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Düsseldorf
Die Stadt verliert zwei wunderbare Sänger

Düsseldorf: Die Stadt verliert zwei wunderbare Sänger
Bassbariton Oleg Bryjak bei einer konzertanten Opernaufführung mit den Duisburger Philharmonikern FOTO: Michel
Düsseldorf. Bassbariton Oleg Bryjak aus dem Rheinopern-Ensemble und Altistin Maria Radner, die in Düsseldorf groß wurde, starben beim Absturz.. Von Wolfram Goertz

Erst beim Applaus hatten sie Seite an Seite gestanden, im Stück können sie einander nie begegnen. Der tückische Alberich singt in Wagners "Siegfried" nur im zweiten Akt, die mahnende Erda nur im dritten. Als Oleg Bryjak und Maria Radner am Samstag im Gran Teatre del Liceu den Beifall entgegennahmen, dachten sie: Diese schöne Serie von Vorstellungen ist vorüber, in ein paar Tagen werden wir nach Hause fliegen, nach Düsseldorf, zu unseren Lieben. Dorthin kamen sie nicht zurück, denn sie saßen an Bord von Flug 4U9525.

Die internationale Musikwelt betrauert den Tod zweier ungewöhnlicher Künstler, die Düsseldorf eng verbunden waren, obwohl sie längst die weite Welt der Oper erobert hatten. Bryjak, 1960 in Kasachstan geboren, war 1996 über Lemberg, Tscheljabinsk, St. Petersberg und Karlsruhe an die Rheinoper nach Düsseldorf gekommen. Hier fühlte er sich pudelwohl, hier wollte er nicht weg - obwohl er Engagements überall hatte: Im Sommer etwa sollte er den Alberich in Bayreuth singen, eine seiner Paraderollen.

Diesen Bösewicht in seiner ganzen Niedertracht und Geldgier verkörperte der famose Bassbariton deshalb so perfekt, weil Oleg Bryjak als Mensch das genaue Gegenteil war: liebenswert, immer herzlich in seinen Umarmungen. Von einer Tournee mit Daniel Barenboim und der Staatsoper Berlin nach Tokio konnte er schwärmend erzählen, als habe man ihm ein schönes Geschenk gemacht, dessen Wert er immer noch nicht fassen konnte. Diese Gastspiele - auch solche in Chicago, Baden-Baden, London, Paris, Wien - waren Zückerchen. Doch auch an der Rheinoper, die er so liebte, gab er sein Bestes. Das klang so: eine sehr gut geerdete Stimme mit Farben und Facetten, bisweilen auch gewollter Schärfe, kein Dröhnerich.

Wie breit Bryjaks Spektrum war, zeigt sein Plan für die nächsten Wochen, der auf schreckliche Weise Makulatur geworden ist: Diesen Monat noch hätte er in Düsseldorf den Gianni Schicchi in Puccinis komischer Oper singen sollen; am 13. Juni war er bei der Premiere von Prokofieffs Oper "Der feurige Engel" als Inquisitor vorgesehen, der ekstatische Nonnen zum Flammentod verurteilt. Diese Partie beherrschen nur wenige Sänger. Bryjak freute sich drauf und ließ in seiner humorvollen Art alle an dieser Freude teilhaben. An der Rheinoper hängt die Stimmung, seit Bryjaks Tod bekannt wurde, tiefer als nur auf halbmast.

Maria Radner, das waschechte Düsseldorfer Mädchen mit dem Abitur am Ursulinen-Gymnasium, vertrat ebenfalls das tiefe Fach, das sie auf ihre sehr spezielle Weise ausfüllte. Sie machte jedoch keine Etappenkarriere, bei ihr ging es in Windeseile. Kaum hatte sie das Examen in Düsseldorf abgelegt, wurde sie weggepflückt. In Bregenz sang sie Händels Salomo, an der New Yorker Met eine Norne in Wagners "Götterdämmerung"; sie war in London und Genf ein beliebter Gast. Und wo immer sie auftrat, labte man sich an einer voluminösen, tragfähigen, aber nie dicklich orgelnden Stimme. Maria Radner hatte bei ihrer Lehrerin an der hiesigen Robert-Schumann-Hochschule, der Gesangsprofessorin Michaela Krämer, früh gelernt, die Stimme nicht zu forcieren, sondern einfach weit, weich und sinnlich schwingen zu lassen. Wie das unvergesslich klingt, kann man auf Markus Stenz' Kölner Aufnahme von Gustav Mahlers 8. Symphonie mit dem Gürzenich-Orchester hören.

Solche Stimmen, die wie aus einem anderen Stockwerk zu einem sprechen, aber dabei nicht unnatürlich klingen, gibt es nur selten auf der Welt. Genau deshalb war sie für manchen Dirigenten bereits die Idealbesetzung. Auch Maria Radner hätte in diesem Sommer ihr Debüt bei den Bayreuther Festspielen geben sollen. Dann hätten die beiden Künstler aus Düsseldorf wieder nur beim Schlussapplaus nebeneinander auf der Bühne gestanden und Düsseldorf wunderbar vor internationalem Publikum vertreten.

Maria Radner einte mit Bryjak die Abscheu gegen den Starkult. Sie war auf ihre Weise eine sehr zugängliche, herzliche, ihre Freundschaften unermüdlich pflegende Künstlerin ohne Missgunst und Arg. Auch deshalb herrscht bei allen, die sie kannten und mochten, eine schwer beschreibbare, tiefe Traurigkeit.

Quelle: RP
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