" (Sach 8, 23). Wie wunderbar wäre es, wenn sich dieses Gerücht von uns Christen verbreiten würde, dass Gott mit uns ist. Wie wunderbar wäre es, wenn Leute uns festhielten, um mit uns zu gehen. Wie wunderbar wäre es, wenn die Sehnsucht vieler in unserem Land nach Gott lebendig würde und wenn dann in unserem Land Friede in Freiheit, Gerechtigkeit und Solidarität, Auseinandersetzung und Respekt voreinander unser Leben bestimmen würden.

Ich halte das nicht für eine Utopie, weil Gott für mich keine Utopie ist.

Quelle: RP
 
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