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Serie "So wohnt Düsseldorf"
Die Stadt baut auf Backstein

Serie "So wohnt Düsseldorf": Die Stadt baut auf Backstein
Backstein galt in der Weimarer Zeit als beliebtestes Baumaterial: In den 1920er-Jahren entstanden die beiden Hochhäuser an der Theodor-Heuss-Brücke. FOTO: Bretz, Andreas (abr)
Düsseldorf. In den 1920er-Jahren entstanden große Siedlungen. Bis heute sind Ziegel ein beliebtes Baumaterial. Von Ute Rasch und Andreas Bretz (Fotos)

In der Ferne sind die Gerresheimer Höhen zu erkennen, die Hochhäuser von Ratingen, die Schlote von Duisburg. Wer auf dieser Terrasse steht, schaut auf Düsseldorf herab. Eine große Sitzgruppe wird zurzeit noch mit Folien vor dem nächsten Aprilschauer geschützt, aber der Grill steht schon bereit für laue Abende unter freiem Himmel. Dieser Platz mit Fernblick krönt eines der beiden Hochhäuser an der Auffahrt zur Theodor-Heuss-Brücke in Golzheim. Erbaut in den 1920er-Jahren, sind die Wohntürme ein prominentes Beispiel für ein Baumaterial, auf das die Düsseldorfer Architektur seit mehr als 100 Jahren baut: Backstein.

Es war die Zeit der großen Wohnungsnot. Einige Jahre nach Ende des Ersten Weltkriegs war die wirtschaftliche Situation Düsseldorfs miserabel, Massenentlassungen bei Rheinmetall, einem der großen Arbeitgeber, waren an der Tagesordnung. Tausende hausten in Elendsquartieren wie in der wild wuchernden Siedlung am Hellweg - von der Stadt toleriert. "Aber allmählich wurde den Politikern klar, dass sie was tun mussten", sagt der Historiker Peter Henkel, Experte für die Düsseldorfer Industriegeschichte. So wurden Grundstücke bereitgestellt und ein Wohnungsbauprogramm beschlossen, in deren Folge der Eulerhof in Flingern, der Michaelhof in Bilk, die Zollhaus-Siedlung in Gerresheim und die Rheinparksiedlung in Golzheim mit den beiden Hochhäusern entstanden - alle aus Backstein. "Das waren Vorzeigebauten der Weimarer Republik."

Fernblick bis zum Horizont bietet diese Terrasse im elften Stock eines der beiden Wohntürme. FOTO: Bretz, Andreas (abr)

Auch deshalb: Die fast 500 Wohnungen des Michaelhofs boten eine Ausstattung, die ihre Bewohner als luxuriös empfanden - mit eigenen Bädern, Balkonen und Zentralheizung. "Ein Idealbild des gesunden und sozialen Wohnungsbaus", so zitiert Henkel eine Fachzeitschrift, die die Siedlung "in ihrer Vollkommenheit" als einzigartig feierte. Ein eigenes Bad hatten die Neuzugezogenen im Eulerhof zwar nicht, dafür wurde ein Gemeinschaftsbad in die Mitte der Siedlung gerückt.

Golzheim war anders, schon damals. Die Wohnungen der Siedlung Rheinpark mit den beiden Türmen, die zu den ersten Wohnhochhäusern Deutschlands zählen, gelten optisch als Verwandte des sozialen Wohnungsbaus aus der Zeit, aber sie wurden damals für Besserverdienende konzipiert. Mit großzügig geschnittenen Vier-Zimmer-Wohnungen, inklusive Ankleidezimmer und Dienstmädchenkammer.

Auch heute wird gern mit Backstein gebaut: Dieser neue Komplex an der Bankstraße zitiert mit seinen hellen Ziegeln die Architektur-Vergangenheit. FOTO: Bretz, Andreas (abr)

Da der Bau der späteren Theodor-Heuss-Brücke zu diesem Zeitpunkt schon geplant war (aber dann doch erst in den 1950er-Jahren realisiert wurde) entwarf der Schweizer Architekt William Dunkel die elfgeschossigen Türme als Stadttor und Brückenkopf gleichermaßen. Heute werden sie getrennt von diesem massiven Bauwerk und dem Verkehr, der Tag und Nacht fast in Fensternähe vorüberrauscht. Störend? "Überhaupt nicht", findet der Bewohner des Penthauses mit der großen Dachterrasse. Das gehöre nun mal zu Metropolen dazu. "Das liebt man oder man lehnt es ab." Für ihn und seine Familie sei das jedenfalls keine Frage gewesen, als er diese oberste Etage und einen Teil der Etage darunter kaufen und ganz nach seinen Vorstellungen umgestalten konnte.

Dort ist vom Verkehr durch Mehrfach-Glasfenster nicht mal ein leises Rauschen zu hören. Der große Wohnraum, der von allen Seiten Ausblicke auf die Terrasse gewährt, wird von mattgrauen Wänden und dunklem Parkett geprägt. Ein langer Esstisch bietet vielen Freunden Platz, eine offene Küche ist hinter einer glatten Holzfassade kaum zu erkennen, sie wird von Bücherregalen aus demselben Material fortgeführt. Vom Schlafzimmer mit schwarzer Tapete, die das Licht reflektiert und kein bisschen düster wirkt, führt eine Treppe in die untere Etage - zu einem Ankleidezimmer.

Die Türme gehörten einst den Stadtwerken, heute sind die meisten Wohnungen Eigentum ihrer Bewohner. Die wenigen Mietwohnungen sind im Besitz einer niederländischen Immobilienfirma. Original erhalten geblieben sind die türkisfarbenen Kacheln im Eingangsbereich. Und die strenge Backsteinfassade. Diese Art der Architektur prägte nicht nur in den 1920er-Jahren die Stadt. Peter Henkel: "Es wurde auch später immer wieder gern mit Backstein gebaut", auch um die Vergangenheit zu zitieren. Und so haben die dunklen Fassaden nach dem Zweiten Weltkrieg eine Renaissance erfahren, dann im Kirchenbau der 1960er-Jahre und später im Clemensviertel in Kaiserswerth.

Aber seine Blüte erlebte Backstein während des Baubooms in der Weimarer Zeit. Als allein 40 große und hunderte kleiner Ziegeleien in Düsseldorf produzierten. Die kleineren wanderten von Baustelle zu Baustelle, trugen den lehmhaltigen Boden ab und brannten die Ziegel an Ort und Stelle. Henkel: "Das erklärt, warum viele Grundstücke in den Stadtteilen unter Straßenniveau liegen." Ihnen wurde das Baumaterial einfach weggeschaufelt.

Quelle: RP
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