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Kolumne Die Woche In Düsseldorf (und Drumherum)
Die schlimm-schöne Heimreise

Düsseldorf. Als der Flug von Rom nach Düsseldorf zur Odyssee wird, passiert etwas Seltsames: Die Passagiere machen die Not zur Tugend - und plaudern.

Dies könnte die Geschichte von großem Frust sein. Frust, den so oder ähnlich sicher schon viele erlebt haben, die regelmäßig mit dem Flugzeug verreisen. Die Maschine hat zwei Stunden Verspätung, die Mitarbeiter der Fluggesellschaft wirken eher wie die eines Geheimdienstes, und die Passagiere fühlen sich an einem Flughafen gestrandet, zu dem sie gar nicht wollten. Kurzum: Dies könnte die Geschichte des Fluges AB 8719 sein, der in dieser Woche von Rom nach Düsseldorf fliegen sollte, zu spät abhob, in der Landeshauptstadt dann nicht mehr landen durfte und in Köln aufsetzte, um dort die Fluggäste nachts um 1 Uhr sich selbst zu überlassen.

Ist es aber nicht. Dies ist die Geschichte der Passagiere von Flug AB 8719, die aus Montpellier und Tel Aviv kommen, Deutsch, Englisch oder Italienisch sprechen und vor lauter Ratlosigkeit einfach ins Plaudern kommen. Da ist die Gruppe junger Amerikaner. Eigentlich wollte sie aus San Francisco nach Berlin, dann ist der Flugplan aber vom Wetter durchgewirbelt worden. In Rom sah man sich nur noch in der Lage, sie spät abends fliegen zu lassen, nach Düsseldorf, ach nein - nach Köln. Als die Durchsage kommt, dreht sich einer von ihnen verzweifelt in seinem Sitz zum Hintermann durch. "Wie viel näher ist Köln an Berlin?"

Nebenan sortieren sich die Passagiere noch. "Wollen Sie nebeneinander sitzen, dann tauschen wir die Plätze", fragt ein Ehepaar zwei Passagiere im Gang. "Wir gehören gar nicht zusammen. Wir teilen nur das selbe Schicksal", entgegnet einer. Alle vier lachen kurz. Später werden sie gemeinsam anstoßen und vom Miniatur-Wunderland in Hamburg schwärmen. Ihr Altersunterschied beträgt bestimmt 20 Jahre.

Was die Passagiere in Rom, der Luft, Köln und Düsseldorf miteinander reden, geht vielleicht nicht besonders tief. Aber die Atmosphäre ist bemerkenswert. Telefonnummern und E-Mail-Adressen werden ausgetauscht. Dabei verbindet die Gäste zunächst gar nicht viel, oftmals nicht einmal die selbe Sprache. Eines aber hat alle Biografien an diesen Punkt zusammengeführt: Der schlimm-schöne Flug AB 8719.

Man hört noch viel mehr an diesem Abend. Von der Zahntechnikerin, die in wenigen Stunden ihre neue Stelle antritt, und der Rentnerin, die zwei Wochen in Israel war und sich erst einmal erzählen lässt, was in der Zwischenzeit daheim alles passiert ist. Von dem jungen Pärchen, das, wie sich etwas später herausstellt, gar kein Pärchen ist. Nur zwei junge Menschen, die gerade herausgefunden haben, dass sie seit Jahren wenige Straßen voneinander entfernt leben.

Eine Italienerin ist zum ersten Mal in Deutschland. "Ich dachte, dass hier alles besser organisiert ist", sagt sie. "Aber die Menschen sind netter, als immer erzählt wird."

VON LUDWIG KRAUSE

Quelle: RP
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