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Düsseldorf
Die weibliche Seite der Reformation

Düsseldorf: Die weibliche Seite der Reformation
Helga Boese im Kostüm der Fürstin Elisabeth von Calenberg-Göttingen mit Superintendentin Henrike Tetz FOTO: Andreas Bretz
Düsseldorf. Mit einer Andacht, einem Empfang im Bachsaal und einem Gottesdienst gedenken Düsseldorfs evangelische Christen der Ereignisse vor beinahe 500 Jahren. Von Jörg Janssen

Luther, Melanchthon, Calvin, Zwingli: Männer machen (Reformations-)Geschichte. Könnte man meinen. Dass dies aber nur eine verkürzte Sicht der Dinge ist, machten gestern sechs Frauen im Bachsaal der Johanneskirche am Martin-Luther-Platz deutlich. "Die weibliche Seite der Reformation" heißt das Stück einer Bonner Gruppe, das anlässlich des Empfangs am Reformationstag in Düsseldorf zum ersten Mal überhaupt aufgeführt wird. "Die richtige Premiere ist erst im März, deswegen freue ich mich besonders", sagte Superintendentin Henrike Tetz.

In Kostüme des 16. Jahrhunderts gehüllt, schlüpfen die Darstellerinnen in die Rolle von Frauen, deren Leben eng mit der reformatorischen Bewegung verbunden ist: Katharina Schütz, Katharina von Bora (Luthers Ehefrau), Wibrandis Rosenblatt, Magdalena Heymair und Elisabeth, Fürstin von Calenberg-Göttingen. Was das von Simone Silberzahn als "Frau von heute" moderierte Stück zeigt: Die Frauen verfassen Lied- und Trostbücher, halten Andachten und theologische Tischreden, beherbergen Glaubensflüchtlinge, begleiten Sterbende und bauen eine Pfarrhaus-Kultur auf. Ihr Einfluss ist groß, anerkannt wird das nicht immer. "Meine Briefe wurden weggeworfen, meine Tischreden unter den Tisch gekehrt", lassen die Autorinnen Katharina von Bora (Sabine Cornelissen) sagen.

"Gelungen", sagen die meisten, die im Publikum sitzen, anschließend über das Stück. Gekommen sind an diesem 499. Reformationsgedenktag zahlreiche Vertreter aus Politik, Verwaltung und Gesellschaft. Bürgermeister Günter Karen-Jungen, Dezernent Andreas Meyer-Falcke, Kämmererin Dorothée Schneider sowie die Abgeordneten Andreas Rimkus (Bundestag) und Marion Warden (Landtag) zählen ebenso dazu wie Pfarrer Michael Dederichs (für die katholische Kirche) und Jonges-Baas Wolfgang Rolshoven.

Vor dem Empfang im Bachsaal fragt Superintendentin Henrike Tetz in einer Andacht, wie Luther sich in all dem Rummel um seine Person gefühlt haben muss, "zwischen Hype und Häme, zwischen Euphorie und Shitstorm, als Projektionsfläche für all die Sehnsüchte der damaligen Menschen". Dass er sich nicht so in den Mittelpunkt stellen wollte, davon ist die Superintendentin überzeugt.

Beim Reformationsgottesdienst am Abend stellt Pfarrer Heinrich Fucks, im Kirchenkreis neuer Leiter der Abteilung Verkündigung, selbstkritische Fragen an den Ist-Zustand des Protestantismus. "Wir geraten beim Arbeiten ins Schwärmen, sie sei Selbstverwirklichung Gottes, Auftrag, den Willen Gottes umzusetzen. Wie hältst Du es, Protestantin und Protestant, mit der Ruhe, mit der Muße, mit dem siebten Tag?", fragt er. Offen spricht Fucks über schrumpfende Gemeinden, die Aufgabe von Gebäuden. "Das Volk läuft der Volkskirche davon. Und wir ahnen, wie es sein könnte, mit leeren Händen dazustehen." Die Gläubigen ermuntert er, sich dennoch an das vom Kabarettisten Hanns Dieter Hüsch stammende Motto des reformatorischen Jubiläumsjahres zu halten: "Schaut her: Wir sind vergnügt, erlöst, befreit."

Quelle: RP
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