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Heimat erleben in Düsseldorf
Die letzte Mühle ihrer Art

Heimat erleben in Düsseldorf: Die letzte Mühle ihrer Art
Die Kinder der Müllersknechte - hier ein Foto vermutlich um 1930 - erfrischten sich gerne in der Düssel, die an der Mühle vorbeifließt. FOTO: Derendorfer Jonges
Düsseldorf. Mühlenromantik können Düsseldorfer nur noch im Park an der Mulvanystraße erleben. Allerdings immer nur für eine kurze Zeit: Denn direkt neben der Buscher Mühle donnern Schnellzüge vorbei und stören so das Bild der alten Heimat. Von Semiha Ünlü

Im Park an der Mulvanystraße scheint die Idylle perfekt: Enten lassen sich in der Düssel treiben, in den Bäumen, die den Parkweg säumen, rascheln leise die Blätter. Nur ab und zu ist ein Spaziergänger mit seinem Hund zu sehen. Vor einem weiß getünchten Haus liegen mehrere Mahlsteine, an dem Gebäude prangt ein Schild mit der Jahreszahl 1316 und der Inschrift, dass die alte Buscher Mühle einst zum Buscher Hof gehörte, dessen Pächter Johannes de Buscho war. Doch bevor Manfred Hebenstreit von den Derendorfer Jonges über die Mahlkonstruktion erzählen kann - die letzte ihrer Art in ganz Düsseldorf - muss erst der Schnellzug vorbeidonnern. Jeder Versuch eines stimmlichen Aufbäumens ist vergebens, weiß Hebenstreit aus Erfahrung. Doch dann herrscht wieder Stille, und der Maschinenbauingenieur und passionierte Historiker im Ruhestand kann erzählen von der Wassermühle und sie vor allem auch zeigen: Denn von Außen ist sie als solche kaum zu erkennen. Man muss hineinschauen durch die Gitter, um zumindest das Wasserrad zu sehen.

Die Idylle im Park an der Mulvanystraße täuscht: Alle paar Minuten brettern Schnellzüge an der Wassermühle vorbei, Manfred Hebenstreit (Derendorfer Jonges) muss seine Führungen deswegen oft unterbrechen. FOTO: Andreas Endermann

Hebenstreit dreht am imposanten Wasserrad - "mit einem Durchmesser von 7,60 Meter ist es eines der größten am ganzen Niederrhein!" - und die Holzkonstruktion setzt sich langsam in Gang. Bis Herbst 1944, als die Mühle bei einem Fliegerangriff in großen Teilen zerstört wurde, ist dort Korn gemahlen worden: Das Pferdefuhrwerk wurde reingeführt, wo heute der Besuchereingang ist. Mit einem Flaschenzug wurden die mit Korn gefüllten Säcke in den ersten Stock gehievt, dort vom Müller in die Schütte gefüllt. Mit dem Antrieb durch die vorbeifließende Düssel wurde das Wasserrad in Gang gesetzt, dann mit Wellen und Zahnrädern die Schleifsteine und damit der gesamte Mahlprozess.

"Theoretisch funktioniert die unter Denkmalschutz stehende Konstruktion noch. Diese alte Technik fasziniert mich!", sagt der Ingenieur. Doch Korn mahlen - das wolle man heute gar nicht mehr, sagt das Vorstandsmitglied der Derendorfer Jonges, der Gruppen auf Wunsch durch das Gebäude führt. Würde man es versuchen, würde es in der Mühle wie nach einem Mehltornado aussehen. Das Häuschen, in dem die alte Wassermühle untergebracht ist, ist erst in den 1950er Jahren mit Hilfe des Heimatvereins entstanden, der sich für den Wiederaufbau und damit für die Renaissance des Bauwerks stark machte. Ursprünglich war die "alte Dame", die 1790 erstmals in einer Urkunde erwähnt wird, rundum offen. Mitarbeiter des Gartenamts, dem die Mühle gehört, nutzten sie als Geräteschuppen für die Parkpflege. "Da standen Rasenmäher drin und Harken", sagt Hebenstreit und schüttelt den Kopf.

1992 hat der Verein mit der Stadt einen Nutzungsvertrag über die alte Wassermühle abgeschlossen. Inzwischen halten sie dort viele ihrer Versammlungen und Feiern ab und stellen sie Düsseldorfern bei Führungen vor. Auch andere Vereine können sie für soziale oder kulturelle Belange nutzen. Es gibt eine Bar, eine Küche, Sanitäranlagen und Heiztechnik. Letztere ärgert Hebenstreit: "Wie kann man einen Riesen-Heizkörper vor ein so schönes Mahlwerk stellen."

Seit ihrer Gründung 1956 haben die Jonges in die Mühle, die nach heutigen Grenzen inzwischen in Düsseltal liegt, viel ehrenamtliches Engagement und auch Spendensummen in sechsstelliger Höhe investiert. Hebenstreit: "Sich an die alte Technik und das Gebäude zu erinnern: Das ist doch Heimatgefühl!" An der ganzen Düssel gebe es keine andere Mühle mehr. Andernorts würde man sich auch langsam an die "alten Damen" erinnern, die das Land einst überzogen, und sie herrichten: "Es gibt eine regelrechte Renaissance." Doch die Arbeit sei oft schwer: Viele Mühlen sind im Krieg in großen Teilen zerstört worden oder dem Mühlensterben - der Ablösung durch Dampfmaschinen- zum Opfer gefallen: "Die Eigentümer bekamen vom Staat Prämien für die Stilllegung, deshalb sind dann viele Mühlen verfallen."

Bereits in einer Mühlenzeitschrift von 1913 beklagt ein Mann: "Es schwindet die Romantik immer mehr, die Gegend wird kahl." Doch in Düsseldorf gibt es sie noch. Im Park an der Mulvanystraße, dort, wo die Enten in der Düssel treiben, in den Bäumen die Blätter rascheln. Und wenn gerade kein ICE vorbeidonnert, ist das Bild von der alten Heimat perfekt.

Quelle: RP
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